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01. Juli 2013

Unlimitierte Liebe

Paul liebt Michaela, Katrin und Jacky. Liebe ohne Besitzansprüche, geht das? Drei Geschichten über drei Menschen, die etwas vereint: Sie leben polyamor.

Illustration zum polyamoren Beziehungsleben von Paul
Paul liebt die blonde Jacky, Katrin die immer rote Turnschuhe trägt, und Michaela, mit der er zusammenwohnt. (Illustration: Carina Vögele)

PAUL

Pauls Glas ist leer. Er studiert die Barkarte. «Ach, ich kann mich nicht entscheiden.» Nach einigen Sekunden Nachdenken bestellt er sich ein grosses Panaché. Neben ihm sitzt Julia. Sie teilen sich einen gemischten Salat mit French-Dressing, 13 Franken 50. Paul und Julia teilen sich auch Jacky, 34 Jahre. Die kommt gerade zur Tür herein und ist etwas ausser Atem. Zuerst fällt Julia Jacky um den Hals, sie küssen sich auf den Mund. Paul steht daneben, wartet lächelnd, bis sich die beiden Frauen fertig begrüsst haben, dann geht er zu Jacky. Umarmung, langer Kuss, ein tiefer Blick in die Augen, sie wechseln leise ein paar Worte. Julia nippt an ihrer Cola, schaut auf den Teller mit den Salatsaucenresten. Später kuscheln die drei auf dem Sofa, Jacky in der Mitte. Sie lachen. Der Rest der Runde ist in Gespräche vertieft und beachtet sie kaum, nur die Neuen gucken unauffällig zu ihnen hinüber.

Claudia Haebler, Paartherapeutin
Claudia Haebler, Paartherapeutin

«EIFERSUCHT IST EIN PROBLEM»
Ausserdem zum Thema: Psychologin und Paartherapeutin Claudia Haebler über Polyamorie. Zum Interview

Zürich, eine Bar irgendwo im Kreis 3. Hier findet an diesem Abend der Zürcher Polyamorie-Stammtisch statt. Organisiert wird das Treffen von Silvia und Paul. Einmal im Monat setzen sich die beiden auf das Sofa, nippen an ihren Gläsern und richten ihre Blicke immer wieder mal auf die Glastür, durch die nach und nach Polyamore und solche, die es noch werden wollen, eintreten. Die Bar füllt sich, dunkle Kunstlederhocker werden herangerückt. Orangenjus, Schweppes und Cola. Die meisten müssen am nächsten Morgen früh raus.

Wenn ich Lust habe, eine Frau zu küssen, will ich sie küssen!

Paul sagt über sich: «Ich bin balzbehindert.» Trotzdem werde ihm die Liebe nachgeworfen. «Seit ich ‹poly› lebe, finden Menschen mich attraktiv, kommen auf mich zu und wollen etwas von mir. Das ist total neu für mich.» Wenn das geschieht, sagt Paul, muss er die Liebe akzeptieren und nicht töten. Paul ist 41 Jahre alt, fährt einen Mercedes und hat bis vor Kurzem als Produktmanager in der IT-Branche gearbeitet. Auf dem Kopf Millimeterschnitt, über seiner Nasenwurzel, zwischen den Augenbrauen, bildet seine Stirn eine dicke Falte. Darum wirkt Paul manchmal etwas ernsthaft. Vielleicht auch ein wenig böse, wenn er so Sachen sagt, wie: «Wenn ich meiner Freundin helfe, dass sie keine Eifersucht mehr empfindet, dann tu ich das, weil ich weniger Stress will.» Das klinge vielleicht egoistisch, aber er glaube, Egoismus sei etwas sehr Gesundes. Paul liebt drei Frauen. Alle wissen voneinander, alle führen mehrere Beziehungen.

Da wäre Michaela, mit der er seit sechs Jahren zusammenlebt und zu der er eine grosse Verbundenheit und Vertrautheit spürt. In ein paar Monaten wird sie bei Paul ausziehen und im Haus nebenan eine Wohnung mieten. Paul ist glücklich über diesen Entscheid, den sie beide zusammen gefällt haben. «Das ist die geilste Lösung.» So könne jeder machen, was ihm passt, und trotzdem sei man sich nah, lebe man Tür an Tür.

Seit bald zwei Jahren ist Paul auch mit Katrin zusammen, einer Rheinländerin, die in Wien wohnt. Sie fiel ihm auf, weil sie rote Chucks-Turnschuhe trug (Paul hat einen Sneaker-Fetisch). Über sie sagt er: «Sie ist mein weiblicher Klon.» Vor zehn Monaten trat Jacky in Pauls Leben, da war seine Verliebtheit bei Katrin gerade am Abklingen. Paul und Jacky sehen sich zurzeit oft. «Wir sind wie verknallte Teenager, wollen so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen.» Das braucht Organisation. Denn Jacky hat auch mehrere Beziehungen, ist verheiratet und Mutter einer Tochter.

Hätte Paul genug Geld, würde er jeder seiner Freundinnen eine Zweitwohnung kaufen, ja ein Haus, einen Stadtteil, und dann hätten sie alle «total viel Spass». Aber leider sei das gerade «out of budget». Paul lächelt selten, wenn er solche Sprüche macht. Könnte Paul in die Vergangenheit zurückreisen und seinem 18-jährigen Ich einen Ratschlag geben, so würde dieser lauten: Vergiss den «Monopiss» und denk über etwas Vernünftiges nach! Denn es gab einmal eine Zeit, da glaubte auch Paul an die grosse, ewige, einzige Liebe. «Was hätte ich auch sonst glauben sollen? Ich war ein TV-Konsument, wuchs in unserer Gesellschaft auf.» Die Traumprinzessin finden, heiraten, Auto kaufen, Haus bauen, Hund anschaffen. Dieser Plan sei ihm von der Gesellschaft eingetrichtert worden. Und diesen Plan hat er in die Tat umgesetzt. 1999 ist Paul in den Stand der Ehe eingetreten.

Paul war so weit zufrieden, Paul war treu. Als seine Frau ihren Ex-Freund wieder treffen wollte, war das für Paul okay. Es gab Leute in seinem Umfeld, die ihm Vorwürfe machten. Doch Paul freute sich, dass seine Frau glücklich war. Er fühlte sich sicher in der Beziehung, sie würde ihn für den anderen nicht verlassen, das wusste er. Alles lief bestens, bis Paul auch den Wunsch verspürte, ausserhalb der Ehe Erfahrungen zu machen. Seine Frau war einverstanden, stellte jedoch Bedingungen. Pauls Stimme wird heute noch laut, wenn er erzählt, wie er damit nicht einverstanden war, wie er «No Limits» forderte. «Wenn ich Lust habe, eine Frau zu küssen, will ich sie küssen!»

Die Beziehung, erzählt Paul, begann unter seiner Unzufriedenheit zu leiden. Er wollte absolute Freiheit, sie hielt an ihren Bedingungen fest. Also suchte sich das Paar Hilfe — und trennte sich auf dem Rückweg vom Therapeuten. Das ist nun acht Jahre her. Sich scheiden zu lassen, darauf hat er keinen Bock. Zu viel nerviger Papierkram. Paul liebt seine Frau immer noch, er wäre ihr gerne näher, aber sie hat keine Zeit. Paul akzeptiert das.

Nach der Trennung lernte er eine Frau kennen, die eine offene Beziehung führen wollte. Es kam der Tag, als Paul zum ersten Mal mit einer anderen schlief. Obwohl sie es sich versprochen hatten, gelang es ihm nicht, es seiner Freundin zu erzählen, so gross war sein schlechtes Gewissen. «Mit einer anderen Frau geschlafen? Böser Paul! Diese Mechanismen sind in unseren Köpfen eingebrannt. Das geht nicht einfach weg, das muss man aufwendig löschen und neu programmieren.» Er verbrachte seine Freizeit monatelang mit Nachdenken. Und programmierte sich sein neues Weltbild. Was dabei herauskam, war Polyamorie.

Seit einem Jahr arbeitet Paul nun nicht mehr, gönnt sich eine Auszeit. Polyamorie ist für ihn nicht mehr verhandelbar. Damit stösst er auf Unverständnis. «Wenn ich mit ‹Monos› rede, rennen die mir schreiend davon.» Darum umgibt er sich je länger, je mehr mit Menschen, die seine Weltanschauung akzeptieren. Paul gibt es zu, vielleicht, ja, vielleicht isoliere er sich.

In seiner Zürcher Dreizimmer-Dachwohnung brüht er jeden Tag einen Krug Ingwertee, bäckt jeden zweiten Tag ein Vollkornbrot mit Leinsamen und macht Pläne für seinen eigenen Bioimbiss. Paul hat viel freie Zeit, die er in seine Beziehungen investieren kann. Doch es sei nicht so, dass er sich nur auf seine drei Freundinnen konzentriere. Er geniesse es gleichzeitig sehr, Zeit für sich zu haben. Woher er die Zeit für seine Beziehungen nehmen wird, wenn er wieder arbeitet, weiss er nicht. «Werden wir dann sehen.» Wann hat man eine Beziehung, Paul? Er überlegt. Atmet laut aus. «Schwierige Frage. Es gibt einen gewissen Grad an Verbindlichkeit. Ich liebe. Ich fühle mich geliebt. Sex braucht es nicht unbedingt. Es ist schön, wenn das funktioniert, aber es ist keine zwingende Voraussetzung.» Paul wird oft gefragt, wie er es schafft, alle drei Freundinnen gleich zu behandeln. Doch davon hält er nichts. Für ihn sind alle drei Beziehungen gleichwertig. Die eine Frau als Hauptfreundin und die anderen als Nebenfreundinnen zu bezeichnen, wie es einige andere Polyamore tun, will er nicht. Wenn man drei Partnerinnen hat, so sei zwar immer eine näher als die andere, sagt er. Erst recht, wenn man mit der einen zusammenwohne, mit der anderen eine Fernbeziehung führe und die dritte Mann und Kind habe. Deswegen mache er noch lange keine Ranglisten.

Paul ist überzeugt, dass jeder polyamor leben und damit glücklich werden kann, wenn er es nur wirklich will. Niemand müsse ihm erzählen, dass so etwas wie Monogamie funktioniere. «Ich kenne viele, die entschieden sich für die Polyamorie und krebsten ziemlich schnell wieder zurück, weil es anfing, wehzutun.» Paul vergleicht sie mit Kindern, die versuchen zu gehen, umfallen, dann behaupten, sie hätten es versucht, und auf dem Boden sitzen bleiben. Nur sei jetzt der Drang zu gehen grösser als die Angst vor dem Schmerz beim Hinfallen.


Illustration zum polyamoren Beziehungsleben von Silvia
Silvia ist mit Erdbeerenliebhaber Arne aus Deutschland und Reto aus Wien zusammen. (Illustration: Carina Vögele)

SILVIA

Silvia sagt über Paul: «Wir haben eine Form von Liebe, für die es keine Bezeichnung gibt.» Miteinander geschlafen hätten sie und Paul bisher noch nicht, aber man wisse ja nie. Das sei auch polyamor. Dass man nicht immer alles klassieren müsse. Kollege, Freund, Geliebter. Für Silvia sind da die Grenzen fliessend, für sie ist das alles Liebe.

Silvia erzählt gerne über ihr Leben, während sie auf dem grossen Sofa in ihrer Wohnung sitzt, die Stube in warmes Kerzenlicht getaucht, in der Hand eine Tasse dampfenden Tee mit Zimt. Sie erklärt gerne, welche Entwicklung sie in den letzten Jahren durchgemacht habe, wie es dazu kam, dass sie jetzt zwei Beziehungen führe. Aber sie weigere sich, ihr Intimleben in der Öffentlichkeit auszubreiten. «Das sind nur Äusserlichkeiten. Wie ich meine Beziehungen führe, wie oft ich meine Partner sehe, das zeigt nicht annähernd, was in meinem Herzen wohnt.» Zu voyeuristisch seien ihr manche Berichte in den Medien, die versuchten, Polyamorie zu erklären, deshalb bleibe sie lieber anonym. Silvias Definition von Polyamorie ist einfach: mehr Liebe. Doch Silvia mag eigentliche keine Definitionen.

Die 48-Jährige arbeitet freiberuflich im Gesundheitswesen. Sie sagt von sich, dass sie «poly» ist, seit sie denken kann. Seit zehn Jahren lebe sie es auch bewusst. Davor habe sie zu lange einen Teil ihrer Persönlichkeit versteckt, sagt Silvia. «Ein Teil von mir durfte nicht existieren, ich habe ihn weggeschoben, weil ich wusste, dass ich sonst nicht den gesellschaftlichen Konventionen entsprechen würde.»

Wir führten eine klassische Ehe mit heimlichem Fremdgehen.

Sie erinnert sich noch an ihren ersten Kuss. Da war sie zwölf Jahre alt. Es passierte in den Sommerferien im Wallis, in einem Heuschober mit Reto, der ein Jahr älter war. Und sie erinnert sich auch, dass sie schon damals in mehrere Jungs gleichzeitig verliebt war. Wenige Jahre später lernte Silvia ihren damaligen Mann kennen. Mit 19 Jahren gebar sie ihr erstes gemeinsames Kind und stellte schon bald nach der Geburt fest, dass es zwischen ihr und ihrem Mann in einer bestimmten Hinsicht nicht harmonierte: «Das Konzept der sexuellen Treue funktionierte bei uns nicht.» Silvia erinnert sich, dass sie damals nicht wirklich Eifersucht empfunden habe. Vielmehr verletzte es sie, dass ihr Mann nicht ehrlich und offen über alles reden konnte. Sie versuchte, sich damit abzufinden. «In unserem Umfeld lief es ja nicht anders. Alle lebten die verlogene Doppelmoral. Alle sprachen von ewiger Treue und hielten sich nicht daran.» Als ihr ältestes Kind in den Kindergarten kam, lernte Silvia Iris kennen. Diese erzählte ihr, dass sie eine offene Ehe führte. «Das war das erste Mal, dass ich jemanden so etwas sagen hörte.» Die beiden Frauen wurden gute Freundinnen. Und ausgerechnet diese Iris verliebte sich in Silvias Mann — und er sich in sie.» Silvia lacht, wirft mit einer Kopfbewegung ihre langen Haare hinter die Schultern. «Das war super, ich fand das total genial. Ich hoffte, mein Mann und ich könnten uns dadurch dem Thema öffnen.» Silvia hoffte vergeblich. «Wir führten eine klassische Ehe mit heimlichem Fremdgehen.» Dass die Beziehung in die Brüche ging, dafür habe es auch andere Gründe gegeben. Silvia winkt lachend ab, sie will nicht weiter darüber reden, das sei alles schon so lange her.

Ein Jahr nach der Trennung begegnete Silvia Luca, den sie als ihre grosse Liebe bezeichnet. «Eine solche Nähe und Tiefe hatte ich noch nie zuvor empfunden.» Sie waren einen Monat zusammen, als Silvia mit ihrer Schwester in die schon lange gebuchten Ferien nach Portugal fuhr. Dort verliebte sie sich in einen anderen Mann. Einmal mehr wurde ihr mit aller Deutlichkeit bewusst, dass sie imstande war, sich neu zu verlieben, obwohl sie bereits jemanden anderen liebte. «Ich warf mir selber vor, dass ich meine grosse Liebe kaputt machte.» Silvia verheimlichte den einmaligen Seitensprung ein Jahr lang. Als sie ihn gestand, warf ihr Freund ihr vor, dass sie ihn nicht wirklich liebte, dass er ihr nicht genügte. «Es hatte aber nichts damit zu tun, ich liebte ihn trotzdem genauso.» Die Beziehung dauerte acht Jahre, Silvia schlief nie mehr mit einem anderen Mann, verliebte sich nicht. «Doch ich erkannte Parallelen zu meiner Ehe und spürte, dass ich aus dieser Beziehung raus musste, um mich weiterentwickeln zu können.» Silvia sagt, auch Jahre nach der Trennung habe sie nicht aufgehört, Luca zu lieben.

Nach dem Beziehungsaus fragte sich Silvia, was sie falsch gemacht habe. Ihre Ehe, ihre grosse Liebe, keines von beidem hatte gehalten. Sie setzte sich intensiv mit dem Thema Liebe auseinander, las, diskutierte, lebte sich aus. «Ich war nie der Single, der vereinsamte.» Von ihrer besten Freundin hörte sie zum ersten Mal etwas über Polyamorie. Silvia eröffnete sich eine völlig neue Welt. Sie sagt, dass etwas, was schon immer in ihr drin gewesen ist, endlich Raum bekommen habe. Widersprüche waren plötzlich keine Widersprüche mehr, vorbei war es mit den Entweder-oder-Entscheidungen. Von da an hiess es nur noch «sowohl als auch». Sie habe Jahre gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen, um sagen zu können: «Ja, das bin ich, Silvia.» Diesen Satz sagt sie im Gespräch oft. Das bin ich, Silvia. Heute hat sie zwei Beziehungen. Mit Arne in Deutschland und mit Reto in Wien. Arne lebt allein, Reto mit seiner Frau. Und es klingt wie eine Relativierung, wenn Silvia gleich ergänzt, dass sie zu vielen Menschen eine Herzbeziehung habe. Die Antwort auf die Frage, wie sie denn eine Liebesbeziehung definiere, fällt ihr schwer. Nur ungern ringt sie sich zu einer Antwort durch: Mit Arne und Reto schlafe sie, das sei vielleicht der Unterschied.

Manchmal fährt Silvia mit Paul zusammen nach Wien. Dass sie dort beide eine Beziehung haben, finden sie super. Einmal, da machten sie auf dem Weg nach Wien halt bei Arne, tranken Kaffee mit ihm, und Arne schenkte ihnen Erdbeeren, die sie Reto mitbringen sollten. «Ich kann jederzeit vorbeigehen, Retos Partnerin gibt mir den Raum mit ihrem Mann, das ist uh schön.» Das ist Silvias Art, «poly» zu leben. Sie findet es schön, dass die Menschen, die zu ihrem Leben gehören, einander kennen und Zeit miteinander verbringen.

Einen richtigen Beziehungsalltag lebt Silvia mit ihren Partnern aufgrund der grossen räumlichen Distanz nicht. Doch in naher Zukunft könne sie es sich schon vorstellen, dass sie näher mit ihren Partnern zusammenrücke. In welcher Form das passieren wird, weiss sie aber noch nicht. Silvia lacht. Nein, sicher keine Kommune! Die dann noch ein Label trägt. Vegetarisch, spirituell, Yoga. «So ein Quatsch.» Im Idealfall sei es wie eine grosse Familie. Ihre Wahlfamilie. Die dann hoffentlich in einer Welt lebe, die nicht nur Toleranz predige, sondern sie auch zeige. Gegenüber der Liebe — und all ihren Formen.

Illustration zum polyamoren Beziehungsleben von Oliver.
Oliver liebt sein Ängeli, die blonde Jacky und seine Frau Susan. (Illustration: Carina Vögele)

OLIVER

Oliver war nie einer, der grosse Menschengruppen mochte. Er war nie Mitglied im Fussballclub oder in einem Turnverein. Nur ein Mal, da ging er in die Hundeschule, mit Laila, der Familienhündin. Er sei selber überrascht, dass so einer wie er nun einmal im Monat vor einem guten Dutzend Leuten stehe, die Neuen begrüsse, den Ablauf des Abends erkläre, die Anwesenden dazu ermuntere, sich ins Gespräch über Eifersucht, Verbindlichkeit, Vertrauen oder Sicherheit einzubringen und von ihren Problemen im Beziehungsalltag zu erzählen. Er diskutiere gerne über diese Themen, weil er sich dabei auch immer wieder selber hinterfragen könne.

Anfang 2012 rief Oliver den Polystammtisch in Bern wieder ins Leben, den es zuvor zwar schon einmal gegeben hatte, der aber nach einigen Jahren wieder geschlossen wurde. Dabei ist es erst zwei Jahre her, dass Oliver selber einer von den Neuen war, welche die Glastür zum Zürcher Polystammtisch aufstiessen, auf der Suche nach jenen Menschen, die das lebten, wovon er bisher nur gehört und gelesen hatte.

Oliver ist 44 Jahre alt, Techniker und sieht aus wie 34, mit der grauen Strickmütze über den blonden zerzausten Haaren, Kinnbärtchen, Jeans, eng anliegendem Baumwollhemd, am rechten Handgelenk Lederarmband und einem Freundschaftsbändchen, das ihm eines seiner Kinder geschenkt hat. Oliver heisst eigentlich nicht Oliver. Aber weil er seine Kinder schützen will, besteht er darauf, anonym zu bleiben. Seit 18 Jahren ist Oliver mit Susan verheiratet und hat mit ihr zwei Kinder im Teenageralter. Susan, sagt er, sei die Liebe seines Lebens.

Oliver hält sich für einen Neuling in der Polyamorieszene, für einen, der noch keine grosse Ahnung hat. Dabei geht es ihm sehr leicht von den Lippen, wenn er versucht, die Grundidee von Polyamorie zu erklären. «Polyamore Menschen lehnen eine neue Beziehung nicht ab, nur weil sie bereits in einer Beziehung sind», sagt er. «Natürlich gibt es Leute, und dabei handelt es sich vorwiegend um Männer, die den Polystammtisch mit einer Kontaktbörse verwechseln. Bei denen zu Hause es nicht läuft, die sich eine neue Partnerin zulegen wollen, natürlich wenn möglich eine, die ihre Bedürfnisse erfüllt. Das kann man nennen, wie man will. Aber sicher nicht Polyamorie.» Nach dem ersten Gespräch in einem Thuner Bistro schreibt Oliver zwei SMS. Im einen bedankt er sich für das Gespräch, wünscht eine gute Heimreise. Oliver verwendet in seinen SMS gerne Smileys, gerne auch mehrere nacheinander. Die zweite Nachricht ist unkommentiert:

Das Gelübde der Ehe sei:
Wohin du auch wächst, dorthin will ich mein Herz weiten.
Wie hoch auch deine Sehnsucht reicht,
ich lasse dich ihr folgen.
Neigt dein Herz sich einem anderen zu,
so will ich deine Liebe teilen;
strebt meines nach einem anderen,
so will ich doch niemals dich aus meinem
Herzen verbannen.
Ich strebe nach Wahrheit und weiss uns in der
Wahrheit vereint;
so bitte ich dich, meinen Weg gehen zu dürfen,
wohin er auch führt,
mit deinem Segen;
und deinen Weg zu gehen, wohin er auch führt;
meine Liebe begleitet dich.
Wahrheit ist die einzige Nahrung, die unsere Liebe nährt.
Safi Nidiaye

Schon sehr früh während ihrer Ehe hatten Oliver und seine Frau sich darauf geeinigt, dass andere Menschen in ihrem Leben Platz haben sollen, unter einer Bedingung: Sie erzählen es dem anderen immer und sofort, wenn einer von ihnen jemanden kennenlernt. Als sich Olivers Frau auf einen seiner besten Kollegen einliess, fing es an zu kriseln. «Sie verheimlichte mir die Liebschaft zu Beginn, weil sie merkte, dass es etwas Ernstes werden könnte.» Aus der Affäre wurde nichts. Doch das Vertrauen zwischen Oliver und Susan war zerstört. Fast ein halbes Jahr lang schliefen sie in getrennten Schlafzimmern. Um ihre Beziehung zu retten, führten sie lange Gespräche, liessen sich nicht mehr auf Affären ein.

Dann kam der Tag, als Oliver in einem Zeitungsartikel über den Begriff Polyamorie stolperte. Stundenlang sass er abends vor dem Computer, las sich durch Artikel und Internetforen und erzählte seiner Frau davon.

Während Oliver sich weiter ans Thema herantastete, lernte Susan in einem Chatroom jemanden kennen und verliebte sich. Oliver hatte nicht damit gerechnet, dass er sein im Internet erworbenes Wissen so schnell in die Wirklichkeit umsetzen müsste. «Es gab viele Eifersüchteleien, Kopfkino, alles.» Dass Susan von ihrem neuen Partner, der monogam lebt, zu fest vereinnahmt werden könnte, davor hatte Oliver zu Beginn grosse Angst. Drei Monate, nachdem Susan sich verliebt hatte, traf Oliver an einem Polytreffen in Zürich Jacky, mit der er bereits gemailt hatte. Einmal, zweimal, es wurde mehr daraus. Seit eineinhalb Jahren sind sie nun ein Paar.

Nur um Sex gehe es ihm nicht. 'Sonst wäre ich ein Swinger.'

Als Jacky sich nach sechs Monaten neu verliebte, war Oliver geschockt. Er fiel in sein altes, wie er es nennt, «monogames Verhaltensmuster» zurück. War das jetzt wirklich nötig, dass sie schon nach sechs Monaten wieder einen Neuen hat? Was findet sie an diesem anderen Typen? An diesem Paul? Wie viele Pauls werden noch folgen? Alles Fragen, die Oliver durch den Kopf schossen. «Wir hatten viel Streit damals.» Inzwischen sind sich Oliver und Paul bereits ein paar Mal begegnet. Man respektiere einander, tausche sich aus. Oliver hat aber nicht den Anspruch, dass Paul zu seinem Kollegenkreis gehört, nur weil sie beide Jacky lieben.

Wenn Oli eine Frau liebt, dann will er sie in seiner Nähe haben, mit ihr viel Zeit verbringen, wenn es ihm schlecht geht, soll ein Anruf bei ihr reichen, damit er sich besser fühlt. Und wenn er eine Frau liebt, dann will er sie auch ein wenig beschützen. Nur um Sex gehe es ihm nicht. «Sonst wäre ich ein Swinger.»

Als Oliver seinen Kindern erklärte, dass Papa eine Freundin und Mama einen Freund hat, erwiderte der 17-jährige Sohn: «Aber Papa, mir reicht eine Freundin!» Und Oliver antwortete ihm: «Das ist okay, du musst nicht nachleben, was wir dir vorleben.» Schwieriger wurde es zu erklären, dass Papa jetzt noch eine zweite Freundin hat. Oliver nennt sie «Ängeli». Er lernte sie im Internet kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Vor ein paar Wochen entschieden Oliver und Susan, es sei an der Zeit, dass sich alle kennenlernten. Dabei ging es weniger um die Kinder, denn die hatten Susans Partner bereits einige Male getroffen. «Ich wollte ihm Einlass in unser Haus gewähren, damit er in Zukunft nicht mehr im Auto warten muss, wenn er Susan abholen kommt.» Also organisierten sie ein Essen. Eingeladen war auch Ängeli. Die Kinder wählten das Menu aus, Susan und ihr Partner kochten, Oliver besuchte derweil mit Ängeli den Weihnachtsmarkt in Bern. Sie assen Fondue chinoise. Und nein, es sei nicht komisch gewesen. Locker, entspannt, man habe sich ja schon aus Erzählungen gekannt.

Oliver beschreibt Susans Partner als gross, mit Halbglatze, zwäg. Oliver nennt ihn «Bäri». Für Oliver war es nicht seltsam, seine Frau mit einem anderen Mann zu sehen. Schliesslich hatte er es sich genug oft vorgestellt. Nach dem Abend blieb Oliver mit Ängeli zu Hause, Susan schlief bei Bäri. Im Badezimmer hängt der Familienkalender. Dort tragen Oliver und Susan ein, wer wann mit wem wo ist. Einer muss immer daheim die Stellung halten, das ist ihre Abmachung, die Art von Verbindlichkeit, die sie eingehen. Zuerst die Kinder, dann der Partner zu Hause, dann die weiteren Partner. Dass die Möglichkeit besteht, dass Susan eines Tages mit ihrem Partner zusammenziehen will, weiss Oliver. Er ist ein Kopfmensch. Er listet alle Risiken und Chancen auf. Damit er auf alle Eventualitäten gefasst ist. Eines weiss er jedoch mit Bestimmtheit: «Susan und ich haben eine unkündbare Verbindung. Wir sind engste Freunde, Vertraute, Eltern. Ich werde immer einen festen Platz in ihrem Leben haben und sie einen in meinem.»

Oliver wirft einen Blick auf die Uhr. In seinem Google-Kalender, den Jacky und Ängeli beide einsehen können, steht für 11.30 Uhr ein neuer Termin. Er kommt nicht gerne zu spät. Auf Oli ist Verlass. Rasch verabschiedet er sich und tritt hinaus in den feinen Nieselregen, der auf die Berner Altstadt hinabfällt.

Mit dieser Diplomarbeit schliesst die Autorin Nathalie Bursac´ die Luzerner Journalistenschule MAZ und ihr zweijähriges Volontariat beim Migros-Magazin ab.

Autor: Nathalie Bursać