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22. Mai 2017

Ungewollter Urinverlust

Inkontinenz zählt zu den häufigsten Krankheiten, häufiger noch als Diabetes. Trotzdem ist sie ein Tabuthema. Man sollte aber über Blasenschwäche reden – je früher, desto besser. Denn fast allen Betroffenen kann geholfen werden.

Ungewollter Urinverlust
Ungewollter Urinverlust ist ein Problem für viele Frauen und wird mit zunehmendem Alter häufiger. In Pflegeabteilungen betrifft es fast alle. (Bild: Stocksy)

Rund 600 000 Menschen leiden in der Schweiz an ungewolltem Harnabgang. «Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer», sagt Daniele Perucchini, Urogynäkologe und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Blasenschwäche. Ab und zu ein «Gütschli» zu verlieren, sei normal, etwa wenn man lacht oder aufgeregt ist. «Eine Therapie ist erst bei einer Einschränkung der Lebensqualität notwendig», so Perucchini.

Man unterscheidet hauptsächlich zwei Formen des Harnverlusts: die Belastungsinkontinenz und die Reizblase oder überaktive Blase. Vor allem bei Frauen ab 55 Jahren tritt auch eine Mischform auf. Bei der Reizblase setzt Harndrang plötzlich ein, oft schafft man es dann nicht mehr zur Toilette. Grund ist der überaktive Blasenmuskel.

Die Reizblase wird mit Blasentraining und Medikamenten behandelt, die die Blase beruhigen. Werden Medikamente nicht vertragen, kann Botox eingesetzt werden. Der Faltenglätter wird direkt in den Blasenmuskel gespritzt, stellt ihn ruhig und wirkt ein bis zwei Jahre. «Das letzte Mittel wäre ein Blasenschrittmacher, das ist aber aufwendig und teuer», so Perucchini.

Unbemerkter Harnverlust

Ganz anders erlebt man die Belastungsinkontinenz. Ohne einen Drang zu verspüren, verliert man Urin bei körperlichen Aktivitäten, zum Beispiel beim Husten, Lachen, Niesen, Sport, ja sogar beim Sex. Häufig werden Männer nach einer Prostata-Operation inkontinent. Gründe bei Frauen sind unter anderem Geburten, welche die bindegewebige Aufhängung der Harnröhre und der Blase sowie die Beckenbodenmuskulatur geschädigt haben. Eine Belastungsinkontinenz kann mit hysiotherapie (Beckenbodengymnastik, Elektrostimulation, Biofeedback) angegangen werden, was in bis zu 80 Prozent der Fälle zum Erfolg führt. Nützt dies nichts, kann eine Operation helfen.

Kleiner Eingriff – grosse Wirkung

Auch Sonja L. litt an einer Belastungsinkontinenz: «Nach dem zweiten Kind hat es angefangen», erzählt die Zürcherin. Gemerkt hat sie es zuerst beim Tennisspielen. «Es war total peinlich, und ich hatte keine Lust, mein Problem mit anderen zu besprechen.» Dann passierte es ihr immer öfter: «Beim Niesen oder in einer lustigen Runde, wenn ich über einen Witz lachen musste.» Die Frauenärztin gab ihr einen Ring zum Einführen, der die Blase hebt. «Aber das hat nicht geholfen.» Die Betriebswirtschafterin ist verzweifelt. «Ich war erst 40 und inkontinent.» Zwei Jahre leidet sie.

Dann ein Glücksfall – eine Kol­legin erzählt ihr von einer Blasenoperation. Der Eingriff heisst wie das Bändchen, das eingesetzt wird: TVT (Tensionfree Vaginal Tape, auf Deutsch: spannungsfreies Vaginalband). Die TVT-Operation ist sehr erfolgreich und hat in kurzer Zeit fast alle anderen Inkontinenzoperationen verdrängt.

Der Erfolg ist sofort da

Sonja macht einen Termin. Der Eingriff dauert eine knappe halbe Stunde und kann in Lokalanästhesie oder Vollnarkose durchgeführt werden. Gynäkologe Daniel Passweg vom Zürcher Stadtspital Triemli, der die Operation durchführte, erklärt das Vorgehen: «Durch einen ein Zentimeter langen Schnitt in der Vagina wird ein grobporiges Kunststoffbändchen aus Polypropylen spannungsfrei um die Harnröhre gelegt und über der Schambeinfuge durch die Haut herausgeführt, abgeschnitten und versenkt. Das Bändchen hält von selbst im Gewebe und heilt in zwei Wochen ein.»

Am nächsten Tag konnte Sonja L. nach Hause. Der Erfolg war sofort spürbar. «Ich konnte wieder ohne Angst husten und lachen.» Daniel Passweg: «Ein Wiederauftreten der Inkontinenz ist selten.» Bei Sonja L. sind es jetzt sieben Jahre her und sie ist überzeugt: «Mich für die Operation zu entscheiden war richtig, sie hat mir meine Lebensqualität zurückgegeben.»

So funtioniert die TVT-Operation

Bei dem Eingriff wird ein Kunststoffbändchen aus Polypropylen (rot) unter der mittleren Harnröhre eingesetzt. Es stützt bei plötzlicher Belastung des Beckenbodens die Harnröhre, sodass kein Urin mehr abgeht.

Autor: Inge Hess