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22. Juli 2013

Ungeklärte Fragen

Die Frage wäre noch zu klären, wer im Supermarkt die Warentrennleiste aufs Rollband legen muss: der vorangehende oder der nächste Kunde? Sie! Über so was wird im Internet debattiert, dadurch lernte ich den Ausdruck erst kennen: Warentrennleiste. Schon verrückt, es gibt Dinge, die hält man fast täglich in der Hand und weiss doch nicht, wie sie heissen. Hat man beim Einkaufen ein Kind dabei, sagt man einfach: «Reichst du mir noch das Dings?»

Fragen gibt es! Eine befreundete Familie ist gerade im Zank darob, ob die Mutter den Hanf des halbwüchsigen Sohns giessen muss, derweil dieser im Landdienst weilt. Sie weigert sich, der Sohn schimpft, Papi verhält sich neutral. Womit der Wasserbedarf des Hanfs aber nicht gestillt ist. Fragen gibts. Ist es peinlich, wenn die Alten dieselbe Musik cool finden wie die Kinder? Tendenziell ja, aber diesen Rapper Macklemore, den mit «Thrift Shop», finde ich ziemlich originell. Natürlich versuche ich, mir dies nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Denn dann erschiene er den Kindern nur noch halb so cool.

Und wer legt das Dings hin?

Wir hattens ja unlängst von altem Zeugs, das plötzlich wieder angesagt ist. Yolande, eine Leserin aus dem Freiburgischen, berichtete mir von den Vorwürfen, die ihr Ältester ihr und ihrem Mann gemacht habe, weil sie ihre alten Vespas und den VW-Bus nicht behalten hätten. «Aber man kann nicht alles behalten!», befand sie. «Wer garantierte einem, dass Adidas-Rom-Turnschuhe und Nabholz-Trainer dereinst wieder ‹in› sein würden? Man hätte dann alles behalten müssen, auch Schrott wie Flippers-LPs und Bonanza-Hefte, Sarah-Kay-Kissen, Pril-Aufkleber, Heini-Hemmi-Autogrammkarten und weiss der Gugger was alles. Wir hätten Hangare anmieten müssen.» Und was hat ihr Erstgeborener getan, kaum war er alt genug? Sich einen alten VW-Bus gekauft. Aber, und dies ist die Frage: Hätte er auch von einem VW-Bus geträumt, wenn Mutter und Vater den ihren einst behalten hätten? Vermutlich nicht. Der Reiz wäre weg gewesen. Folglich war es richtig, dass ich meine ersten Air-Max-Schuhe damals nicht behielt. Hans könnte sonst deren Revival nicht auskosten. (Ja, klar, hab ich ihm welche gekauft!)

«Und wer legt das Dings hin?»
«Und wer legt das Dings hin?»

Und warum, fragte einst Mani Matter, sitzen in der Eisenbahn die einen so, «dass sii alles, was chunnt, scho zum Voruus gseh cho», die anderen aber mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, «dass sii lang no chöi gseh, wo dr Zug scho isch gsy …»? Erraten, ich gehöre zu Letzteren. Sind wir en famille unterwegs, fahren Hans und ich rück-, meine Liebste und Anna Luna vorwärts. Was uns zur Frage führt, ob es richtig ist, wenn sich Väter und Söhne noch immer gentlemanlike verhalten, nämlich nach althergebrachter Kavaliersmanier den Damen die bequemen Plätze überlassen? Wo wir doch Gleichberechtigung leben und auf alte Rollenbilder verzichten wollen! Die Antwort ist banal: Ich fahre gern rückwärts. Weil ich Vergangenem nachhänge und schlecht loslassen kann. Das Fussballturnier im Bernbiet, das ich vor 33 Jahren gegründet habe und noch immer organisiere, wenngleich ich seit 18 Jahren nicht mehr dort wohne? Undenkbar, es nicht mehr stattfinden zu lassen.

Eben, die Warentrennleiste. Keine Frage, der vordere Kunde muss sie aufs Band legen. Mach ich immer. Nur schon, weil ich die strafenden Blicke der Grosis hinter mir in der Reihe fürchte.

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli