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06. Oktober 2014

Unbemerkt über die Sprachgrenze

Der Übergang vom Unterengadin ins Vinschgau (Migros-Magazin vom 6. 10. 2014) ist ein Beispiel für Wanderungen in abgelegenen Gebieten von einer Sprachregion in die andere. Wir verraten drei ebenso attraktive Ausflugsziele für Sprachbegabte oder Sprachgrenzen-Suchende.

Die Cadlimohütte
Idealer Zwischenhalt auf dem Weg von der oberen Leventina ins Urserental oder an den Oberalppass: Die Cadlimohütte. (Bild © M. Gloor)

Wird wahr, was einige Schul- und Kantonspolitiker mit der Verbannung der zweiten Landessprache aus der Primarschule zur Entlastung gestresster Schüler und Lehrkräfte fordern, drohen viele Konversationen unter Schweizer(inne)n nur noch auf Englisch zu erfolgen. Da tun Möglichkeiten zur spielerischen Verständigung in den Landessprachen auch für Ältere not, am besten in einer Region gleich an oder auf der Sprachgrenze. Wenn auch nicht immer sicher ist, ob noch die eine oder schon die andere Sprache angesagt ist …

Hier drei Vorschläge mit Wandertipps, dank deren Mehrsprachige (oder wer es werden möchte) die angeblich trennenden Sprachgrenzen praktisch unbemerkt überschreiten können:
EINE NEUE SCHLACHT AN DER BIRS? PAS DU TOUT!

Leichte Wanderung: Auf dem Höhenweg von Delémont JU nach Laufen BL.

Bestens für die Übergangs-, speziell die Herbstzeit, eignet sich die Wanderung auf der offiziellen Via-Jura-Strecke von Delémont nach Laufen, stets zwischen Birs- und Lützeltal sowie längere Zeit in den Einschnitten zu Füssen von Schatten- und Räschberg und zum Schluss auf dem Rücken des Buebergs verlaufend. In etwas über fünfeinhalb Stunden Laufzeit und in allesamt kurzen Aufstiegen von total bloss 650 Höhenmetern lernt man einen hübschen Querschnitt durch den sanft gefalteten Jura kennen – mit grosszügigen Hanglagen und engen V-Tal-Einblicken und kurz nach Beginn der mächtigen Talsperre mit der Vorbourg-Festungsruine und Wallfahrtskirche.

Die Route: Vom Bahnhof und Zentrum des jurassischen Hauptorts aus verlassen wir beim Punkt Le Mexique das Stadtgebiet, nähert sich bei der ersten Klus mit der heutigen Wallfahrtsstätte Vorbourg der Birs ein erstes Mal auf wenige 100 Meter. Über zwei Weiden mit einem Waldsaum dazwischen erreichen Wanderer Soyhières. Hier kann er mit dem Blick entlang des Flussbetts Richtung östliche Hasenburg bis zum Zielort Laufen von der Birs Abschied nehmen – zuerst dem nördlichen Strässchen folgend, dann auf dem Wanderweg etwas den Westhang der Grandes Prés hinauf bis nach La Réselle. Hier biegt die Route genau nach Osten ab, zuerst im Talboden, beim Hof Albach, den Nordhang des Schattebergs hinauf zur solothurnischen Kantonsgrenze. Haben Sies gemerkt? Nach La Réselle müssen wir gemäss Landkartennamen die Sprachgrenze überschritten haben. Allerdings verläuft diese hier nicht konsequent nur einem Tal, einer Krete oder anderen markanten Landschaftszügen entlang. Unter dem Räschberg passieren wir auf rund 670 m ü. M. den höchsten Punkt der Wanderung, um danach den sanften Abstieg über den Nieder-Huggerwald hinab zur Lützel unter die Füsse zu nehmen. Nach knapp zwei Kilometern direkt am Flusslauf gelangen wir in die südliche Vorstadt von Laufen.

Infos und Kartenansicht auf der Wanderland-Website
Delémont und Laufen sind Haltestellen von SBB-Schnellzug-Strecken.VOM LUXUSTOURISMUS ZUR KÄSEHOCHKULTUR

Mittelschwere Tour: Auf den Kreten zwischen Gstaad BE und L'Etivaz VD.

Dank der Bergbahn von Rütti (1 km südwestlich von Gstaads Zentrum) hinauf zur Station Eggli lässt sich der Höhenweg zum Jablepass und hinunter an den Käseort am Col des Mosses in gut sechs Stunden absolvieren, mit insgesamt weniger als 900 Höhenmetern Aufstieg. Höhepunkte der halb auf Bergmatten und halb im Wald verlaufenden Strecke sind unter anderem ein Kalkkarrengebiet auf deutschsprachiger Seite und die Käsereialphütten mit den typischen Schindeln und imposanten Kupferkesseln auf der französischen. Hier ist die Welt geografisch-sprachlich wohlgeordnet, auch wenn einige Bewohner wegen Jobs oder Beziehungen vielleicht schon die Seite gewechselt haben: Östlich vom Jable heisst alles deutsch, westlich französisch.

Die Route: Gestartet wird auf 1450 m ü. M. Danach verbleibt für die erste Etappe ein Aufstieg von 200 Metern über Rösställi bis zu Vorderes Eggli, erst geschützt am Waldrand, später auf der nahezu baumlosen Hügelkuppe. Nach der Aussicht über das südöstliche Saanenland folgen wir dem Weg, zuerst etwas bergab und danach leicht steil bergan zum Wilde Bode mit den geologisch interessanten Kalksteinformationen. Weiter wird der Trittlisattel mit dem höchsten Wegpunkt (1952 m ü. M.) bereits wieder leichteren Schrittes erklommen, um schliesslich sanft abfallend unter dem Häje Stand (südlicher Vorgipfel der Gummfluh) hindurch den Col de Jable zu erreichen. Ebenso bequem ausgeschildert und meist gleichmässig erfolgt der Abstieg vom Pass über Gros und Petit Jable bis zum Nordosthang über L'Etivaz, wo auf den letzten ca. 300 Höhenmetern gerade ins Dorf hinunter allerdings erhöhte Bremsfertigkeiten gefordert sind.

Details und Kartenausschnitt auf der Wanderland-Website
Mit Bahn und Postauto sind Anfangs- und Endpunkt der Tour gut erreichbar – die Verbindung von L'Etivaz aus gilt es vorab abzuklären. Ein Etivaz-Käse ist für Liebhaber eher rezenter (Halb-)Hartkäse die ideale Erinnerung. Er gehört in dieser Domäne zu den besten Schweizer Erzeugnissen.MASSIVE AUF- UND ABSTIEGE IN DER NACHBARSCHAFT DES GOTTHARDGEBIETS

Sportliche Herausforderung: Hoch hinaus über zwei Pässe von Piotta TI nach Andermatt UR.

Für den Hoch- und Spätsommer empfehlen wir erfahrenen und etwas ausdauernden Bergwanderern die abwechslungsreiche Route vom Ritomsee nach Andermatt, mit den verschiedensten Vegetationsformen, Gewässern und Gebirgsformationen. In diesem Fall zeigen sich oberhalb der Seen die nördlichsten Gebirgsketten auf Tessiner Seite schroff-felsiger als die Landschaft zuoberst im Val Maighels (Graubünden) und dem Tal der Unteralpreuss (Uri).
Auch sprachlich ist auf der Bergtour mit einer Übernachtung in der Cadlimohütte (Bild oben) einiges los, wechselt man doch nach Italienisch (bisweilen in kurioser Leventiner Variante) ins bündnerische Rumantsch, um am Ende gegen Andermatt ins deutschsprachige Gebiet zu gelangen. Eine vielzüngige Angelegenheit mit viel regional geprägten Zungenbrechern.

Die Route: Auch hier steht die Nutzung einer Bergbahn am Anfang, nämlich jene von Piotta (zuerst nimmt man bei der Anreise mit dem ÖV den Bus vom Bahnhof Piotta zur Talstation beim Kraftwerk Centrale FPR) hinauf nach Piora (1800 m ü. M.). Nordöstlich der Strasse folgend, gelangt man nach einigen Minuten zur Staumauer des Ritomsees und an dessen Nordufer bis zur Alpe Ritom. Von da führt der direkte Weg hinauf am Natursee Lago di Tom vorbei und zunehmend in steilerem Gelände zwischen dem Pizzo Taneda und den Poncioni Negri hindurch zum bereits hochgebirgigen Lago Scuro. Auf klar steinigerem Weg, aber flacher ansteigend erreicht man, vorbei am idyllischen Lago di Dentro die Cadlimohütte. Bis zur Übernachtung (reservieren, Juni bis Oktober) überwindet man in weniger als drei Stunden 775 Höhenmeter. Unweit der Hütte befindet sich übrigens noch nicht die Sprachgrenze, näher liegt die Wasserscheide mit den Zuflüssen in Nordsee oder Mittelmeer.

Am nächsten Tag stehen die eigentlichen Übergänge an: Leicht kraxelnd, aber noch immer ohne Bedarf, sich zur Überwindung von allfälliger Höhenangst anzuseilen, geht es erst abwärts ins obere Canariatal, dann hinauf zum Hauptziel, dem Bornengopass (2630 m ü. M.). Nach einem kurzen, ruppigen Abstieg im Schatten wählt man die Abzweigung links hinauf zum Maighelspass (2420 m ü. M.). Gleich dahinter bietet sich der malerische Portgerenalpsee als Rastplatz an, wenn es auf dem Bornengo mit besserer Aussicht zu windig sein sollte. Meist sonnig, aber die ersten rund 500 Höhenmeter ziemlich steil, sucht der Weg bis zur Vermigelhütte zielstrebig das Südostende des Tals der Unteralpreuss. Zum Abschluss folgt man bequem dem Bach bis nach Andermatt. Der anstrengendere Teil des Tages (bis Vermigelhütte) beansprucht ca. dreieinhalb Stunden sowie rund 550 Höhenmeter Anstieg und nicht weniger als 1250 Meter Abstieg. Gut zwei Stunden reine Gehzeit dauert schliesslich das «Auslaufen» bis zum Hauptort des Urserentals.

Infos und Routenvorschläge zur Cadlimohütte
Natürlich kann die Tour auch in umgekehrter Richtung absolviert werden, um zuerst klar mehr Anstieg zu überwinden und den Abstieg am kürzeren zweiten Tag. Dann empfiehlt sich aber ein früher Start in Andermatt.
Zudem kann statt zur Unteralpreuss auch das Maighelstal zur gleichnamigen Hütte und schliesslich zum Oberalppass als Abschluss der Wanderung gewählt werden.

Autor: Reto Meisser