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24. Februar 2014

«Unsere Schulen fördern kreatives Denken»

Die Bildungssysteme sind heute auf Leistung und Wirtschaft ausgerichtet und zerstören die Kreativität. Diese Kritik übt Regisseur Erwin Wagenhofer im Dokumentarfilm «Alphabet». Auf Schweizer Schulen treffen die provokanten Thesen des Österreichers nur bedingt zu, finden der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver und der Zürcher Kinderarzt Remo Largo.

Chinesische Schulklasse: alle Kinder in Uniform, sie turnen der Lehrerin synchron nach
Drill und Uniformität: Aus kreativen Kindern werden leistungsfähige Prüfungsmaschinen. (Bild: Reuters)

These 1

Unser Bildungssystem ist ganz auf die Wirtschaft ausgerichtet und funktioniert noch immer wie zu seiner Entstehungszeit nach der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert. Es produziert Menschen, die wie Maschinen funktionieren.

Remo Largo: Teilweise einverstanden. Die Volksschule folgt immer noch stark den Prinzipien aus ihrer Entstehungszeit. Dabei sind heute nicht mehr Stöcklirechnen, Schnürlischrift und Auswendiglernen gefragt, sondern Computerfähigkeiten, Verantwortungsbereitschaft und Sozialkompetenz. Diese Herausforderung, zum Beispiel in der Informationstechnologie, stellt sich aber weniger den Kindern als vielmehr Eltern und Lehrern. Zu fordern, die Schule solle nicht auf die Wirtschaft schauen, scheint mir hingegen naiv.

These 2

Die Schule wird dominiert vom Leistungsdruck, und die wirtschaftliche Konkurrenz aus Asien verstärkt diese Tendenz noch.

Remo Largo: Weitgehend einverstanden. Aber es ist nicht nur die Schule, es sind auch die Eltern und die Gesellschaft, die so auf Leistung drängen. Dahinter steckt eine existenzielle Grundangst. Wir leben zwar in einem enormen Wohlstand, befürchten aber, dass es uns bald mal schlechter gehen könnte und dass die Chinesen, wenn sie so weitermachen, schon bald die Wirtschaft beherrschen. Also müssen wir schauen, dass wir dem etwas entgegensetzen. Der Leistungsdruck entsteht aber auch, weil die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt stetig steigen.

These 3

Das Bildungssystem führt zu einer systematischen Zerstörung der Kreativität: Konkurrenzkampf und Druck verwandeln Kinder in Prüfungsmaschinen.

Bernhard Pulver: Es gibt immer wieder Situationen, wo die Kreativität zu wenig gefördert, im schlimmsten Fall sogar zerstört wird. Aber im Grossen und Ganzen haben wir eine menschliche Schule. Ich würde dem Filmer empfehlen, mal in einige Volksschulklassen im Kanton Bern zu gehen. Wir sind heute nicht weniger kreativ als früher, aber wohl weniger kreativ, als wir sein könnten.

These 4

Die Menschheit wird nicht mehr in gleichem Mass grossartige kreative Erfindungen und Neuentwicklungen zustande bringen, weil ihr das Bildungssystem kreatives Denken, Neugier und Anderssein systematisch ausgetrieben hat.

These 5

Die Schule ist überflüssig: Die natürliche Lebenskraft der Kinder, Spiel und Begeisterung sind alles, was es braucht, denn jedes Kind ist auf seine Weise «hochbegabt».

Bernhard Pulver: Die These, man könne die Kinder sozusagen frei ihr Wissen erwerben lassen, halte ich für realitätsfremd. So was wäre höchstens in einem Naturzustand der menschlichen Gesellschaft möglich, ansonsten hat es sich in den letzten Jahrhunderten sehr bewährt, Bildung in einer Institution wie der Schule zu vermitteln.

These 6

Kinder mit Behinderung oder anderen Defiziten sollten ins Schulsystem integriert werden. Mit der richtigen Förderung können sie so weit kommen wie alle anderen.

Remo Largo: Das stimmt so nicht und weckt bei den Eltern unrealistische Hoffnungen. Kinder haben unterschiedliche Entwicklungspotenziale. Ich bin für eine Integration, falls drei Bedingungen erfüllt sind: 1. Das Kind ist sozial integriert, wird also von den anderen Kindern akzeptiert. 2. Die Leistungsanforderungen sind dem Kind angepasst, es hat Erfolgserlebnisse. 3. Es erlebt, dass es mit den anderen Kindern einigermassen mithalten kann.

These 7

Die Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie ist eine der fatalsten Entwicklungen der heutigen Zeit. Die Schule sozialisiert die Menschen dort hinein, und nur wenige brechen jemals aus. Die meisten folgen dem System wie Lemminge.

Remo Largo: Das hat schon was. Aber das Bildungssystem ist nicht der Grund dafür, sondern eine Folge davon. Die Gesellschaft als Ganzes ist aufs Materielle fokussiert. Wir müssen also eine Diskussion nicht nur über die Schule, sondern über unser Wertesystem und recht eigentlich den Lebenssinn führen. Wir sollten beispielsweise mehr Wert auf Beziehungen in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft legen. Die Ökonomie pauschal zu verteufeln, bringt uns jedoch nicht weiter.

These 8

Reformen im Bildungssystem reichen nicht, es braucht eine Revolution, die alte Strukturen zertrümmert und Raum für Neues schafft.

Bernhard Pulver: Vom Zertrümmern halte ich wenig. Ich will die Dinge schrittweise, mit den Menschen und im gesamten Kontext weiterentwickeln.

Das Fazit

www.alphabet-film.com