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17. März 2014

Ein Tal, das anders tickt

Sonderfall Vallée de Joux: Trotz seiner abgelegenen Lage ist das Tal im Jura eine der wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen der Schweiz – dank der Uhrenindustrie.

Vallée de Joux Ortsaufnahme
Im abgelegenen Vallée de Joux wohnen 
6646 Menschen, und 7000 arbeiten dort.

Ein Bauernhaus, eine Holzscheune und ein dampfender Misthaufen. Gleich vor dem Hof sind zwei rechteckige Flachdachbauten mit verspiegelten Fensterfronten und einem riesigen Parkplatz zu sehen, auf dem Sicherheitsbeamte patrouillieren. Willkommen im Vallée de Joux, dem Hochtal im Waadtländer Jura, wo sich Bauer und Manager frohes Schaffen wünschen – und das Bruttosozialprodukt mit rund 90'000 Franken pro Kopf gleich gross ist wie im Kanton Zürich.

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Der Motor ist die Uhrenindustrie. Alle wichtigen Marken im Luxussegment sind im Vallée de Joux präsent – Audemars Piguet, Jaeger-LeCoultre, Patek Philippe, Breguet, Blancpain. Zudem wirkt die Uhrenindustrie als Magnet für verwandte Branchen wie etwa die Medizinaltechnik oder Feinmechanik.

Stolz präsentiert Eric Duruz (57), seit 13 Jahren mit der regionalen Wirtschaftsförderung betraut, die Zahlen: «Wir sind unter den Top Five der dynamischsten Regionen der Schweiz.» In den letzten zehn Jahren habe sich der Umsatz der ansässigen Firmen verdreifacht. Diese realisierten und planten derzeit Ausbauprojekte mit einem Investitionsvolumen von 100 Millionen Franken.

Eric Duruz, Wirtschaftsförderer.
Eric Duruz, Wirtschaftsförderer: «Wir gehören zu den dynamischsten Regionen der Schweiz.»

Wir gehören zu den dynamischsten Regionen der Schweiz. – Eric Duruz, Wirtschaftsförderer

Zu verdanken haben die Bewohner des Tals den wirtschaftlichen Erfolg unter anderem ihren Vorfahren, die mehrheitlich von Hugenotten abstammen. Die Religionsflüchtlinge aus Frankreich besiedelten die unwirtliche Hochebene und verbrachten die langen Winter mit mechanischen Tüfteleien. Damit schufen sie sich im 19. Jahrhundert bis weit über die Landesgrenzen hinaus den Ruf als Experten für Uhrwerke, die nicht nur Stunden und Sekunden messen können, sondern allerlei Extras bieten – wie etwa Mondphasen, Stoppfunktion oder Läutwerke, die Stunden, Viertelstunden oder sogar Minuten schlagen.

Einen Eindruck, wie anno dazumal gearbeitet wurde, erhält man im Atelier von Philippe Dufour. Der 66-Jährige betreibt in Le Solliat, am südwestlichen Ende des Lac de Joux, eine Einmannmanufaktur. Die Komponenten seiner Uhren stellt er zu 80 Prozent selber her, zum Teil mit uralten Maschinen, die er während der Krise in den 70er-Jahren zum Schrottpreis gekauft hat – damals, als alle glaubten, dass mechanische Uhren wegen der japanischen Quarzuhren keine Zukunft mehr hätten.

Meister für komplexe Mechanik und Mangastar mit Fanklub

Seit Dufour vor rund 20 Jahren die erste Uhr unter seinem Namen lancierte, hat er 215 Stück zusammengebaut. Vom vergleichsweise günstigen Modell Simplicité für 50'000 Franken gibt es 200 Stück. Mehr als die Hälfte davon befindet sich in Japan, wo es sogar einen Philippe-Dufour-Fanklub gibt und der Uhrmacher aus der Schweiz als Protagonist in einem japanischen Comic, einem Manga, auftaucht.

Eigentlich ist Dufour längst kein Uhrmacher mehr, sondern eher ein Künstler. Wobei er auch etwas von einem Chirurgen hat, wenn er sich im weissen Kittel und mit Augenlupe über seine Werkbank beugt und mit feinsten Werkzeugen das Innere eines Uhrwerks richtet.

Dufour gilt unter Sammlern als einer der grössten Meister für komplexe mechanische Uhren. Werbung hat er noch nie gemacht. Trotzdem wird er der Nachfrage kaum Herr – zumal er sich nur noch mit Modellen beschäftigt, die pro Stück ein Jahr Arbeit erfordern.

Philippe Dufour in seiner Werkstatt.
Philippe Dufour in seiner Einmannmanufaktur: Die Komponenten seiner Uhren stellt er zu 80 Prozent selber her – zum Teil mit uralten Maschinen, die er zum Schrottpreis gekauft hat.

Immer wieder mal hatte Philippe Dufour ein paar Angestellte, aber er hat so hohe Ansprüche, dass es niemand lange bei ihm aushält. «Die Jungen haben keine Disziplin und kein Durchhaltevermögen mehr», beklagt sich der Meister. Noch mehr als über den Nachwuchs wettert Dufour über die Konzerne, die heute die Uhrenindustrie dominieren: «Sie verteilen die einzelnen Arbeiten auf verschiedene Mitarbeiter, damit sie Ungelernte anstellen können. Im Gegenzug brauchen sie dann George Clooney, um ihre Produkte loszuwerden.»

Das Familienunternehmen Audemars Piguet ist noch selbständig. Aber auch diese Marke, die seit ihrer Gründung 1875 im Vallée de Joux ansässig ist, setzt auf die Ausstrahlung von Markenbotschaftern wie etwa Lionel Messi.

Maschine.
Die Maschinen, mit denen Philippe Dufour arbeitet, stehen bei Audemars Piguet im firmeneigenen Museum.

Die Maschinen, mit denen Philippe Dufour arbeitet, stehen bei Audemars Piguet im firmeneigenen Museum. Es ist eine Zeitkapsel, die nur ausgewählten Kunden zugänglich ist und in der zwei Uhrmacher, die antike Uhrwerke reparieren, zum Inventar gehören. Die beiden Horlogers nehmen sich Zeit für die Besucher, zeigen ihnen mikroskopisch kleine Komponenten, alte Baupläne und mechanische Uhrwerke, die wie ein Herz zu pulsieren scheinen.

Für viele Schweizer ist das Vallée de Joux kein idealer Arbeitsort

Die Angestellten, die zu Dutzenden in den modernen Produktionshallen sitzen, dürfen hingegen keine Fragen beantworten. Ihre Zeit ist zu kostbar. Dabei würde man gerne erfahren, ob sie tatsächlich bloss angelernt sind und ob sie vielleicht aus Frankreich kommen.

Im Vallée de Joux gibt es rund 7000 Arbeitsplätze, aber nur 6646 Einwohner, inklusive Rentner und Kinder. Der Bedarf an Arbeitskräften wird mit rund 4200 Grenzgängern gedeckt. Bei Audemars Piguet will man nicht über Zahlen sprechen. Jene von Jaeger-LeCoultre, der grössten und ältesten Manfaktur im Vallée, sind bekannt: Die Hälfte der 1300 Mitarbeiter kommt von jenseits der Grenze.

Schweizer in diese abgelegene Ecke zu locken, ist schwierig. «Als ich einst einem Arbeitslosen aus der Nähe von Lausanne einen Job angeboten habe, sagte er mir, es wäre ihm zu weit», erzählt Philippe Badaut (70), der in seiner Druckerei während 33 Jahren das Lokalblatt «Feuille d’Avis de la Vallée de Joux» herausgegeben und den Stab vor Kurzem an seinen Sohn weitergereicht hat.

Arbeiter in einer Produktionshalle von Audemars Piguet.
In den Produktionshallen von Audemars Piguet herrscht Arbeitsteilung: Jeder Angestellte ist für das Einsetzen von zehn Komponenten zuständig.
Arbeiter in einer Produktionshalle von Audemars Piguet, er ist konzentriert bei der Arbeit.

In diesem Blatt waren Anfang Februar auch die Resultate der Abstimmung über die SVP-Masseneinwanderungs­Initiative nachzulesen: 1002 Ja zu 1342 Nein. Das heisst, rund 57 Prozent der Combier, wie sich die Bewohner der Talsenke (franz. Combe) nennen, haben die Beschränkung der Personenfreizügigkeit abgelehnt. Und das, obwohl im Vallée de Joux anteilsmässig sechsmal mehr Grenzgänger als im Tessin arbeiten, wo die Initiative angenommen wurde.

Wer von Lausanne hochfährt, ist mehr Ausländer als ein Franzose

«Den Einheimischen ist bewusst, dass die Firmen nicht nur wegen Image und Know-how in der Region investieren, sondern auch wegen der Arbeitskräfte aus Frankreich», erklärt Wirtschaftsförderer Duruz. Zudem gäbe es keine Probleme mit Dumpinglöhnen, da sich die Uhrenindustrie an die Gesamtarbeitsverträge halte. Dass es dennoch einige Ja-Stimmen gegeben hat, erklärt sich Duruz vor allem mit den Verkehrsproblemen: Morgens und abends sind die Strassen rund um den idyllischen Lac de Joux verstopft. Zwar fördern Behörden und Industrie Projekte wie Fahrgemeinschaften, Mitarbeiterbusse und eine neue Bahnlinie, aber die Autokolonnen haben sich bisher nicht aufgelöst.

Das firmeneigene Museum von Audemars Piguet, Aussenansicht.
Das firmeneigene Museum von Audemars Piguet zeigt Schachteln, in denen Uhrteilchen gelagert wurden.

Einer, der seit 25 Jahren zwischen Frankreich und der Schweiz pendelt, ist Denis Nicolaus. Der 50-Jährige ist Vizepräsident der Grenzgängervereinigung Groupement transfrontalier und arbeitet bei Blancpain. Probleme mit Schweizern hatte Nicolaus bisher keine. «Es gibt keine Feindseligkeiten. Warum auch? Diejenigen, die von Lausanne herkommen, sind mehr Ausländer als wir.» Wenn man sich aufrege, dann über die Faux frontaliers, die Grenzgänger, die nicht aus dem französischen Jura stammen, sondern aus anderen Regionen Frankreichs.

Was hält die Uhrenindustrie im Vallée du Joux vom Ja zur SVP-Initiative? Bei Audemars Piguet gibt man sich zugeknöpft: «Dazu möchten wir uns nicht äussern, da noch nichts entschieden ist und wir den Einfluss auf unsere Produktion noch nicht einschätzen können.» Jaeger LeCoultre hält es nicht für nötig, auf die Frage zu antworten. Und Fabien Graber, als Direktor der École Technique de la Vallée du Joux für den Nachwuchs verantwortlich, hat ein Redeverbot.

Warum die Uhrenindustrie doch nicht nach Frankreich abwandert

Einzig von Wirtschaftsförderer Duruz ist ein Statement erhältlich: «Die Botschaft, die wir den Unternehmen geben, ist problematisch.» Jetzt gelte es gut zu kommunizieren und den Schaden mit genügend hohen Kontingenten zu begrenzen. Dass die Firmen abwandern, hält er für unwahrscheinlich: «In Frankreich arbeiten die Angestellten nur 35 Stunden und das Arbeitsrecht ist langsam und kompliziert. Das schränkt die Flexibilität der Arbeitgeber ein.» Zudem seien die Steuern in Frankreich höher.

So oder so: Der Nachwuchs ist umschwärmt. Im Espace Horloger, dem einzigen öffentlich zugänglichen Museum im Tal, werben interaktive Stationen und 3-D-Animationen für Berufe rund um die Uhrmacherei. Derweil macht sich in der École Technique eine neue Generation bereit. Hatte die Schule in den 80er-Jahren noch sechs Studenten sind es heute 270, Tendenz nach wie vor steigend.

Autor: Andrea Freiermuth