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22. April 2013

Ü90...und noch immer mitten im Leben

Gut 60 000 Menschen in der Schweiz sind über 90 Jahre alt. Viele sind noch äusserst aktiv und voller Pläne. Das Migros-Magazin gibt den rüstigen Rentnern ein Gesicht.

91 Jahre: August Julen, Ex-Skilehrer und -Bergführer.
91 Jahre: August Julen, Ex-Skilehrer und -Bergführer.

Dass die Menschen in westlichen Staaten immer älter werden, ist keine neue Erkenntnis. Neu ist aber, dass immer mehr Menschen in der Schweiz dem 100. Geburtstag entgegengehen und dabei die Themen Krankheit und Pflege in ihren Leben kaum eine Rolle spielen — ausser vielleicht beim 93-jährigen Charles Eugster (Seite 17), der sich beruflich um die Gesundheit von älteren Menschen sorgt. Das Migros-Magazin besuchte in der ganzen Schweiz fünf Menschen über 90, die am Ende ihres Lebens stehen — und doch allesamt mittendrin sind. Sei es die Künstlerin Gertrud Guyer Wyrsch, die bekennt: «Ich musste 70 werden, bis mir der Knopf aufging» und heute an ihrem Spätwerk arbeitet. Oder Marthe Gosteli, Gründerin des Archivs der Schweizer Frauengeschichte, die sagt, dass sie nicht ruhen werde, bis sie ein Lehrmittel über die Geschichte der Schweizer Frauen in den Händen halte. Ruhe gefunden hat inzwischen Edi Fischer: Mit 95 erhielt er das Kündigungsschreiben für seine Wohnung. Der Herausforderung, im ausgetrockneten Zürcher Wohnungsmarkt ein neues Zuhause zu finden, hat er sich gestellt. Auch wenn sein Alter immer wieder zum Problem wurde: «Viele Vermieter glaubten, dass ich eh in einem Jahr sterben werde, was ich irgendwie sogar verstehen konnte.»

91 Jahre: August Julen, Ex-Skilehrer und -Bergführer

August Julen lebt noch immer dort, wo er geboren wurde: In Zermatt, dem Bergdorf, dem er zu Weltruhm verhalf.
August Julen lebt noch immer dort, wo er geboren wurde: In Zermatt, dem Bergdorf, dem er zu Weltruhm verhalf.

Öffnet August Julen am Morgen im Bett seine Augen, sieht er an nebelfreien Tagen — und es sind nicht wenige in Zermatt — das Matterhorn so, als würde eine Postkartentapete an seiner Schlafzimmerwand kleben. Die Wand ist eine Glasfront und der Berg dahinter das Wahrzeichen eines Orts, den es ohne August Julen in dieser Form nicht geben würde. Zermatt zählt heute zu den funkelnden Wintersportorten des internationalen Jetsets, rund 6000 Einwohner leben im Dorf, und dreimal so viele Menschen besuchen den Ort in den Wintermonaten.

Mir ist wichtig, dass ich noch lange mit meiner Frau zusammen sein kann.

Das Leben im kleinen Dorf Zermatt in seiner Kindheit und Jugend sei hart gewesen, erinnert sich Julen, «wir gingen untendurch». Die Mutter arbeitete im Gastgewerbe, der Vater war Bergbauer, einfachste Verhältnisse, zwölf Kinder mussten ernährt werden. Sechs Monate im Jahr besuchten die Kinder die Schule, in der übrigen Zeit halfen sie im Sommer auf dem Berg und im Winter beim Vater im Betrieb im Dorf. Kaum war August Julen volljährig, stand Europa im Krieg und er selbst bald im Aktivdienst der Schweizer Armee. Dafür kennt sein Leben nach Kriegsende nur noch eine Richtung: aufwärts. Als ausgebildeter Skilehrer und Bergführer reist er vom armen Zermatt ins mondäne Bündnerland, um in Klosters, Davos und St. Moritz Gästen wie Ted Kennedy das Ski­fahren beizubringen. Zurück in Zermatt, ist er überzeugt: «Was die Engadiner können, können wir auch.» Bergbahnen und Skilifte werden nun gebaut, Hotels renoviert und über 100 neue gebaut. Als erste Skischule weltweit bietet Julen mit seinen Zermatter Skilehrerkollegen die neu entwickelte und kraftsparende «Hochentlastung-Technik» an, bei der man auf das Ausstellen des bogenäusseren Skis verzichtet. «Die Gäste kamen von überall her auf der Welt zu uns, um diese Technik zu lernen.»

Für seine Verdienste wurde Julen mit dem Kulturpreis geehrt

Julen unterrichtet als Leiter der Zermatter Skischule Berühmtheiten wie J. Paul Getty, Guccio Gucci und — erneut, diesmal aber in Julens Heimat — Ted Kennedy. Diesen wird er Jahre später auch auf das Matterhorn führen. Dann, in den 50er-Jahren, lernt er als Bergführer auch den Mann kennen, bei dem er sein filmisches Handwerk lernt: Walt Disney. Unter der Regie von August Julen entstehen nun Filme wie «Das Matterhorndorf», «Whympers Weg aufs Matterhorn» und «Menschen am Matterhorn». Julens Sohn, der Künstler Heinz Julen, zeigt diese heute noch regelmässig im Kino des Clubs Vernissage in Zermatt. Vor sechs Jahren wurde August Julen für seine Filme und sein Verdienst um Zermatt mit dem Kulturpreis des Dorfs geehrt.

August Julen sitzt mit Norweger-Pullover neben seiner Frau auf dem Sofa, das Matterhorn jederzeit im Blick. Dass Zermatt heute das ist, was es ist, dazu hat er viel beigetragen. Zur Schau stellen mag der 91-Jährige dies trotzdem nicht. Erzählt seine Frau lobend von den Engagements und den tollen Charaktereigenschaften ihres Mannes, ist ihm das sichtlich unangenehm. Er setzt dann seine Sonnenbrille auf und lacht verlegen. Dann sagt er: «Mir ist nur wichtig, dass ich noch lange mit meiner Frau zusammenbleiben kann und irgendwann eine gute Sterbestunde haben werde.» Und wie sieht sein Leben heute aus? Noch bis vor zwei Jahren sei er bei schönem Wetter auf den Ski gestanden, versichert er, jetzt habe er diese aber gegen den Schlitten eingetauscht. Und dann sei da seine grosse Familie, die ihm sehr wichtig ist und mit der er sehr viel Zeit verbringe. Das Gespräch mäandert harmonisch durch harmlose Themen, da äussert sich August Julen ungefragt und pointiert: «Lassen Sie mich das gesagt haben: Diese angeblich von Menschen herbeigeführte Klimaerwärmung ist blödes Geschwätz.» Die Gletscher hätten bereits Tiefpunkte erreicht, da sprach noch niemand von Umweltverschmutzung, sagt Julen. Vielmehr sei es halt wie überall im Leben: «Es gibt einen Sommer und einen Winter. Es gibt ein Leben und ein Sterben.»

93 Jahre: Gertrud Guyer Wyrsch, Künstlerin

Späte Berufung: Gertrud Guyer Wyrsch inmitten ihrer Skulpturen.
Späte Berufung: Gertrud Guyer Wyrsch inmitten ihrer Skulpturen.

Das Buch mit edlem Leineneinband und schönster Typografie zeigt all das, worüber Getrud Guyer Wyrsch «nicht so gut reden kann», wie sie sagt. Öl auf Karton, Knäuelskulpturen aus Holz, eine geschlitzte Stehle aus Stahl. Herausgegeben hat das Buch das Nidwaldner Museum anlässlich Guyer Wyrschs 90. Geburtstag. Ihre Werke werden in Ausstellungen in Zürich, Bern und in der Innerschweiz gezeigt. Seit drei Jahren könnte Guyer Wyrsch von ihrer Kunst leben, wenn sie denn müsste: «Heute bin ich nicht mehr so auf das Geld angewiesen. Die Verkäufe beflügeln, anerkennen aber auch meine Arbeit.»

Früher litt sie unter ihrem mangelnden Selbstwertgefühl

Guyer Wyrsch wird in Gersau SZ geboren, wenige Jahre später zieht ihre Familie nach München. Ihr Vater ist Archäologe und Kunsthistoriker, die Tochter besucht in München das Lyzeum. Sie sei schlecht in der Schule gewesen, erinnert sie sich, «verträumt und immer am Zeichnen oder Lesen». Sie arbeitet als Buchhändlerin. In der Freizeit aber, da zeichnet und malt sie weiter, nimmt an Ausstellungen wie «La peinture abstraite en Suisse» in Neuenburg und an der «Saffa 1958» in Zürich teil. Immer wieder verkauft sie Bilder, so auch an die Eidgenossenschaft. Wirtschaftlich voll auf die Kunst setzen mag sie nicht — oder traut sie sich nicht: «Irgendwie wollte ich nie das Risiko eingehen, kein Geld für den Zahnarzt zu haben. Und dann war da in mir auch dieses tief sitzende Gefühl aus meiner Schulzeit, nicht genügen zu können.» Erst später erkennt sie, dass ihr mangelndes Selbstwertgefühl als Künstlerin in der damals von den Männern dominierten Kunstwelt als Schwäche wahrgenommen wird: «Wurde meine Kunst an einem Ort abgelehnt, war ich stets bereit einzusehen, dass meine Arbeit schlecht war.»

Ich musste 70 Jahre alt werden, bis mir der Knopf aufging.

Erst zu Beginn der 90er-Jahre beginnt Guyer Wyrsch mit Schwemmholz zu arbeiten, baut Mobiles und Reliefs und findet zu ihrer «eigentlichen Begabung», dem Formen von Plastiken. Rückblickend sagt sie: «Ich musste 70 werden, bis mir der Knopf aufging. Erst jetzt konnte ich alle Register ziehen, mich in immer neuen Spielarten ausdrücken und entwickeln, und zwar völlig intuitiv. Die Kunst wird durch mich gemacht, ich mache sie nicht.»

Im September wird Gertrud Guyer Wyrsch wie jedes Jahr mit ihrem Mann ans Meer fahren und zeichnen. «Mölerle» nennt sie es. Nach drei Wochen halte sie es aber fast nicht mehr aus. «Ich muss dann zurück, um richtig zu arbeiten.» Denn nur dort könne sie alles um sich herum vergessen. «Komme ich aus dem Atelier heraus, bin ich wieder 93.»

Nächste Ausstellung: Kulturtankstelle Döttingen AG, 3. Mai bis 16. Juni 2013

97 Jahre: Edi Fischer, ehemaliger Chemiearbeiter

Edi Fischer geht jeden Tag bei seiner Freundin auf Besuch.
Edi Fischer geht jeden Tag bei seiner Freundin auf Besuch.

Vor zwei Jahren feierte Edi Fischer seinen 95. Geburtstag — zwei Tage später lag die Kündigung seiner Wohnung im Briefkasten. Schockiert sei er gewesen, erinnert er sich. Dann aber habe er sich gesagt: «Ich finde schon noch was, schliesslich bin ich noch gut beieinander und kann noch Waschen und Bügeln. Auch nehme ich kein einziges Medikament, ausser Bienenhonig.»

Ich nehme kein einziges Medikament, ausser Bienenhonig.

Edi Fischer besichtigt Alterswohnungen und fragt dort nach dem Preis. Als sie ihm die Tagespauschale von 145 Franken nennen, antwortet er: «Dann kann ich ja gerade auf den Friedhof ziehen!» Seine Freundin bietet ihm zwei Zimmer in ihrer Fünf-Zimmer-Wohnung an. Er lehnt ab: «Ich wollte etwas Eigenes.» Die nächsten Monate bewirbt er sich auf etliche Inserate: «Erwähnte ich am Telefon mein Alter, war die Sache meist gelaufen. Viele glaubten, dass ich eh in einem Jahr sterben werde, was ich ja irgendwie sogar verstehen konnte.» Am Ende sind es private Kontakte, die ihm zu seiner heutigen Wohnung verhelfen.

Am Tisch in der Stube erzählt Edi Fischer seine Geschichte. Davon, dass er nie krank war, obwohl er als Hilfsarbeiter und Meister in einem Chemiebetrieb immer wieder von oben bis unten mit Asbeststaub bepudert war.

Der Besuch bei seiner Freundin ist ein Fixpunkt in seinem Alltag. Dann reden sie miteinander, er massiert ihr dabei die Arme. Seine täglichen Besuche seien für sie so, als bestünde ihre Woche aus lauter Sonntagen, habe sie ihm einmal gesagt. Er sagt: «Das macht mich glücklich.» Am Ende des Gesprächs holt Edi Fischer einen Zettel hervor mit den Namen seiner Eltern und Geschwister mit Geburts- und Todesdatum. Auf das einzig leere Feld zeigt er und sagt: «Ich mache dann das Törli zu.» Angst davor habe er nicht, nur schnell soll es gehen. Und: «Ich will nicht noch einmal auf Wohnungssuche gehen müssen.»

95 Jahre: Marthe Gosteli, Frauenrechtlerin

Marthe Gosteli arbeitet jeden Tag im Archiv der Schweizer Frauengeschichte.
Marthe Gosteli arbeitet jeden Tag im Archiv der Schweizer Frauengeschichte.

Sie sei nicht mehr ganz so fit wie auch schon, sagt Marthe Gosteli zu Beginn des Gesprächs. Später nennt sie mit viel Entschiedenheit den Grund, warum sie trotzdem noch immer tagtäglich im Archiv der Schweizer Frauengeschichte steht: «Ohne Papier keine Geschichte. Ohne Geschichte keine Zukunft. Das gilt zwar generell, aber für die Frauen im Besonderen. So lange es für die Schule kein gutes Lehrmittel zur Frauenbewegung gibt, braucht es mich hier.»

Nichts weniger als die Geschichte der Schweizer Frauen beherbergt die von Marthe Gosteli vor 30 Jahren gegründete Gosteli-Stiftung in einem alten Wohnblock in Worblaufen bei Bern. Zu finden sind hier 400 Archive von Organisationen und Personen, darunter Frauenzeitungen, Bücher, Fotografien und Vereinsprotokolle. Die Frauenbewegung in der Schweiz zählt zu den am besten dokumentierten in Europa. Dafür gesorgt haben die Frauen selbst: «Zahlreiche Chronistinnen in der Schweiz sind nicht müde geworden, auch ohne politische Mitbestimmung ihr Wirken niederzuschreiben», sagt Gosteli.

So lange es kein gutes Lehrmittel zur Frauenbewegung gibt, braucht es mich.

Dass sie alle das Stimmrecht erhielten, ist nebst anderen Pionierinnen auch Gosteli und ihrem Verhandlungsgeschick zu verdanken. «Die dafür nötige Diplomatie habe ich auch bei den Amerikanern gelernt. Und genau die war nötig, um den Souverän zu überzeugen», sagt Gosteli. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie im Armeestab, und nach dem Krieg in der Filmabteilung des Informationsdienstes der US-Botschaft in Bern.

Wer Gosteli politisch verorten will, stösst auf Widerstand. «Ich musste mit Frauen aus allen Kreisen zusammenarbeiten, von links bis rechts.» Sie sei staatlichen Förderstellen in der Sache der Frau «eher kritisch» eingestellt. Und gar nichts halte sie von Frauen, die sich als politische Samariterinnen zur Verfügung stellen. Auf die Frage, wie sie das meine, nennt sie das Beispiel der Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf: «Es waren die Männer, die Christoph Blocher 2003 zum Bundesrat gewählt haben. Warum muss sich danach eine Frau zur Verfügung stellen, damit er 2007 abgewählt werden kann?» www.gosteli-foundation.ch

93 Jahre: Charles Eugster, Zahnarzt

Charles Eugster ist topfit und möchte etwas Neues ausprobieren: Leichtathletik.
Charles Eugster ist topfit und möchte etwas Neues ausprobieren: Leichtathletik.

Sitzt Charles Eugster in edle Stoffe gekleidet am blank polierten Holztisch seiner ebenfalls sehr edlen Wohnung in Uitikon bei Zürich, kommt er ins Dozieren — und das ist für den Zuhörer eine Freude. Mit ungeheurer Erzählkraft reiht er Fakten aneinander, erzählt dazugehörige Geschichten und setzt, als eine Art Lockerungsübung, mit britischem Humor Pointen, wenn seine Zukunftsszenarien zum Gesundheitszustand der Menschen allzu düster ausfallen. Die Gesundheit ist Eugsters Mission, insbesondere jene von betagten Menschen.

Charles Eugster, britisch-schweizerischer Doppelbürger, sagt: «Ich möchte die Welt verändern.» Bis 75 sei er Zahnarzt gewesen, danach hätte er noch bis 82 das «Mitteilungsblatt für Zahnärzte» herausgegeben, und dann sei er acht Jahre arbeitslos gewesen. «Lachen Sie nicht! Das war grausam», entgegnet er.

Ich möchte die Welt verändern.

Der Mann ist ein Phänomen, denkt man sich, wenn er von seiner Arbeit als «Fitness Ambassador» in einem Fitnessstudio erzählt. Die zwei letzten Jahre hielt er dort Vorträge und wurde zum Protagonisten in einem Film. Das Thema: Muskelaufbau im Alter. Er selbst sieht sich nüchterner: «Ihr Medien habt doch nur so ein grosses Interesse an mir, weil ich mit über 90 gesund und aktiv bin und kein Medikament zu mir nehme. Das muss uns doch zu denken geben! Denn eigentlich sollte ich mit meiner Gesundheit der Normalfall sein.» Jetzt legt Eugster los, spricht von der Fettleibigkeit weltweit und der damit verbundenen Diabetes-Pandemie und davon, dass seit dem Zweiten Weltkrieg die Menschen im Westen durchschnittlich 25 Prozent mehr Kalorien zu sich nehmen würden, sich aber immer weniger bewegen: «Wir werden das, was da auf uns zukommt, gar nicht mehr finanzieren können.» Darum, so denkt er, sollte jedem klar sein, dass er selbst verantwortlich dafür ist, was er sich in den Mund steckt.

Charles Eugster will auch in Zukunft Aufklärungsarbeit leisten. Seine Personaltrainerin hat derweil andere Sorgen: Dass er zu wenig Zeit zum Trainieren hat. Unbegründet, findet Eugster. Nach seiner Zeit als Wettkampfruderer und Bodybuilder möchte er nun etwas Neues ausprobieren. Leichtathletik, 100-Meter-Lauf oder vielleicht Kugelstossen. Wichtig sei einzig, «dass man immer wieder etwas Neues ausprobiert».

www.charleseugster.net

Autor: Oliver Demont

Fotograf: Ornella Cacace