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29. April 2013

Üppig blühen die Neuröschen

Gewohnheit, Ritual oder ein ausgewachsener Tick? Wir alle haben so unsere Möödeli, und selbst Schweizer Prominente pflegen ihre Marotten.

Sportmoderatorin Steffi Buchli mit Wecker
Sportmoderatorin Steffi Buchli muss ihren Wecker auf 
Punkt 07.00 Uhr stellen. (Bild: Dan Cermak)
Adrian Monk
Adrian Monk

NOCH MEHR TV-NEUROTIKER
Die Lachnummern in Film und TV: Ihm entgeht keine Fussel und kein Mörder. Detektiv Adrian Monk kämpft gegen das Verbrechen und mit seinen Marotten. Er ist nicht der einzige TV-Kriminalist, der von Macken geplagt eigene Ermittlungswege geht. Die amüsantesten Kriminalneurotiker.

IHRE TICKS UND MAROTTEN
Heidi Bolli aus Unterentfelden schreibt uns:
«Die Sache mit den 'Mödeli'? Da kann ich mitreden!
Mein Tick Nr. 1: Jedesmal, wenn ich meine Brille mit einem Brillenputztüechli gereinigt habe, putze ich immer noch die Knopfbedienerleiste am Steamer und am Backofen! so richtig 'zwanghaft', obwohl ich dann stets über mich selbst lache. Aber so schlecht ist es gar nicht, es finden sich nämlich fast immer Fingerabdrücke auf und neben den Bedienerknöpfen.
Tick Nr. 2: Wenn ich einen Lift betrete, muss ich immer schnell den Schliess-Knopf drücken, damit keine weitere Person den Lift mitbenützen kann. Wenn es jeweils jemand knapp nicht schafft, den Lift auch noch zu betreten, erfasst mich eine kindlich-fiese Freude beim Hinauf-oder Herunterfahren! Ich möchte hinzufügen, dass ich mich weder als unhöflich noch eigenbrötlerisch einstufe. Ich bin auch hilfsbereit, jedoch das mit dem Lift, na ja...»

Ursula Schmid aus Au schreibt:
Ich bin dabei, mir einen Spleen abzugewöhnen, es ist aber nicht so einfach. Also: Ich ziehe immer zuerst die linke Socke an. Wenn ich nun beide Socken in der Hand habe und zuerst die rechte erwische, lege ich ihn weg und nehme die linke. Ich könnte ja auch die rechte anziehen, wenn ich sie schon in der Hand habe, aber eben …

DIE PROMINENTEN
Rafael Nadal (26) ist einer der weltbesten Tennisspieler und berühmt für seine Ticks. Trinkt er einen Schluck, stellt er die Wasserflasche in einem längeren Prozedere zentimetergenau zurück. Muss er zwischen den Ballwechseln eine Linie überschreiten, tut er das mit dem rechten Fuss voraus und berührt sie nicht. Berühmt ist der Spanier auch für das kurze Zupfen an seiner Hose vor dem Aufschlag.

Der Tennisspieler stellt seine Wasserflaschen — es müssen immer zwei sein — nach jedem Schluck exakt wieder in die gleiche Position. (Bild: Getty Images/Clive Brunskill)
Der Tennisspieler stellt seine Wasserflaschen — es müssen immer zwei sein — nach jedem Schluck exakt wieder in die gleiche Position. (Bild: Getty Images/Clive Brunskill)

Weniger bekannt ist die Angewohnheit von Prinz Charles (64), bei öffentlichen Auftritten fast zwanghaft ständig an seinen Manschettenknöpfen herumzufummeln. Er darf das. Engländer haben den Spleen quasi erfunden und kultivieren ihn als nationales Markenzeichen. Natürlich haben auch ganz normale Mitteleuropäer so ihre Macken. Und das nicht zu knapp. Für die einen ist es tabu, auf die gelben Zebrastreifen zu treten. Andere weigern sich, morgens einen Finger zu rühren, ohne vorher einen Kaffee getrunken zu haben, und wieder andere tippen sich zehnmal hintereinander mit dem Kugelschreiber an die Stirn, wenn sie etwas überlegen.

Bis zu einem gewissen Grad sind Marotten normal und sinnvoll

«Wir alle haben unsere Marotten», sagt Hansruedi Ambühl, Fachpsychologe für Psychotherapie in Bern und Verfasser mehrerer Bücher über Zwangsstörungen. «Bis zu einem gewissen Grad ist es normal, dass wir Dinge auf eine bestimmte Art und Weise machen wollen. Rituale und Gewohnheiten haben eine Funktion.» Vom Abstellen des Weckers bis zum Verlassen der Wohnung laufe das Morgenritual bei den allermeisten Leuten immer gleich ab, sagt Ambühl. «Das ist wichtig, denn es entlastet das Hirn.» Es ist sinnvoll, sich nicht jeden Morgen neu überlegen zu müssen, ob man zuerst Zähne putzen soll oder unter die Dusche. «Solche Rituale sind ökonomisch, beruhigen und geben Sicherheit», sagt Ambühl, «sie geben die Gewissheit, dass man den Bus um halb acht höchstwahrscheinlich erwischt, wenn man jeden Morgen gleich vorgeht.»

Er ist der schnellste Sprinter der Welt. Und seine Gesten vor und nach dem Rennen sind legendär. (Bild: Getty Images)
Er ist der schnellste Sprinter der Welt. Und seine Gesten vor und nach dem Rennen sind legendär. (Bild: Getty Images)

Besonders im Sport sind Marotten beliebt: Eishockeyaner tragen gerne rote Socken, Fussballgoalies setzen Maskottchen ins Tor , und Leichtathleten, allen voran Usain Bolt (26), zelebrieren vor dem Start seltsamste Fingergymnastik. Jörg Wetzel ist Coach, Sportpsychologe und Autor des Buchs «Gold — Mental stark zur Bestleistung». Er sagt: «Nicht alle Spleens sind nachvollziehbar. Rituale vor einer Herausforderung geben aber Sicherheit und Selbstvertrauen. Sie sind mentales Placebo. Es ist neuropsychologisch messbar, dass ein Sportler sich besser fühlt, wenn er seine roten Socken trägt. Dass er deswegen eine bessere Leistung zeigt, hingegen nicht.»

06.59 oder 07.01 Uhr kommt nicht infrage. – Steffi Buchli

Die Spleens der Spitzensportler färben offenbar ab. Steffi Buchli (34) ist Sportmoderatorin und ab 3. Mai Gastgeberin der Eishockey-WM-Sendungen auf SRF zwei. Ihren Digitalwecker stellt sie jeden Abend auf 07.00 Uhr. Und zwar auf pünktlich 07.00 Uhr. Nicht 06.59 und nicht 07.01. «Das kommt nicht infrage», sagt Buchli. Klingt einfach, hat aber Tücken. Denn der Wecker hat keinen Rückwärtsgang. Drückt Buchli die Taste nicht vorsichtig genug und landet sie nicht punktgenau, muss sie sich nochmals durch die ganze Skala drücken. Oder auch zwei Mal. Der Wecker klingelt dann pünktlich. Das heisst aber noch gar nichts. «Ich bin ein ausgeprägter Morgenmuffel und Meister der Snooze-Taste», sagt sie. Da ihr Arbeitstag erst um 14 Uhr beginnt — und meist erst kurz vor Mitternacht endet — käme es auf ein paar Minuten Schlummer mehr oder weniger nicht an. «Nein, das geht nicht», sagt Steffi Buchli entschieden. «Es muss um 07.00 Uhr klingeln. Schliesslich muss ich alles am Morgen erledigen, was andere nach Feierabend machen: putzen, grümschelen, mit Freunden käfelen.»

Liegt der Papierkram in sauberen Stapeln, ist die Welt in Ordnung

Sorgen macht sie sich wegen ihrer Macke keine. «Ich empfindet sie als ‹nerdisch›, aber nicht weiter beunruhigend.» Buchli mag es generell exakt. So büschelt sie mit Hingabe unerledigten Papierkram zu sauberen Stapeln — und lässt die dann liegen. «Ich bin ein Augenmensch, Hauptsache, die Beige ist schön akkurat. Vielleicht habe ich einfach eine kleine ‹Bildstörung›. Insofern bin ich beruflich am richtigen Ort.»

Verlegenheitsgeste oder neurotischer Tick? Der englische Thronfolger Prinz Charles zupft ständig an seinen Manschetten. (Bild: Getty Images)
Verlegenheitsgeste oder neurotischer Tick? Der englische Thronfolger Prinz Charles zupft ständig an seinen Manschetten. (Bild: Getty Images)

Neuröschen gehören zum Alltag. Schwieriger wird es, wenn sie den Alltag bestimmen. Wie beim ungekrönten Neurosenkönig Adrian Monk. Der TV-Detektiv aus der gleichnamigen Serie vermeidet strikt jeglichen Köperkontakt. Ringt ihm jemand einen Handschlag ab, muss ihm seine Assistentin anschliessend ein Feuchttuch reichen. Er erträgt weder Fusseln auf der Kleidung anderer, noch Regenschirme, deren Griffe nicht exakt in die gleiche Richtung zeigen. Der Mann ist definitiv krank. Trotzdem liebt ihn die TV-Gemeinde und lacht sich schief über Monks Marotten. «Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zur Serie und finde sie nicht so lustig», sagt Psychologe Ambühl und verweist auf weitere Filme wie «As good as it gets» mit Jack Nicholson. «Leute mit einer Zwangsstörung haben ein grosses Leiden, denn sie können nicht anders.» Hier sieht Ambühl den entscheidenden Unterschied zur persönlichen Marotte: «Menschen mit Zwangsstörung müssen eine bestimmte Handlung so und nicht anders machen und sind völlig verzweifelt, wenn das nicht möglich ist.»

Das ist dann alles andere als lustig. Zwei bis drei Prozent der Bevölkerung leiden unter Zwangsstörungen. Etwas mehr Frauen als Männer. Sie kommen in allen Schichten, Altersgruppen und Kulturen vor. Gewisse Ticks, wie Kratzen am Kopf, obwohl es gar nicht juckt, sind aber unbedenklich und laut Verhaltensforschern bloss Verlegenheitshandlungen. Andere Macken, wie die Weigerung, eine bestimmte Linie zu betreten, gelten als abergläubische Abläufe und sind eng verwandt mit dem Wunsch «toi, toi, toi» oder dem Anfassen von Holz, um drohendes Unglück abzuwenden. So hofft vermutlich Rafael Nadal aus purem Aberglauben, mit einem Griff an seinen Allerwertesten die Siegesgöttin gnädig zu stimmen. Er tut das unbewusst, wie er einem Reporter versicherte, der ihn auf diesen Tick ansprach. Ihm sei diese Geste noch nie aufgefallen, beteuerte Nadal. Dafür kennt sie der Rest der Welt. «Egal ob bewusst oder unbewusst», sagt Ambühl, «es ist sehr schwer, jemandem ein solch abergläubisches Bannritual auszureden. Da hat Logik keine Chance.»

Komikerin Stéphanie Berger trinkt täglich drei Energy-Drinks. Nur drei. Und nur eine Marke. (Bild: Dan Cermak)
Komikerin Stéphanie Berger trinkt täglich drei Energy-Drinks. Nur drei. Und nur eine Marke. (Bild: Dan Cermak)

Auch in der helvetischen Showszene sind Marotten verbreitet: Sängerin Melanie Oesch (25) von Oesch’s die Dritten schnüffelt dauernd an ihren Haaren. Sängerkollege Peter Reber (63) erträgt es nicht, hinter anderen Menschen herzulaufen, und Komikerin Stéphanie Berger (34) trinkt. Und zwar genau drei Energy-Drinks pro Tag. Und nur eine bestimmte Marke: M-Budget sugarfree. Die Miss Schweiz 1995 tourt derzeit mit ihrem ersten Soloprogramm «Miss Erfolg» durchs Land und pflegt diese Macke seit der Geburt ihres Sohnes Giulian vor drei Jahren. «Ich habe das Gefühl, nicht mehr ohne Energy-Drinks über die Runden zu kommen», sagt Berger. «Ich mag Kühles, Kohlensäurehaltiges, das einen Kick gibt. Meinen Konsum von drei pro Tag halte ich für grenzwertig, schliesslich weiss man nichts über mögliche Langzeitschäden.» Süchtig ist sie aber nicht, wie sie seit einem Selbsttest weiss: «Ich habe mal eine Woche abstinent gelebt, das ging problemlos. Der Griff zur Büchse hat bei mir mit dem Belohnungssystem zu tun. Ich setze mich hin und kann fünf Minuten durchatmen mit einem kühlen Drink in der Hand. Es ist eine bewusste Belohnungspause, ein Ritual.»

Es ist eine bewusste Belohnungspause, ein Ritual. – Stefanie Berger

Zwar sind in ihrem Kühlschrank zwei Tablare für die Energy-Drinks reserviert. Aber immerhin hat sie noch keinen separaten Kühlschrank angeschafft und hortet auch keinen heimlichen Vorrat. Einzig ihr Garagist hat eine Ahnung von Bergers Tick: «Das Auto ist immer voller Büchsen. Ich entsorge die immer, wenn ich den Wagen in den Service gebe.» Andere Macken, behauptet Berger, habe sie keine. Aber ein Auge für die anderer Leute: «Die fallen mir extrem auf. Ich bin immer in der Beobachterrolle und baue viel von dem, was ich bei anderen beobachte, in mein Bühnenprogramm ein. Das kann ein auffälliger Gang sein, die Art zu reden oder die Gestik.»

Beat Schlatters Leiden wegen WC-Deckeln und Kebabs

Schauspieler Beat Schlatter hält mit der Wasserpistole ungebetene Nachbarn fern. (Bild: Dan Cermak)
Schauspieler Beat Schlatter hält mit der Wasserpistole ungebetene Nachbarn fern. (Bild: Dan Cermak)

Gleich mehrere Marotten hat Beat Schlatter (51). Der Komiker ist zurzeit als ernsthafter Schauspieler im Schweizer Kinofilm «Himmelfahrtskommando» zu sehen und präsentiert von Juli bis August auf SRF 1 die neue Sendung «Metzgete», ein heiteres Prominentenraten. Bei sich zu Hause hasst es Schlatter, wenn Speisereste im Küchenabfluss liegen. «Laut Feng-Shui ist das schlecht für den Geldfluss», sagt er. «Und der WC-Deckel muss auch geschlossen sein. Das mag ich nicht vertragen, wenn der offen ist.» Ausserdem schaut er in Hotelzimmern akribisch unter Schränke und Betten, ob nicht irgendwo noch ein vergessenes Kabel liegt.

Wenn sich jemand neben mich setzt, stört das meinen Gedankenfluss. - Beat Schlatter

Der baskische Mitbegründer des Jesuitenordens litt unter einer Zwangsneurose. Monatelang bereitete er seine Generalbeichte vor, und kaum war er fertig, begann er damit von Neuem. (Bild: Getty Images)
Der baskische Mitbegründer des Jesuitenordens litt unter einer Zwangsneurose. Monatelang bereitete er seine Generalbeichte vor, und kaum war er fertig, begann er damit von Neuem. (Bild: Getty Images)

Schlatters grösster Spleen aber richtet sich gegen seine Mitmenschen: Er kann es nicht haben, wenn sich jemand neben ihn setzt. Besonders nicht auf Parkbänken. Dort lernt Schlatter bevorzugt seine Texte auswendig oder arbeitet im Kopf an Projekten. «Wenn sich dann jemand neben mich setzt, stört das meinen Gedankenfluss markant», sagt er. Isst der Störenfried dazu noch Kebab, reisst nicht nur Schlatters Gedankenfluss, sondern mitunter auch sein Geduldsfaden. Um solcher Unbill vorzubeugen, greift er schon mal zur Wasserpistole und spritzt den Platz neben sich nass. Damit ja keiner auf die Idee kommt, sich dort niederzulassen. «Da sitzt man friedlich am See, die Gedanken sind grad schön im Fluss — und ploff! Kebab», verteidigt Schlatter seine Wasserstrategie. Er befindet sich in bester Gesellschaft. In England sind Spleens quasi ein Must. An europäischen Königshäusern haben Macken Tradition, und laut Psychologe Ambühl litten nicht wenige christliche Heilige unter Zwangsneurosen. Allen voran der heilige Ignatius von Loyola (1491–1556). Er wollte eine Generalbeichte ablegen und bereitete diese monatelang vor. Doch kaum hatte er alles bereut, fielen ihm weitere Sünden ein, und das Prozedere begann von vorn. So ging das drei Tage lang. Der Einzige, der das nachvollziehen kann, ist wahrscheinlich TV-Detektiv Adrian Monk. Und eventuell noch Rafael Nadal.

Autor: Ruth Brüderlin