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15. Juli 2013

Ukraine: Zwischen Aufbruch und Tiefschlaf

Vor einem Jahr ging in der Ukraine die Fussball-EM zu Ende. Die ukrainischen Austragungsorte Lviv und Kiew haben davon profitiert und sind attraktive Städtereiseziele. Die Zukunft der jungen Republik ist jedoch ungewiss. Sie hängt davon ab, ob sich das Land der EU oder Russland nähert.

Freiheitsprospekt von Lviv
Während der Fussball-EM 2012 bildete der Freiheitsprospekt von Lviv mit seinem imposanten Opernhaus die Fanzone. (Bild: Laif/Keystone)
Gemütliches Strassencafé
Gemütliches Strassencafé

VON DER ANREISE BIS ZUM ZNACHT
Bildgalerie und Infos zur Ukraine: Die besten Adressen und zahlreiche Reisetipps für Lviv (deutsch: Lemberg / Bild) und Kiew mit vielen Reportagebildern. Zum Artikel

Am wechselnden Namen des Freiheitsprospekts von Lviv lässt sich die dramatische Geschichte der westukrainischen Stadt ablesen: Der zentral vor der Oper gelegene Platz hiess Leninprospekt, seit sich die damalige UdSSR die Ukraine einverleibt hatte. Als die Deutschen im Zweiten Weltkrieg einmarschierten, tauften sie ihn Adolf-Hitler-Platz. Und Freiheitsprospekt heisst er wieder nach dem Zerfall der Sowjetunion, der 1991 zur Unabhängigkeit der Ukraine geführt hat. Vor einem Jahr ist der Platz während der Fussball-EM eine riesige Fanzone gewesen.

Relikte aus der Sowjetzeit: Alte Pässe und Abzeichen
Das Erbe der UdSSR: Die Strassenmärkte sind voll von Relikten aus der Sowjetzeit.

Lviv, vom «Spiegel» als «Dornröschen des Ostens» betitelt und nur 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, ist eine unglaublich schöne Stadt, ein Ensemble von Renaissance-, Barock-, Klassizismus- und Jugendstilgebäuden, die im Zweiten Weltkrieg grösstenteils unbeschädigt geblieben ist. Hochschullehrer Volodymyr Zadorozhnyy (60), der zum Nebenverdienst als Stadtführer arbeitet, erinnert sich mit einem ironischen Unterton: «Dieses architektonische Juwel hatte zur Sowjetzeit die Farbe des echten Sozialismus. Lviv war grau und schmutzig.» Heute gehört die Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe, die Häuserfassaden wurden neu verputzt. «Mit der Euro 2012 hat sich auch die Qualität der Strassen verbessert, neue Hotels und Restaurants sind entstanden, und erstmals führen Hinweisschilder zu den Attraktionen», informiert der Familienvater, der in Lviv aufgewachsen ist.

Das Fussballstadion von Lviv
Das Fussballstadion von Lviv, das letztlich 300 Millionen Euro verschlungen hat, steht heute meist leer.

Dank der Euro ist die Stadt, die einwohnermässig fast doppelt so gross ist wie Zürich (und trotzdem nur die siebtgrösste der Ukraine!) zu einem zweiten Fussballstadion gekommen. Es hat Investitionen von 300 Millionen Euro verschlungen, fasst 33'000 Zuschauer und steht heute meist leer. Der lokale Fussballclub Karpaty Lviv fürchtet sich vor den jährlichen Unterhaltskosten von 1,5 Millionen Euro. Und für die Fans ist es wenig attraktiv, von der Stadt sieben Kilometer ins Niemandsland zu fahren. Beim Besuch des Migros-Magazins bereitete man sich in der Arena für ein Konzert einer ukrainischen Rockband vor.

Das Herz der Altstadt von Lviv bildet der Marktplatz mit den Häuserzeilen aus dem 16. Jahrhundert, dem Rathaus und seinen Nachbarn in Form von Imbisslokalen wie Shohaxata Sushi oder Black Coffee. Die Globalisierung hat, wenn auch nur zaghaft, hier ebenfalls angeklopft. Noch bestehen die Hinterhöfe aber meist aus Galerien, Boutiquen, lokalen Restaurants und Bars, die von den über 100 000 Studenten der Stadt gut besucht sind. Laut www.pintprice.com geht das Bier nirgendwo in Europa so günstig über den Tresen wie in der Ukraine. Davon wird in den lauen Sommernächten reichlich Gebrauch gemacht.

Funny Jew: Der Cocktail erinnert an den Zweiten Weltkrieg

Vom Altstadtlokal Golden Rose in der Strasse Staroyevreyska strömt Klezmer-Musik auf das Trottoir hinaus. Auf der Karte stehen Humus und Cocktails wie Funny Jew oder Abraham’s Conscience. Die humoristischen Nostalgienoten können einen traurigen Hintergrund nicht überdecken: Nur wenige Meter vom «Golden Rose» entfernt sprengten die Nazis im Zweiten Weltkrieg die Hauptsynagoge, die zu den prächtigsten in Europa gehörte. Und sie brachten in Lviv und im Gebiet Galizien über eine halbe Million Menschen in Konzentrations- und Gefangenenlagern um. Die Mehrheit waren Juden, die in der Stadt viel zum blühenden Leben beigetragen hatten und damals rund ein Drittel der Einwohner stellten.

Als die Stadt noch Lemberg hiess, gehörte sie zu Österreich-Ungarn. Viele der Prachtsbauten stammen aus der Zeit der Habsburger Monarchie. Volodymyr Zadorozhnyy weiss: «Am schönsten ist die Aussicht auf die Altstadt vom Schlossberg.» Von dort sieht man die vielen Grünflächen. In der Umgebung des Bahnhofs hingegen fallen die hässlichen Bauten aus der Sowjetzeit auf.

Ukrainin verkauft Kunsthandwerke
300 Euro Durchschnittseinkommen: Die Mehrheit der Bevölkerung ist arm.
Bauer mit Pferdekutsche
Unterwegs zu den Karpaten: Die Bauern sind aus wirtschaftlicher Not meist Selbstversorger.

Nur schon ein paar Kilometer ausserhalb von Lviv öffnet sich eine komplett andere Welt: Auf dem Weg zu den unberührten Waldkarpaten sind die Strassen von Schlaglöchern durchsetzt, unterwegs kommen einem Bauern entgegen, die auf klapprigen Pferdewagen sitzen. Dutzende von Störchen verfolgen die Szenerie von ihren Nestern aus. Auf dem Land hat die Fussball-EM nichts verändert. Die Zeit scheint hier vor 50 Jahren stehen geblieben zu sein. Gut 300 Euro verdienen die Ukrainer durchschnittlich pro Monat. Die Einwohnerzahl der Ukraine, die mehr als fünf Mal so gross wie die Schweiz ist, hat seit der Unabhängigkeit von gegen 52 Millionen auf 46 Millionen abgenommen — durch Auswanderung und die höchste HIV-Rate in Europa.

Porträt Botschafter Christian Schoenenberger
Botschafter Christian Schoenenberger ist «unser» Mann in Kiew.

Wie sich das Land weiter entwickelt, hängt vom Präsidenten Wiktor Janukowytsch ab. «Die Ukraine befindet sich zwischen den beiden Polen EU und Russland und muss sich bald entscheiden, welchen Weg sie in Zukunft gehen will», sagt Christian Schoenenberger (55), seit Mitte September 2011 Schweizer Botschafter für die Ukraine und für Moldawien in der Hauptstadt Kiew. Er wohnt dort, 540 Kilometer östlich von Lviv, mit seiner Frau in einem modernen Botschaftsgebäude mit Blick auf Kirschbäume und hat «einen Arbeitsweg von zehn Sekunden».

In der Ukraine boomt die Religion wie noch nie

Im Gegensatz zu Lviv ist Kiew von russischer Architektur geprägt. Ein paar Fussminuten vom Zuhause des Botschafters entfernt befindet sich eine der wichtigsten Attraktionen der ukrainischen Hauptstadt: das Höhlenkloster Petscherska Lawra, dessen Komplex aus über 70 kirchlichen Gebäuden besteht und auf der Unesco-Weltkulturerbe-Liste figuriert. Mit einer Kerze in der Hand pilgern täglich Hunderte von Gläubigen durch dunkle Gänge, die nach Weihrauch riechen. Die Pilger küssen in einem der heiligsten Klöster der russisch-orthodoxen Kirche gläserne Särge, in denen Mumien liegen. Seit dem Zerfall der Sowjetunion boomt die Religion in der Ukraine. Jährlich entstehen mehrere orthodoxe Kirchen.

Aussenansicht des Höhlenklosters Petscherska Lawra
Unbedingt besuchen: Das Höhlenkloster Petscherska Lawra gilt als wichtigste Attraktion von Kiew.

Kiew, ein weiterer von vier ukrainischen Austragungsorten der Fussball-EM 2012, erinnert mit den grosszügigen Boulevards an Paris. Der in Zürich aufgewachsene Schweizer Botschafter Schoenenberger sagt: «Die Hauptstadt hat sich mit der Fussball-EM verändert. Seither zirkulieren moderne Busse in der Stadt, die Bahn hat neues Rollmaterial erhalten, und die öffentlichen Verkehrsmittel sind neben ukrainisch auch auf Englisch angeschrieben.» Strassen wurden renoviert, Häuser neu verputzt. Zudem eröffneten Hotels und Metrostationen. Die Metro ist das beste Verkehrsmittel, um sicher und preiswert vorwärtszukommen. 24 Rappen kostet die Fahrt auf den drei U-Bahn-Linien, während die Verkäuferin in der 100-jährigen Halle des sehenswerten Bessarabischen Markts für ein Körbchen Himbeeren zwölf Franken verlangt.

Der Freitag heisst in Kiew scherzhaft «Tag der Befreiung»

In Kiew mit 2,8 Millionen Einwohnern gehören Verkehrsstaus zum Alltag. Freitags nach der Arbeit fahren die Kiewer zur Datscha. Der Freitag wird deshalb auch scherzhaft als «Tag der Befreiung» bezeichnet. Trotz Verkehrsproblemen sagt der Schweizer Diplomat Schoenenberger: «Kiew hat eine relativ hohe Lebens- qualität, ein grosses Kulturangebot und freundliche Bewohner.» In seiner Freizeit geniesst der Vater von zwei erwachsenen Töchtern, der sein Russisch vertieft und Ukrainisch lernt, Freiluftkonzerte oder Spaziergänge in einem der zahlreichen Parks wie dem Schewtschenko, wo die Einheimischen Schach spielen.

Im «Olimpijskyj»-Stadion von Kiew, wo Spanien vor einem Jahr Europameister wurde, finden regelmässig Fussballspiele statt. Das Oval mit 70'000 Sitzplätzen befindet sich in der Nähe wichtiger Einkaufsstrassen (die Läden sind täglich geöffnet!) wie Tarasa Shevchenka oder Khreschatyk. Letztere lässt sich zusammen mit der Altstadt und den vielen Kirchen wie der Sophienkathedrale am besten ab der U-Bahn-Station Maidan Nezalezhnosti erkunden. «Montmartre Kiews» heisst die Umgebung rund um die Andrijyivsky Uwziz, die Andreasgasse. Hier verkaufen Künstler und Strassenhändler Bilder, Antiquitäten und Souvenirs.

In der Strasse Bohdana Khmelnytskogo befindet sich das 11 Mirrors, das 2012 als erstes Design-Hotel in Kiew die Tore geöffnet hat. Besitzer ist der ukrainische Schwergewichtsweltmeister Wladimir Klitschko, der heute zusammen mit seinem Bruder Witali vermehrt im politischen Ring kämpft. Auf den schwerreichen Boxerbrüdern ruhen viele Hoffnungen der Stimmbürger. Doch bis zu den nächsten Wahlen 2015 fliesst noch viel Wasser den Dnjepr hinunter.

Die Recherche wurde unterstützt von Kira Reisen Baden www.kiratravel.ch sowie von Ukraine International Airlines www.flyuia.com

Autor: Reto Wild

Fotograf: Reto Wild