Archiv
18. Mai 2015

Und was trägt die Braut?

Einen halben Monatslohn gibt eine Braut für ihr Brautkleid aus. Dafür muss alles perfekt sein. So auch bei Regula Schüpbach, der Gewinnerin unseres Hochzeitskleid-Stylings. Der spannende Tag in den Videos zur Ankunft in der ersten Boutique (oben), den Höhepunkten des Anprobierens (unten), einer Bildstrecke und der Reportage.

Regula Schüpbach ist entzückt vom Seidenkleid Sophia bei Mery’s Couture
Regula Schüpbach ist entzückt vom Seidenkleid Sophia bei Mery’s Couture.

Wer im Internet auf einschlägigen Sites zu Brautkleidern surft, stösst erstaunlich oft auf die Begriffe «Hilfe» (gefolgt von einem Ausrufezeichen), «Traum», «Prinzessin», «weiss», «Katastrophe» und «märchenhaft». Seltener fallen die Wörter «Budget», «Farbe», «Bräutigam», «modisch» und «Freude». Das Wort «verliebt» kommt praktisch nur im gleichen Satz wie «Kleid» vor.
Diese nicht repräsentative Erhebung lässt ahnen: Heiratet eine Frau, gibt es kaum Wichtigeres als das Kleid. Für manche aber auch nichts Schlimmeres, nichts Teureres oder nichts Enttäuschenderes.

Antrag in Kanada, Hochzeit am Bielersee
Für Regula Schüpbach (30) hingegen verläuft die Brautkleidsuche gerade sehr entspannt. Sie ist seit ein paar Stunden in Zürich unterwegs, um verschiedene Modelle anzuprobieren. Die schlanke, 1,73 Meter grosse Stadtbernerin mit Konfektionsgrösse 36/38 ist die Gewinnerin des Brautkleid-Stylings, welches das Migros-Magazin verlost hat. Sie ist Pflegefachfrau und Fotografin für Babys und Familien und traut sich noch dieses Jahr: Im September heiratet sie ihren langjährigen Freund Daniel Corner (32) im Von-Rütte-Gut am Bielersee.

Rowena Downing (36), Stylistin und Personal Shopper aus Zürich, steht Regula Schüpbach zur Seite und hilft ihr, aus der Masse von Kleidern ein passendes auszuwählen. Nun stehen die beiden in der Boutique Little Black Dress an der Josefstrasse in Zürich vor dem Spiegel. Die Stimmung ist heiter und entspannt. Regula Schüpbach hat Jeans, T-Shirt und Turnschuhe abgestreift, ist ins Cocktailkleid Fernando (1200 Franken) gestiegen und stellt überrascht fest, wie gut ihr das beige, schlichte Teil mit der goldenen französischen Spitze und Seidenchiffon steht. «Ich selber hätte dieses Kleid niemals in Betracht gezogen», sagt sie.

ANPROBIEREN IN VIER LÄDEN

Film und Schnitt: Yvette Hettinger (Musik: The Orchestral Movement of 1932)


Boutiquebesitzerin Eliane Diethelm (32) kennt das. Sie hat schon Bräute bedient, die einen Hosenanzug wünschten und den Laden mit einem bodenlangen romantischen Kleid verliessen. Nichts geht nun mal übers Anprobieren, und so schlüpft Regula Schüpbach als Nächstes in «Graham», ein glamouröses Abendkleid für 2200 Franken mit einem Oberteil aus paillettenbesetztem Jakob-Schläpfer-Stoff. Und schliesslich trägt sie ein asymmetrisches Seidenkleid, das 1390 Franken kostet und über und über mit Blütenmuster bestickt ist. Regula Schüpbachs Fazit: Alles sehr schöne Kleider, die sie sofort an einer Gala tragen würde. Aber nicht an ihrer Hochzeit.

Für den grossen Tag sucht sie ein Kleid, das «schlicht und speziell» ist. Und rückenfrei, gemäss dem Wunsch ihres Verlobten. Die beiden haben sich vor zwölf Jahren bei einer Theateraufführung kennengelernt und sind nach einigen Jahren WG-Leben im April zusammen in eine Drei-Zimmer-Altbauwohnung im Berner Breitenquartier gezogen. Bereits zwei Mal waren sie gemeinsam auf Weltreise. Bei der letzten führte Daniel seine grosse Liebe im kanadischen Watson Lake in einen Wald aus Zehntausenden von Schildern, die Touristen dort platziert hatten – Ortsschilder, Wegweiser, Autonummern. Dort fand die Bernerin das eine Schild, das für sie bestimmt war. Darauf stand: «Regula, wosch du mi hürate?» Das war im Sommer 2014, die Braut sagte überwältigt Ja, und seither ist das Paar am Planen. 75 Gäste sind eingeladen, die Musiker gebucht, das Menü ausgewählt.

Welche Schuhe, welcher Haarschmuck?
Fehlt noch das Brautkleid. Stylistin Rowena Downing gibt der Braut ihren wichtigsten Rat mit auf den Weg: «Wähle ein Kleid, das bequem ist und in dem du dich so glücklich wie nur möglich fühlst.» Dann ziehen die beiden von Geschäft zu Geschäft, um verschiedene Modelle anzuprobieren. Im Brautmodehaus Liluca ist es zunächst eine 4200 Franken teure, pompöse Robe mit einer Unmenge von Seidentüll, kreiert vom Londoner Designer David Fielden. «Hennä schön», findet Schüpbach. Es folgen ein schmal geschnittenes Teil aus der Kategorie Meerjungfrau zu 2390 Franken und ein kurzes Modell aus Seidensatin im Chanel-Chic (1590 Franken). Downing und die Liluca-Beraterin helfen ihr in die Kleider und hinaus, büscheln da eine Schleppe und zupfen dort die Stoffbahnen zurecht.
Der Braut gefällts. Ein bisschen wie in einer anderen Welt komme sie sich vor, sagt sie. Tatsächlich ist sie der sportliche Typ und immer in Bewegung. Zwei Mal pro Woche geht sie ins Rope-Training, am Wochenende ist sie mit ihrer Cousine am Klettern, in der Freizeit organisiert sie mit ihrem Partner Open-Air-Filmfestivals.

DIE BILDSTRECKE


Und dann das: Regula Schüpbach fühlt sich besonders wohl in einem feenhaften zartrosa Teil aus hauchdünnem Seidenchiffon, das die Stylistin in der Boutique Eclectic zum Anprobieren ausgewählt hat. Dazu im Haar ein farblich abgestimmtes Gebilde aus der Hand von Janine Küng von alfons' blumenmarkt.
Spätestens jetzt wird klar, dass jedes Kleid weitere Entscheidungen nach sich zieht: Welcher Haarschmuck passt dazu, und welche Frisur zum Haarschmuck? Wie hoch dürfen eigentlich die Schuhe sein? Hält man es einen Tag lang darin aus? Spezialisierte Läden führen natürlich hochzeitstaugliche Schuhe im Sortiment. So auch Mery's Couture an der Löwenstrasse in Zürich. Die Beraterin stellt sich als Gabi vor und steht für anderthalb Stunden ganz der Braut zur Verfügung. Sie weiss um die Bedeutung des Hochzeitsoutfits. «Die häufigste Frage nach einer Hochzeit lautet: Und was trug die Braut?», sagt Gabi.

Das Traumkleid ist verspielt und elegant
Jemand bringt ein Tablett mit Wassergläser, eine Schneiderin mit Massband um den Hals steht abrufbereit in der Nähe. Die ganze Entourage lässt ein kollektives «Oh!» ertönen, als die Bernerin mit einem frechen kurzen Kleid aus der Kabine tritt. Alle lächeln. Und stecken die Braut ins nächste Modell, ein im hauseigenen Atelier aus Seide und Spitze gefertigten Kleid mit dem Namen Sophia. Sein eng anliegendes Oberteil besteht aus transparenter Spitze, der lange Rock Typ Fishtail fällt in schimmernden Wellen zu Boden. Regula Schüpbach schweigt entzückt. Kostenpunkt für jedes Kleid: rund 3400 Franken.

Ein paar Tage später entscheidet sich die Braut für ein schlichtes Kleid, das sie bei Liluca in Bern für 2000 Franken entdeckt hat. Es passe genau zu ihr und sei einzigartig. Gleichzeitig verspielt und elegant, mit etwas Spitze und plissiertem Rock. Und natürlich mit freiem Rücken, für den Bräutigam. Vom Rest will er sich überraschen lassen. 

Spieglein, Spieglein in der Hand
Spieglein, Spieglein in der Hand ...

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Vera Hartmann