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11. November 2013

Unter Beobachtung

Eine Dose Sprührahm, einen Beutel mit vorgewaschenem Salat (und nicht mal bio!), eine extragrosse Tüte Chips … Ich merke schon, dass ich beobachtet werde, wenn ich mich beim eiligen Einkauf versündige. Lege ich zu alledem gar einen Energydrink aufs Band, weil er mich aus dem Kühlregal neben der Kasse so verlockend angelächelt hat, spüre ich sie förmlich, die Blicke in meinem Rücken, und wenn ich mich umdrehe, kann ich es in den Augen derer lesen, die strafend blicken: «Kann es sein, dass der Hausmann vom ‹Brüggli-Puur› seinen Kindern solch üble Dosendrinks kauft? Gehören sie womöglich zu den zahllosen übergewichtigen Goofen, die – man hats ja gelesen! – nur noch solche Drinks zum Frühstück nehmen? Und dazu eine dieser zuckrigen Kalorienbomben? Wie hiessen sie gleich, Cronuts?»

Ich spüre die strafenden Blicke.

Kaum daheim, verhöhnen mich die Kinder: «Druckst du wieder mal das Internet aus?», weil ich ein Interview mit Eminem aus dem amerikanischen «Rolling Stone» ausdrucken will und nicht gemerkt habe, dass nach dem eigent­lichen Artikel noch 17 Seiten Leserkommentare folgen. «Vati, bist du gamesüchtig?», klopft Tochterherz an die Toilettentür, als ich mal wieder überlang sitzen bleibe und am Handy rumfingere. Und wenn ich mich beim Schreiben eines SMS immer wieder vertippe und in der Zeit, in der sie zehn Messages gesendet hätten, keine halbe Nachricht zustande bringe, heissts nur: «Geits mit Sümsle?» Ach, sie wissen mit den digitalen Wirrnissen besser umzugehen als ich! Bis ich jeweils nur schon das Radio in der Küche wieder auf SRF1 programmiert habe, um das «Tagesgespräch» zu hören, wenn meine Teenies es in der Früh auf ihr Radio Energy getunt haben … Letzte Woche reichte es gerade noch, um Cédric Wermuth in einer Debatte um die 1:12-Initiative von «Hausmännern und Hausfrauen» reden zu hören. Neben Schreinerinnen und Landschaftsgärtnern nannte der junge Nationalrat uns als eine von vielen Berufsgattungen, die von morgens um acht bis abends spät krampfen würden und über irrwitzige Managersaläre nur den Kopf schütteln könnten.

Eingekaufte Waren auf dem Band an der Kasse.
«Ich spüre die strafenden Blicke.»

Recht hat er, nur hatte ich an jenem Tag nicht um acht begonnen. Sondern bereits um zehn nach sechs Frühstück gemacht, um 6.37 Uhr das Badezimmer poliert und noch vor sieben Uhr das Bügeleisen eingesteckt. Und als ich damit kurz nach Mittag auf Facebook rumbluffte, meldete sich eine Mutter aus Langnau im Emmental, der meine frühe Tagwacht nur ein müdes Lächeln ins Gesicht trieb. Ein müdes? Ein übermüdetes. Um zehn nach sechs in der Früh habe sie jeweils bereits zwei Kafi intus! Aber vielleicht sollten wir alle ein bisschen weniger eifrig sein und uns ein grosses Wort zu Herzen nehmen, das der Sohn von Leserin Fränzi jüngst ausgesprochen hat. Vom Mami ermuntert, mit den Hausaufgaben, die er übers Wochenende hatte, doch schon am Freitagabend zu beginnen, verneinte er locker: «Ich ha no gnueg Ziit zum d Ufzgi ned mache!» Die Ausrede muss ich mir merken! Blusen bügeln? Endlich, endlich den Keller entrümpeln? Adventskalender basteln? Hab noch lang genug Zeit, das alles nicht zu tun …

Und was den Energydrink betrifft: Der war nicht für die Kinder, ich trank ihn, weil ich am späten Nachmittag immer so einen brutalen Müdigkeitsanfall habe, auf der Stelle leer und warf die Dose auf dem Heimweg in den Metallcontainer. Anna Luna und Hans werden nichts davon erfahren.

Bänz Friedli live: 14. 11. Bremgarten BE, 15. 11. Langnau i. E. (mit Tinu Heiniger), 16. 11. Luzern.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli