Archiv
22. April 2013

«Ueli Stecks Leistungen sind überirdisch»

Frank-Urs Müller (55) ist seit 2005 und noch bis zum Juni 2013 Präsident des Schweizer Alpen-Clubs (SAC). Der SAC wird dieses Jahr 150 Jahre alt.

Frank-Urs Müller
Frank-Urs Müller, SAC-Präsident

Was dachten Sie sich, als Sie im «Migros-Magazin» von Ueli Stecks neuestem Projekt hörten?

«Ich staunte, dass er sagte, er müsse sich mit 37 Jahren anderen Herausforderungen stellen. Wahrscheinlich ist es eine gute Entscheidung, vom Speedkletterer zum Höhenbergsteiger zu werden. Denn dafür ist er weder zu jung noch zu alt. Da wird man noch einiges von ihm hören. Bergsteigen ist sein Job. Er lebt davon.»

Wie ordnen Sie seine Leistung ein?

«Was er macht, ist überirdisch. Der SAC hat 140’000 Mitglieder, aber kaum einer ist in der Lage, nur annähernd Ähnliches zu realisieren wie Ueli Steck.»

Wie können Sie seine Leistung messen? Bei einem Sprinter oder Weitspringer ist das viel einfacher.

«Klar, beim Bergsteigen ist das schwieriger, weil die Verhältnisse immer anders sind. Einmal hat es viel, einmal wenig Schnee, einmal gutes oder schlechtes Eis, einmal ist der Felsen trocken, dann wieder nass. Trotzdem war es Ueli Steck selbst, der mit seinen Speedbesteigungen die Messbarkeit beim Bergsteigen einführte. Dafür wurde er in SAC-Kreisen kritisiert. Traditionsbewusste Mitglieder argumentierten, das würde nicht zum Bergsteigen gehören. Es habe nichts mehr mit Ethik und nur mit Spitzensport zu tun.»

Was halten Sie persönlich vom Zeitmessen am Berg?

«Diese Art gehört zum Bergsteigen und hat es weitergebracht. Anfangs strebten die Alpinisten an, als Erster auf einem Gipfel zu stehen. Dann knüpften sie sich schwierige Routen vor. Und jetzt ist die Geschwindigkeit dazugekommen. Das ist eine weitere Dimension.»

Wie hat das Speedklettern die Sportart weitergebracht?

«Es erzielte Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Das hat andere zusätzlich angespornt, die Sportart auszuüben. Und ähnlich wie die Formel 1 die technische Entwicklung bei den normalen Autos beeinflusst, hat sich diese Art zu klettern auf das ganze Bergsteigen, beispielsweise auf die Materialentwicklung, ausgewirkt.»

Wie messen Sie Ihre Leistungen?

«Wenn ich an Skitourenrennen teilnehme, vergleiche ich mich mit anderen Wettkämpfern und rangiere irgendwo in der Mitte. Wenn ich aber in die Berge gehe, stehen für mich das Erlebnis und die Sicherheit im Vordergrund.»

Welche SAC-Hütte favorisieren Sie?

«Die Mutthornhütte im Berner Oberland. Da gehe ich als ehemaliger Sektionspräsident des SAC Weissenstein einmal jährlich hin. Mich fasziniert, dass sie von allen Seiten nicht einfach zugänglich ist, weil man zuerst über einen Gletscher gehen muss. Sie steht auf 2900 Meter über Meer mitten im Hochgebirge, ist abgeschieden und umgeben von landschaftlicher Schönheit mit den riesigen Gletscherflächen des Kanderfirns und Petersgrats.»

Autor: Reto Wild