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17. März 2014

Der Zeit voraus

Der legendäre Uhrmacher Armin Strom baute ein Leben lang Zeitmesser, deren Innenleben sichtbar ist. So hat er einen Designtrend vorweggenommen.

Armin Strom in seiner Uhrenmanufaktur, im Hintergrund ein Mitarbeiter
In Armin Stroms Manufaktur wird jedes Zahnrädchen selber hergestellt.

Juliane Seume (30) vollbringt ein Kunststück: Auf einer winzigen Fläche bildet sie eine ganze Berglandschaft ab. Sie blickt in ein Binokular, das eine sogenannte Brücke vergrössert – eines von vielen Einzelteilen eines mechanischen Uhrwerks. Seume ritzt mit einem Stichel Linien in dieses Gebilde. Allmählich entsteht so auf wenigen Quadratzentimetern Stahl die Darstellung einer Bergkette mit Felswänden und Schneegipfeln.

Juliane Seume fertigt die Handgravuren in Armin Stroms Manufaktur.
Juliane Seume fertigt die Handgravuren der Uhren an.

«Für meine Arbeit brauche ich nicht nur eine sichere Hand, sondern auch ziemlich viel Kraft», erklärt sie. «Schliesslich müssen die Linien tief ins Metall eingegraben werden.» Seume übt den seltenen Beruf einer Handgraveurin aus. Sie ist eine von rund 20 Spezialistinnen und Spezialisten, die für die Manufaktur des legendären Uhrmachers Armin Strom (76) arbeiten.

Uhren als Kunstwerke, die am Handgelenk ausgestellt werden

Hinter einer unscheinbaren Fassade an der Bözingenstrasse in Biel verbirgt sich eine Firma, die jährlich rund 800 edle Armbanduhren herstellt. Die exklusiven Zeitmesser werden von Sammlern auf der ganzen Welt geschätzt. Armin-Strom-Chronometer sind beispielsweise in Boutiquen in New York und im Nobelort Naples in Florida erhältlich. Das Besondere an den kleinen Kunstwerken ist ihre Ehrlichkeit und Offenherzigkeit: Die Uhren zeigen ihr Innenleben. Dank Öffnungen im Zifferblatt, in den Grundplatten und Brücken bieten sie tiefe Einblicke in das komplizierte Räderwerk. Solche Zeitmesser werden im Fachjargon Skelettuhren genannt. «Ein schönes Uhrwerk sollte man nicht verstecken», sagt Markengründer Strom.

Die Uhrwerke sind bei uns nicht bloss Motoren, sondern Kunstwerke fürs Handgelenk.

Weil die Chronometer transparent sind, macht es auch Sinn, dass sich Juliane Seume so viel Mühe beim Gravieren der Einzelteile gibt. Andere Spezialisten verschönern die Uhrwerke mit Zierschliffen oder überziehen sie hauchdünn mit Gold, Rhodium oder anderen Edelmetallen. «Die Uhrwerke sind bei uns nicht bloss Motoren, sondern Kunstwerke, die am Handgelenk ausgestellt werden», sagt Strom.

Die Mitarbeiter der Manufaktur verzieren nicht nur, sie konstruieren die Uhrwerke von Grund auf. Mit Spezialfräsen und anderen Hightechmaschinen stellen sie jedes Zahnrädchen und jede haardünne Achse selber her. Die Spiralfeder ist der einzige Bestandteil des Uhrenmotors, den die Manufaktur bei einem anderen Produzenten einkauft.

In vielen teuren Markenuhren tickt bloss das Werk eines externen Herstellers wie Eta. Es ist also keineswegs selbstverständlich, dass eine Firma das Innenleben ihrer Chronometer selber konstruiert. Hinzu kommt, dass Skelettuhren besondere Herausforderungen mit sich bringen. «Durch die Skelettierung darf weder die Ganggenauigkeit noch die Stabilität der Uhr leiden», erläutert Strom. Seine filigranen Zeitmesser halten beispielsweise die Kräfte aus, die beim Ausführen eines Golfschlags entstehen. Zudem sind sie bis 50 Meter wasserdicht. Allerdings sind die Chronometer auch alles andere als günstig: Die Einstiegsuhr kostet knapp 10'000 Franken, das Topmodell – eine sogenannte Tourbillon-Uhr aus 18-karätigem Roségold – ist mit 145'000 Franken so teuer wie ein Luxusauto.

Skelettierte Uhren, eine alte Kunstform neu belebt

Kostbare Zeitmesser hat Armin Strom schon immer angefertigt – nur tat er das früher für sich allein in einem Atelier. «Als junger Uhrmacher wollte ich etwas ganz Besonderes erschaffen», erinnert sich der Berner. Aber vom sich selbst stellenden Kalender bis zum Mini-Glockenspiel wurde in der Welt der mechanischen Chronometer bereits jedes exotische Werk konstruiert. Also brachte sich Strom eine alte Kunstform bei, die damals in Vergessenheit geraten war: Er skelettierte Uhren. In den 70er- und 80er-Jahren erschuf er exklusive Einzelstücke für reiche Sammler. Stets überbrachte er eigenhändig die fertige Uhr – selbst wenn der Auftraggeber in Rom oder New York wohnte. «So lernte ich die Kunden jeweils persönlich kennen, was nebenbei auch die Zahlungsmoral der Auftraggeber verbesserte.» Denn säumige Zahler konnte sich der selbständig erwerbende Familienvater nicht leisten.

Mit der kleinsten Skelettuhr ins Guinness-Buch der Rekorde

In jener Zeit war Strom der einzige Schweizer Uhrmacher, der sich aufs Skelettieren verstand. Allein schon diese Tatsache machte ihn bekannt. Anfang der 90er-Jahre schaffte er es zudem ins Guinness-Buch der Rekorde, weil er die kleinste Skelettuhr der Welt schuf: Dieser Bonsai-Chronometer hat einen Durchmesser von 12 Millimetern und ist voll funktionsfähig. In diese Zeit fällt auch die Markengründung.

Inzwischen hat er sich zwar aus der aktiven Arbeit in der Bieler Manufaktur zurückgezogen und sitzt nur noch im Verwaltungsrat der Firma. Doch seine Idee begegnet ihm im Alltag auf Schritt und Tritt, weil er einen Designtrend vorweggenommen hat: Viele Uhrenmarken bieten heute Modelle mit Öffnungen im Zifferblatt an, die das Räderwerk zeigen. «Doch das sind für mich keine echten Skelettuhren», sagt Strom. Es reiche nicht, einen Chronometer einfach zu durchlöchern, man müsse ihn von Anfang an als Skelettuhr konstruieren.

Gibt es in seinem Leben auch etwas anderes als Zeitmesser? Wie wichtig ist ihm seine Familie? «Meine Frau und die beiden Söhne sind manchmal zu kurz gekommen», räumt Strom ein. «Oft war ich an Weihnachten und an Ostern in meinem Atelier.» Eine Abneigung gegen Uhren haben seine Kinder deshalb aber nicht entwickelt. Sohn Daniel (54) war früher Verkaufschef bei Omega und hat inzwischen eine eigene Einmannuhrenmarke.

Autor: Michael West