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12. Juni 2017

Und es war Dorfgespräch

Eddy Merckx
Der spätere Gesamtsieger Eddy Merckx rast beim Prolog der Tour de Suisse 1974 durch Gippingen. (Bild: Keystone)

Die Werbekolonne wird um 12.34 Uhr erwartet, das Fahrerfeld um 13.34 Uhr: Am Dienstag, 13. Juni, führt die Tour de Suisse durch mein Dorf. Genauer: durch das Dorf meiner Kindheit. «Mein Dorf» nämlich gibt es nicht mehr, der alte «Konsum» wurde abgerissen, das Restaurant zur Linde neu gebaut, die Strasse – dem jeweiligen Zeitgeist gehorchend – zunächst verbreitert und später wieder verschmälert, der Schmied, dem wir beim Beschlagen von Pferdehufen zuschauten, ist längst gestorben. Nur das Silo der Landwirtschaftlichen Genossenschaft steht noch, in meiner Erinnerung ein Wolkenkratzer – ein Türmchen freilich bloss, wenn ich nun daran vorbeigehe.

Bänz Friedli
Bänz Friedli (51)

Und vermutlich wird die Tour de Suisse heutigen Kindern dereinst nicht in Erinnerung sein wie mir diejenige von damals. Es passierte halt selten etwas im Dorf. Und wenn der neunjährige Bänzli sich den Arm brach, weil er vom Velo seines grossen Bruders gestürzt war – im Juli 1974 wars –, wenn Bauer Aeschlimann eine Kuh entwich und über die Hauptstrasse galoppierte, wenn die geschiedene Coiffeuse «einen Neuen» hatte, der aber in einem Nachbarort im Prinzip schon verheiratet war … Dann war dies alsbald Dorfgespräch. Einmal besuchte Heidi Abel, die grosse Fernsehfrau jener Tage, das örtliche Hundeheim. Mächtige Übertragungswagen machten Station im Dorf, und noch wochenlang danach wurde den Kindern aus der Hundepension halb bewundernd und halb hämisch «Fernsehstars!» nachgerufen.

Und wenn das Militär im Dorf war! Es brauchte Mut, sich den Kerlen in Uniform zu nähern, die im alten Sekundarschulhaus einquartiert waren. Und die Mutprobe schlechthin war es, den Soldaten Militär­biskuits abzuschwatzen. Dabei gaben sie die Biskuits – ewig haltbar und ohne besonderen Geschmack – vermutlich noch so gerne her. Auch für uns waren sie eigentlich nur ge­niessbar, wenn Mutter sie mit Schokolade zu einem «Ziegelstein»-Cake verarbeitete. Dennoch war ein Held, wem es gelang, den Männern in der Armeeunterkunft an einem Tag vier Päckchen Biscuits abzuschmeicheln.

Die Tour de Suisse? Hat sich mir eingeprägt. Nicht der Radrennfahrer wegen. An deren Namen erinnere ich mich nicht, ich weiss ­ nur noch, dass wir sehr lange warteten und dass es dann sehr, sehr rasch vorbei war. Aber die Schirmmütze sehe ich vor mir, rot mit weisser Sonnenblende, die mir aus dem Begleittross zugeworfen wurde. Ich trug sie viele Jahre, sie liegt bestimmt noch im Estrich meines Elternhauses. Aufschrift: «Brunette». Keine Ahnung, was heutzutage an Velorennen verteilt wird. Aber doch hoffentlich keine Werbegeschenke von Zigarettenmarken? 


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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli