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30. März 2017

Unser Jetlag

Statt drei Uhr plötzlich zwei Uhr
Wer hat an der Uhr gedreht? Statt drei Uhr plötzlich zwei Uhr. (Bild: Pixabay.com)

Wenn die Uhren umgestellt werden, verwandeln wir Leinenbach uns binnen zwei Tagen in Zombies. Nicht dass ich wüsste, wie sich die Untoten fühlen, aber ich stelle es mir ungefähr so vor. Sonntags geht es ja noch einigermassen. Da lässt sich die «neue» Zeit ignorieren, da verdrängen wir fleissig: essen um halb zwei Zmittag und leben in den Tag hinein. Montags kommt aber der Hammer: Ein wenig im Bett liegen bleiben und in der neuen Zeit ankommen? Forget it! Denn: OMG, ist es wirklich schon acht Uhr? Ich schicke die Kinder dann gern in Pyjamas aus dem Haus, mit dem Zmorge noch in der Hand ...

Damit wir nicht jedes verdammte Mal in die Falle tappen, stelle ich mir an diesem einen Montag im Jahr den Wecker. Selbstverständlich bin ich dann schon eine Stunde vor dem Klingeltermin wach. Die Angst, das Signal zu überschlafen, ist einfach zu gross. In Zahlen ausgedrückt: Obwohl ich bis sieben Uhr schlafen könnte (also bis sechs, was okay ist), sitze ich de facto um fünf senkrecht im Bett.
Hilft ja alles nix, ran an das Tagwerk. Erst ekle ich die Kinder aus den Federn. Die sind beide noch nicht parat für den Tag und sprechen mit weinerlichen Stimmen. Ida friert und Eva versucht, unauffällig wieder auf der Couch weiterzuschlafen. Herr Leinenbach nutzt die Gelegenheit zu gern, um damit zu prahlen, dass er aus beruflichen Gründen ein Jetlag-Profi ist. Mit anderen Worten: Unser Montag beginnt harmonisch und voller Liebe.

Wenn die Kinder endlich aus dem Haus sind, könnte ich ein Stündchen nachschlafen. Wäre da nicht der DHL-Mann, der ausgerechnet jetzt eine Unterschrift von mir will. Er kennt mich ja in vielen erbärmlichen Zuständen, aber am ersten Montag in der Sommerzeit ist es besonders schlimm. Ich schätze, er nennt jenen Montag insgeheim den «Nachthemd-Tag». Das Gute daran ist, dass ich anschliessend wach bin. Jetzt könnte der Tag normal weiterlaufen, aber um ungefähr zehn Uhr alte Zeit fällt mir ein, dass Zehn das neue Elf ist.

Ich liebe es, am frühen Morgen zu kochen. Der Kühlschrank schlägt ein deftiges Fleischgericht vor. Während also die Schnitzel in der Pfanne brutzeln, löffle ich mein Bircher Müesli und trinke die erste Tasse Kaffee. Jetlag total. Meinen Kindern geht es ähnlich. Um kurz nach Zwölf (neue Zeit) hängen die beiden lustlos am Tisch und schieben die Nüdeli durch die Gegend. Geschenkt! Ich habe ja auch keinen Hunger. Eine Stunde später darf es dann plötzlich ein halbes Schwein sein. Leider haben wir dafür keine Zeit mehr, da die Grosse wieder in die Schule muss. Schnitzel to go? Eva wandert wieder auf die Couch, ich kippe mir die siebte oder achte Tasse Kaffee hinter die Binde.

Unser Jetlag-Montag zieht sich wie Kaugummi. Erst am Nachmittag steigt bei allen die Stimmung. Da man sich nicht gegen die Zeitumstellung wehren soll, ziehe ich den Znacht ein wenig vor. Das klappt mittelgut. «Warum habt ihr eigentlich die Uhr vorgedreht?», will Ida wissen. Keine Ahnung. Warum eigentlich? Am Zombie-Montag sehe ich keinen Sinn in der ganzen Aktion. Die nächste Nacht, die mal wieder kurz ausfällt, bestätigt diesen Eindruck.

Vielflieger verweisen gern auf die goldene Regel: Wer sechs Stunden in der Zeit verschoben wird, braucht sechs Tage, um in der neuen Realität anzukommen. Das kann nicht stimmen. Sie haben uns nur eine Stunde geklaut, und heute, am vierten Tag, fühle ich mich immer noch wie ein «Mombie». Das ist eine Kreuzung aus Mommy und Zombie.

Autor: Bettina Leinenbach