Archiv
18. Juni 2012

Und wieder schaut die Welt auf Rio

Der Erdgipfel 1992 in Rio hat zwar nicht die Welt verändert, aber doch einiges in Bewegung gebracht. Nun trifft sich die Welt wieder in Brasilien. Philippe Roch war damals Mitglied der Schweizer Delegation. Für das Migros-Magazin wirft der frühere WWF- und Buwal-Direktor einen Blick zurück auf 20 Jahre Umweltschutz.

Fortschritte seit Rio 1992: Erneuerbare Energien sind vielerorts auf dem Vormarsch – auch in der Schweiz. Philippe Roch mit seiner Solaranlage auf dem Dach 
eines Reitstalls 
in Russin GE. (rezo.ch/Nicolas Righetti)

Die Schweiz und ihre Umweltbilanz: Wo steht das Land heute? Welche Fort- und Rückschritte gab es in den letzten 20 Jahren zu verzeichnen? Die Zahlen und Fakten.


Publikationen von Philipp Roch
La nature, source spirituelle. Jouvence 2009
Dialogue avec Jean-Jaques Rousseau sur la nature. Labor et Fides, 2012
Die Bestellung (unter 'Livres'), Infos und Philipp Rochs Biografie www.pirassay.com


Vom 20. bis 22.  Juni findet in Brasilien die Umweltkonferenz Rio+20 statt — 20 Jahre nach dem wegweisenden Erdgipfel von 1992. Der grosse Optimismus von damals allerdings ist verflogen.

An der Konferenz soll die internationale Staatengemeinschaft den «Geist von Rio» wieder aufleben lassen und das politische Engagement für die nachhaltige Entwicklung und den Umweltschutz erneuern. Schwerpunkte sind die grüne Wirtschaft, Armutsreduktion und die Reform der für Nachhaltigkeit und Umwelt zuständigen Uno-Institutionen.

Rund 50'000 Personen aus aller Welt werden in Rio erwartet, darunter auch viele Regierungsmitglieder. Die Schweiz wird vertreten durch Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf und Umweltministerin Doris Leuthard. Allerdings haben einige der ganz Grossen Desinteresse signalisiert: So werden wohl weder US-Präsident Barack Obama noch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Rio reisen. Dies deutet darauf hin, dass es an der Konferenz kaum zu konkreten Ergebnissen und Verpflichtungen kommen dürfte. In Zeiten von Finanz- und Wirtschaftskrise haben die Mächtigen andere Sorgen, es mangelt an Geld.

1992 verabschiedete die Staatengemeinschaft die Agenda 21, ein wegweisendes, 359 Seiten starkes Dokument, das in 40 Kapiteln konkrete Ziele und Strategien zur nachhaltigen Entwicklung und zum Umweltschutz festlegte — freilich ohne verbindliche Verpflichtungen festzulegen. Der frühere WWF- und Buwal-Direktor Philippe Roch war 1992 Mitglied der Schweizer Delegation.

Philippe Roch, wie war das damals am Erdgipfel 1992?

Man spricht ja noch heute vom «Geist von Rio», und der war damals wirklich zu spüren. Die ganze Welt kam zusammen und anerkannte erstmals die Bedeutung der Umwelt und der nachhaltigen Entwicklung für das Wohlergehen des Planeten und seiner Bewohner. Und es waren eben nicht nur die Präsidenten und Premierminister, die da zusammenkamen, auch Vertreter der Wirtschaft und von Nichtregierungsorganisationen nahmen teil — so was hatte es vorher noch nie gegeben. Viele, auch ich, haben gedacht, jetzt beginnt eine neue Zeit der Zusammenarbeit.

Woher kam dieser Optimismus?

Der Kalte Krieg war zu Ende, und man hatte das Gefühl, dass jetzt plötzlich alles möglich war. Dazu kamen ein paar besonders engagierte und charismatische Leute, die eine ungeheure Dynamik in das Thema brachten.

130 Staatsoberhäupter kamen 1992 in Rio zusammen, haben Sie die Gunst der Stunde zum Networken genutzt?

Bundesrat Flavio Cotti (vorne) leitete 1992 die Schweizer Delegation am Erdgipfel in Rio. (Bild: Keystone)
Bundesrat Flavio Cotti (vorne) leitete 1992 die Schweizer Delegation am Erdgipfel in Rio. (Bild: Keystone)

In Rio wurde die Agenda 21 beschlossen, ein 359 Seiten starkes Dokument mit vielen schönen Vorsätzen. Was war der Schweiz damals besonders wichtig?

Die Schweiz hat sich für die Berge eingesetzt, ausserdem für den Klimaschutz und die Biodiversität. Gemeinsam mit Österreich und Liechtenstein gingen wir auch weiter als die Agenda 21 und beschlossen konkrete Ziele zur Verringerung des CO2-Ausstosses bis ins Jahr 2000. Bemerkenswert ist, dass die 40 Kapitel der Agenda 21 heute noch genauso gelten wie vor 20 Jahren. Damals wurden global die Grundlagen für eine nachhaltige Entwicklung gelegt, die noch immer anerkannt sind. Das war ein echter Meilenstein.

Kann ein kleines Land wie die Schweiz an so einem Anlass überhaupt etwas bewirken?

Wir sind sehr glaubwürdig bei Umweltthemen, weil die meisten Nationen der Welt die Schweiz als ein sauberes, schönes Land wahrnehmen, das seine Umwelt gut pflegt. Man nimmt uns ernst, weil man spürt und sieht, dass wir auch selbst tun, was wir an solchen Gipfeln fordern. Das gibt uns mehr Einfluss, als man auf den ersten Blick erwarten würde.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Welt in den letzten 20 Jahren bezüglich der Agenda 21?

In den ersten Jahren nach Rio gab es eine hohe Dynamik und konkrete Fortschritte. Etwa die Gründung des Umweltfonds Global Environment Facility, der jedes Jahr eine halbe Milliarde Dollar für Projekte in Entwicklungsländern ausgibt. Oder das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz, in dem 1997 erstmals verbindliche Schadstoffgrenzwerte festgelegt wurden. Seither ist allerdings nicht mehr viel passiert.

Der Schwung von damals ist verloren gegangen.

Keine besonders positive Bilanz.

Wir müssen es differenziert beurteilen. In vielen Bereichen wurden Fortschritte gemacht. Aber der Schwung, den der «Geist von Rio» damals ausgelöst hat, ist leider verloren gegangen. Das hat sicher auch mit der Finanzkrise zu tun, mit der wir seit 2007 kämpfen. Die meisten Länder sind auf die Wirtschaft fokussiert und kümmern sich weniger um die Umwelt. Dabei könnte eine grüne Wirtschaftspolitik Arbeitsplätze schaffen und eine neue Dynamik auslösen. Und wir haben Technologien, die es uns erlauben würden, den Druck zu reduzieren, den wir auf die Umwelt ausüben. Leider führt unsere materielle Gier dazu, dass der Konsum Priorität hat — auf Kosten der natürlichen Ressourcen.

Das Uno-Umweltprogramm UNEP kam kürzlich zum Schluss, dass die Welt nur gerade bei vier von einst 90 formulierten Vorhaben grössere Erfolge erzielt hat. Bei 40 Zielen gebe es gewisse Verbesserungen – bei den übrigen praktisch keine.

Das ist die Realität, leider. Wir haben mehr Wälder gerodet, die Verwüstung nimmt zu, der Boden ist noch mehr von Chemikalien verschmutzt, der Zugang zur Wasserversorgung an vielen Orten gefährdet, die Meere überfischt und so weiter. Das Problem ist die Wachstumsideologie in dieser Welt — sie steht praktisch allen Zielen der Agenda 21 entgegen. Mehr Konsum führt zu mehr Ressourcenverbrauch und zur weiteren Zerstörung der Ökosysteme. Wir können noch so schöne Deklarationen zum Umweltschutz formulieren — solange die Politik aller Nationen auf das Gegenteil ausgerichtet ist, haben wir keine Chance.

Sie klingen pessimistisch.

Ich befürchte tatsächlich, dass es erst eine grössere Katastrophe braucht, bis die Welt umdenkt. Umso mehr versuche ich, mich mit Artikeln und Büchern dafür einzusetzen, Mentalitäten zu ändern. Ziel ist eine Gesellschaft, die in Harmonie mit der Natur lebt und Werte wie Respekt, Bescheidenheit und Solidarität hochhält.

Könnte wenigstens die Schweiz mehr tun?

Wir haben einige technische Massnahmen umgesetzt, aber die Zahlen zeigen, dass dies nicht genügt. Diese Trends umzukehren ist nur möglich, wenn man die Ziele der Gesellschaft ändert, und das kann man nicht von einem Tag auf den anderen. Wir brauchen einen eigentlichen Paradigmenwechsel, neue Strategien der Befriedigung und Entfaltung für die Menschen, solche, die unabhängig sind vom Wachstum des Bruttosozialprodukts.

Rio+20, die grosse Nachfolgekonferenz von 1992, soll diese Woche global neuen Schwung in die Ziele der nachhaltigen Entwicklung bringen. Umso enttäuschender, dass Beobachter im Vorfeld wenig erwarten.

Lassen Sie mich zunächst sagen, dass ich trotz allem sehr für diese Gipfel bin, auch wenn die Resultate schwach sein können. Wenn Länder nicht zusammen sprechen, dann bekriegen sie sich. Solche Gespräche sind wichtig.

Was also können wir bestenfalls vom Gipfel erwarten?

Die Themen, die diskutiert werden, sind wichtig. Die grüne Wirtschaft zum Beispiel, die interessante Perspektiven bieten würde. Aber verbindliche Vorschriften wird es keine geben — und man wird auch bei den Zielen kaum über jene von 1992 hinauskommen. Insbesondere wird man das System des ewigen Wachstums an sich nicht in Frage stellen. Trotzdem ist auch ein kleiner Schritt immer ein Schritt. Darüber zu reden hilft, das Bewusstsein der Leute ein bisschen zu bewegen.

Verbindliche Beschlüsse gibt es vor allem deshalb nicht, weil die Positionen von Entwicklungs- und Industrieländern unvereinbar sind. Wieso ist die Lage so verfahren?

Das ist von Land zu Land verschieden. Die Entwicklungsländer fürchten, dass die Industrieländer ihnen Massnahmen aufzwingen wollen, um ihre Entwicklung zu behindern. Innerhalb der Industrieländer wiederum sorgt man sich, an Konkurrenzfähigkeit gegenüber China oder Indien zu verlieren. Und natürlich nicht zu Unrecht. Solange das Rennen nach immer mehr nicht ersetzt wird durch Kooperation sowie Pflege von Ressourcen und Qualität, wird sich daran auch kaum etwas ändern.

Eine ständige Enttäuschung bei Umweltgipfeln sind die USA, die zu den grössten Ressourcenverschwendern gehören.

Die Situation in den USA ist sehr bedauerlich, umso mehr als Präsident Obama bei diesem Thema ein Leader sein könnte, wenn seine republikanischen Gegner ihn nicht derart ausbremsen würden. Aber davon können wir uns nicht abhalten lassen. Wir müssen tun, was wir können mit denen, die dabei mitmachen wollen. Auf diese Weise kann ein Teil der Welt fortschrittlicher werden, und vielleicht kommen die anderen dann nach.

Es fängt ja immer beim Einzelnen an. Wie umweltbewusst verhalten Sie sich selbst?

99 Prozent meines Lebens ist darauf ausgerichtet, in Harmonie mit der Natur zu leben. Natürlich gibt es auch bei mir Widersprüche und Fehler, aber ich stehe hinter diesen Zielen. Ich produziere zum Beispiel zehnmal mehr Elektrizität als ich konsumiere, dank einer 1000 Quadratmeter grossen Fotovoltaikanlage, die ich mit Freunden auf dem Dach eines nahe gelegenen Reitstalls in La Chaumaz betreibe. Zudem habe ich mein Haus isoliert, das zu 100 Prozent mit Solarenergie und Holz aus der Region beheizt wird, habe meinen Energieverbauch generell reduziert und reise immer mit dem Zug.

Wie beurteilen Sie den Entscheid zum Atomausstieg? Ein Schritt in die richtige Richtung?

Absolut. Und er wurde möglich, weil Bundesrätin Doris Leuthard den Mut hatte, einen Schritt vorwärts zu machen angesichts der Atomkatastrophe von Fukushima. Natürlich gab es in der Schweiz schon vorher kritische Gruppen, welche die Grundlagen gelegt haben, dass ein solcher Schritt überhaupt möglich wurde. Allerdings braucht es nun eine gute Energiepolitik, damit das wirklich etwas bringt. Also zuerst mal Energie sparen und dann erneuerbare Energien möglichst stark fördern.

Jene, die den Weg vorwärts weisen, sind immer einsam am Anfang.

Was halten Sie von der Vision der 2000-Watt-Gesellschaft, der sich die Schweiz verschrieben hat? Ist diese Idee überhaupt realisierbar?

Ja, ist sie. Das haben mehrere Studien ja auch gezeigt. Und sie ist überhaupt ein gutes Ziel. Wenn wir nur schon alle daran denken und versuchen, dahin zu kommen, entsteht eine Bewegung in die richtige Richtung.

Mit anderen Worten: Der Weg ist das Ziel?

Genau. Trotzdem sollten wir uns konkrete Fristen setzen, sonst machen wir es uns zu einfach.

Aber was bringt es global, wenn die Schweiz oder selbst Europa die 2000-Watt-Gesellschaft verwirklicht, sich aber in Nordamerika und Asien nichts tut?

Jene, die den Weg vorwärts weisen, sind immer einsam am Anfang. Wenn wir im Energiebereich und bei der Umwelt fortschrittlicher sind, sind wir auch als Land erfolgreicher. Und wir gestalten eine bessere Zukunft für unsere Kinder. Die Amerikaner und die Chinesen werden dies sehen — und irgendwann auch dahin kommen.