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30. Juli 2012

Unbekannte Pässe entdecken

Der im Migros-Magazin vom 30. Juli 2012 vorgestellte Segnes-Pass ist nicht der einzige in Vergessenheit geratene Schweizer Übergang, der sich für eine Wanderung eignet. Hier finden Sie weitere Tipps mit attraktiven alten Saumpfaden.

Schneefeld südlich vom Segnespass
Auf einem Schneefeld südlich vom Segnespass.

Historisch bedeutende Pässe wurden in den letzten Jahrzehnten häufig untertunnelt oder mit einer breiten Strasse ausgebaut. So vergrösserte ein Gotthard, Simplon, Brünig oder San Bernardino seine Bedeutung weiter. Allerdings gibt es auch Beispiele für seit der Römerzeit bestehende Übergänge, die noch heute im damaligen Zustand zu Fuss erkundbar sind. Der bekannteste ist vielleicht der Septimerpass (Pass da Sett) von Bivio am Julier in Richtung Bergell. Er wandelte sich vom wichtigen Transportweg zum Ausflugs- und Erholungsziel. Fast dasselbe gilt für den Gemmipass zwischen Leukerbad und Kandersteg, nur bestehen fast darunter zentrale Tunneldurchstiche – sie heissen bloss anders: Lötschberg.
migrosmagazin.ch stellt zum Erlebnisbericht der Tour über den Segnespass in der Ausgabe 31 (30. 7.) weitere Wanderrouten auf den Handelswegen von früher vor. Die Entdeckungen macht man allesamt weitab von befahrenen Strassen, mal auf leichten, mal auf beschwerlicheren Pfaden.
Panixerpass:Noch schneller an den Vorderrhein
Fast parallel zum Segnespass, einfach etwas weiter westlich vom Sardona, führt der früher ungleich bedeutendere Saumweg vom südlichen Glarnerland nach Graubünden. Den Panixerpass auf gut 2400 Metern erreichen Wanderer ebenfalls von Elm (im besten Fall fährt einen jemand morgens bis Steinibach oder gar Walenbrugg) aus durch ein karges Seitental über die Alp Lochhüttli. Nach dem Ausblick auf den Pigniu-Stausee wendet man beim Abstieg den Schritt auf der Crusch-Krete am besten östlich und besucht die Ranasca-Alp, bevor einen der Bus von Pigniu hinunter nach Waltensburg fährt.
Kinzigpass:Die gemütliche Alpenpromenade
Der Kinzigpass auf gut 2000 M.ü.M. war früher ein durchaus wichtiger Pass von Muothatal (und dahinter dem Glarnerland und der Nordostschweiz) ins Herz von Uri. Um eine entspanntere Tour durch das abgelegene Hürital zu erhalten, schlagen wir aber den Start kurz nach Bürglen an der Klausenstrecke vor: Die Seilbahn bringt einen ohne Schwitzen auf die Alp Biel hinauf. Bis zum Hinteren Wissenboden gehts bloss leicht bergan, danach folgen die einzigen gut 200 etwas anstrengenden Höhenmeter auf die Chinzig-(Kulm-)Passhöhe. Hinunter geniesst man das zweimal stark den Charakter ändernde Hochtal, dessen erste Weiler alle ‚Hütten‘ heissen (!), hinunter nach Muothatal, wo regelmässig Busse nach Schwyz verkehren.
Rawilpass:Die Seenplatte als Sprachgrenze
Diesen Übergang zwischen dem Berner Oberland und dem Wallis nutzten bereits die Römer fleissig. Er passiert auf über 2400 Metern zugleich die Sprachgrenze und offenbart dem Entdecker nach dem höchsten Punkt eine steinig-karge Hochebene weit hinter dem Skigebiet von Crans-Montana, mit vielen Bächen und kleinen ‚Seeleni‘. Aus dem Simmental empfehlen wir die Bus-Anreise dem Iffigbach folgend bis zur Iffigenalp. Nur knapp 900 Höhenmeter müssen nun in immer alpinerer Umgebung erklommen werden. Nach dem Picknick geniesst man den Abstieg um den imposanten Tseuzier-Stausee und weiter durch die Alp-Weiler bis Ehéley – Le Saramin auf dem Gebiet Ayents. Hier bringt einen das Postauto mit einmal Umsteigen nach Sitten.
Jochpass:An der Titlis-Flanke
Der Jochpass war früher ebenfalls ein wichtiger Handelsweg, zwischen grossen Teilen der Innerschweiz und dem Bernbiet. Heute bezwingen auch Bergwanderer ohne Kondition den Jochpass fast problemlos, wenn sie von Engelberger Seite die Annehmlichkeit der Bahn an den Trübsee in Anspruch nehmen. Die Ambitionierteren wählen jedoch westlich über das Hinter-Mattli das Trübenbachtal für den Seilbahn-abgewandten Aufstieg, der in die Hochebene mit dem (ungestauten) See führt. Danach folgt man rund 400 gleichmässig verteilte Höhenmeter hinauf zum Pass, auf dem sich die meisten an der Flanke vom dominanten Titlis beeindruckt zeigen. Westwärts gehts in einer weit grüneren, in Sachen Fauna noch spannenderen Höhenwelt zum grossen Engstlen-Bergssee und zur gleichnamigen Alp, von wo das Postauto einen nach Innertkirchen oder Meiringen bringt. Wer noch mag, gönnt sich die Verlängerung über Hinter Schwand und die Achtelsass-Alp bis zur Haltestelle Gentalwasser.
Naretpass:Zum Seenspeicher der Maggia
Eine auch für Ausflügler mit etwas Höhenschwindel oder ohne grössere alpine Erfahrung gut machbare Tour, in einem Tag aber konditionell anstrengend. Von Ossasco im Bedrettotal (mit Nufenen-Postautokurs kurz nach Airolo) geht es stetig ansteigend über die Christallina-Alp bis auf den Pass da Naret (rund 2500 M.ü.M.). Danach lernt man nebst den grossen Speicherseen Naret und Sambuco die einmalige Landschaft sich terrassenweise abfolgender Hochtäler kennen. Ab Fusio, dem hintersten Dorf im Maggiatal, stehen Postauto-Anschluss oder Übernachtungs-Möglichkeiten zur Verfügung.
Alternative: Wer lieber etwas länger in der Höhe bleibt und nicht mehr als vier bis viereinhalb Stunden an reiner Laufzeit pro Tag aufwendet, quert vor dem Naretpass westlich zur Christallina-Hütte und nimmt am nächsten Tag den Weg über den Pass nach Fusio oder aber in süd(west)licher Richtung zu den Seen oberhalb Robiei und hinunter ins Bavonatal unter die Füsse.
Kistenpass: Für Sportler ohne überflüssiges Gepäck
Und noch ein klassischer Übergang von Glarus ins Bündnerland. In Linthal, zuhinterst im Haupttal, folgt man nicht etwa der Töff- und Rad-Lieblingsstrasse des Klausen Richtung Urnerboden, sondern begibt sich über (Ober-)Reiti zum Zufluss des Limmerenbachs in den Wildwüestibach. Ersterem folgt man südöstlich im selben Tal hinauf bis zum lang gezogenen Limmeren-Stausee und weiter östlich zum auf 2600 Meter hohen Kistenpass. Bei den innert wenigen Stunden überwundenen rund 2000 Höhenmetern sollte man klar weniger Gepäck mitschleppen als früher die Säumer. Doch auch mit leichtem Rucksäckchen eignet sich diese Tour nur für sehr ausdauernde bis schon eher sportlich austrainierte Berggänger. Hinunter wandelt man zuerst weniger steil durch die Falla-Lenn-Lücke in den malerischen Ladra-Taleinschnitt, um schliesslich über Resgia in Andiast zu landen.

DIE SCHWEIZER PÄSSE
Die Wikipedia-Seite mit allen aufgelisteten Schweizer Pässen

Wo findet man die Ausflugstipps? http://maps.google.ch

Autor: Reto Meisser

Fotograf: Philipp Dubs