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13. Mai 2013

Unsere Freunde im Norden

Deutschland ist ein beliebtes Ziel der Schweizer. Was macht die Anziehungskraft des Nachbarn aus? Eine persönliche Entdeckungsreise vom Bodensee bis Hamburg mit überraschenden Gemeinsamkeiten beider Länder.

Berlin
Berlin

Die zwischen Basel und Kreuzlingen verlaufende Grenze trennt die Schweiz von Deutschland. Mehr als eine geografische Aufteilung zweier Länder ist das allerdings nicht. Denn die Menschen nördlich und südlich dieser Linie sind sich ähnlicher, als viele denken. In der Grenzregion selbst gibts nicht mal sprachliche Unterschiede: Sämtliche Dialekte sind alemannischer Abstammung und können von ungeübten Ohren weder der einen noch der anderen Seite zugeordnet werden. Weitere Gemeinsamkeiten bleiben indes auch ohne die verbindende Sprache bis in den hohen Norden erhalten. Das Bild eines Landes, das sich mit dem der Schweiz in vielen Punkten erstaunlich gut deckt, zeichnet sich für den Schreibenden auf seinen über 200 Reisen in viele Ecken Deutschlands während der vergangenen vier bis fünf Jahre.

Zugfahren macht Laune

Skyline von Frankfurt
Skyline von Frankfurt

Beispielsweise zählt das Klagen zu den liebsten Hobbys in beiden Ländern. Sehr gerne über das Wetter – zu heiss, zu kalt, zu nass. Ebenfalls ein häufiges Opfer: die SBB bzw. die Deutsche Bahn. Schon nur wenige Minuten Verspätung können sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz wahre Entrüstungsstürme auslösen. Und wenn der Zug wie an den meisten Tagen auf die Minute pünktlich losfährt und auch ankommt, wird über die Mitreisenden gejammert – zu viel Gepäck, zu langsam, zu laut. Am schönsten jedoch ist diese Geschichte: Am Bahnhof Frankfurt beklagt sich eine auf dem Bahnsteig wartende Frau in völligem Ernst über Menschen, die sich oft und gerne beklagen. Einfach nur herrlich. Und alle Schweizer, die das hören, fühlen sich sofort wie daheim. Ebenfalls in beiden Ländern spielen Werte wie Familie, Beruf und finanzielle Sicherheit eine wichtige Rolle. Das verbindet. Zudem ist es bei einer Reise gen Norden sehr angenehm, sich im Gegensatz zu Trips nach Frankreich, Italien oder England mit allen Menschen auf Anhieb verständigen zu können. Dabei spielt es keine Rolle, dass wir kein perfektes Hochdeutsch sprechen. Die Deutschen dürfen ruhig den Schweizer in uns raushören – denn sie finden den Akzent «herzig» und lernen gerne typische Ausdrücke dazu.

Bremens Marktplatz
Bremens Marktplatz

Ungewohnt für viele Schweizer dürfte dagegen die Offenheit der Deutschen sein. Und zwar gilt die Faustregel: Je nördlicher die Stadt, desto unkomplizierter der Mensch. Während man sich am Bodensee noch redlich bemühen muss, mit jemandem ins Gespräch zu kommen, belagern einen die Bremer geradezu. So passiert an einem sonnigen Samstagmorgen auf dem Marktplatz bei den Stadtmusikanten: Unverhofft von jemandem angesprochen, gesellen sich immer mehr Einheimische dazu, snacken auf die Touristen ein und interessieren sich für das Woher und Wieso. Aber auch in der Rheingegend um die Karnevalshochburgen Düsseldorf und Köln ist es schwierig, sich nicht von der Heiterkeit der Bewohner anstecken zu lassen. Denn selbst der traurigste Satz klingt dank dem Singsangdialekt der Region irgendwie fröhlich.

Die reichen Schweizer

Spreeufer Berlin
Spreeufer Berlin

Etwas überwältigend dürfte im ersten Moment auch die schiere Grösse Deutschlands wirken: Während mit Zürich die bevölkerungsreichste Schweizer Stadt je nach zählweise auf höchstens 400'000 Einwohner kommt, zählt man in Berlin, Hamburg und München problemlos das vier- bis zehnfache davon. Auch flächenmässig sind das andere «Hausnummern». So dauert eine Fahrt mit der U-Bahn in der deutschen Hauptstadt von Pankow nach Neukölln genau so lange, wie die knapp 70 Kilometer lange Zugreise Bern–Olten. Das ist super! Warum? Eine Städtereise in Deutschland bietet genügend Abwechslung für mehrere Tage. In Hamburg beispielsweise geniesst man eine Hafenrundfahrt, besucht frühmorgens den traditionellen Fischmarkt, spaziert die Landungsbrücken entlang, saugt die spezielle Stimmung an der Reeperbahn auf und schaut sich die wunderschöne Binnenalster an.

Düsseldorf am Rhein
Düsseldorf am Rhein

Wenn Schweizerinnen und Schweizer nach Deutschland reisen, werden sie mit offenen Armen empfangen. Die aktuellen Diskussionen um Fluglärm und Steuer-CDs zwischen den Politikern aus den beiden Ländern, spielen in der normalen Bevölkerung überhaupt keine Rolle. Auch von der landläufig attestierten Arroganz ist nichts zu spüren. Im Gegenteil: Unserem Land wird im Vier-Augen-Gespräch immer noch sehr viel Respekt entgegengebracht. Es ist von Norden bis Süden bekannt, dass bei uns Käse, Schokolade sowie Uhren eine wichtige Rolle spielen und hierzulande ein wesentlich höheres Preisniveau herrscht. Gerade mit Letzterem kokettieren unsere nördlichen Nachbarn sehr, sehr gerne. Als Schweizer hört man oft, man sei doch unglaublich reich und bunkere das Geld gleich haufenweise im hauseigenen Tresor. Doch wer mit Humor darauf reagiert und zwischendurch ein grosses Pils für umgerechnet drei Franken spendiert, gibt die richtige Antwort.

Deutsche Besonderheiten

Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht oder andere Eindrücke gewonnen? Schreiben Sie uns im Kommentarfeld, welche Besonderheiten die meisten Deutschen auszeichnet und was weitere Gemeinsamkeiten oder Unterschiede sind.

Autor: Reto Vogt

Fotograf: Reto Vogt