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01. Juni 2015

Unangenehme Küsschen der Mama

Auch wenn sie zu Hause viel Mutterliebe brauchen: Für Buben sind öffentliche Zärtlichkeiten der Mutter äusserst beschämend. Und das ist gut so, meint der Experte.

Zu viel Zärlichkeit ist unangehem
Zu viel Zärlichkeit ist unangehem (Bild: Birgid Allig/Getty Images).

Manchmal, aber nur manchmal, wäre es schon schön, wenn der dreijährige Samuel den Rockschoss seiner Mama mal loslassen würde, denkt sie sich. Doch dann sagt der Kleine Sätze wie: «Wenn ich mal gross bin, heirate ich dich, Mama.» Und schon könnte sie ihn wieder fressen, so süss ist er. Trotzdem ist es damit irgendwann vorbei, und ihr Wunsch nach mehr Freiraum wird schneller wahr, als sie es sich je vorgestellt hat.

Tatsächlich ist die Beziehung von Müttern und Söhnen aus einem ganz besonderen Stoff. Henri Guttmann (60), Paar- und Familientherapeut aus Winterthur ZH, erklärt, woran das liegt: «Viele Mütter sind bei der Geburt eines kleinen Sohns total entzückt und gerührt, insbesondere von der Vorstellung, dass in ihrem Bauch ein kleiner Mann herangewachsen ist.» Die Mutter wiederum ist seine erste grosse Liebe. Doch diese Beziehung verändert sich ständig – und muss das auch tun, soll sich der Junge gesund entwickeln.

«Mit etwa drei bis vier Jahren entdeckt ein Junge bewusst seinen Penis und begreift, dass er später mal ein grosser, starker Mann sein wird. Wie Papa. Das ist der Beginn der sogenannten sexuellen Identität», sagt Guttmann. «In dieser sehr wichtigen Phase möchte der Junge seine Mutter ganz für sich allein haben. Es ist aber wichtig für ihn zu realisieren, dass die geliebte Mama schliesslich halt doch mit Papa verheiratet ist und nicht mit ihm.» Dieser Bruch ist wichtig, damit sich ein Sohn natürlich entwickeln kann.

In der Vorpubertät, also zwischen zehn und zwölf Jahren, kommt dann der Moment, in dem Söhne daheim zwar noch ganz viel mütterliche Liebe brauchen. Sie müssen sich geborgen fühlen. Aber, und dieses Aber ist ganz zentral: nur daheim. «Sobald die Jungs draussen sind, in der Schule, auf der Strasse oder bei Freunden, ist jegliche Zärtlichkeit der Mutter ein absolutes No-Go und voll peinlich. Auch das ist wichtig und gesund», sagt der Experte. Und auch hier dürfen Mütter der Entwicklung nicht ins Handwerk pfuschen, so weh es ihnen auch tut. Scham und Peinlichkeit sind sehr schlimme Gefühle in diesem Alter.

«In dieser Phase wird die Akzeptanz durch Gleichaltrige immer wichtiger. Und da gilt: gross, stark, schnell, Schluss mit Bubikram!», sagt Guttmann. Darum empfiehlt er Müttern, ihre Buben wie Katzen zu sehen: Wenn sie schmusen wollen, kommen sie. Fasst man sie hingegen gegen ihren Willen an, kratzen sie. Diese Zwiespältigkeit ist gesund und richtig. Denn nur so können sich Jungs ablösen, sich ausserhalb der Familie Sexualpartner suchen und später unabhängige Männer werden. Dass die Buben in diesem Alter rotzfrech sind, hilft ihnen dabei.

Buchtipp: Tomi Ungerer: «Kein Kuss für Mutter – Eine Geschichte über zu viel oder zu wenig Liebe» , Diogenes, für Fr. 15.90.

Autor: Andrea Fischer Schulthess