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02. April 2013

Ueli Steck will es wissen

Er gehört zu den weltweit bekanntesten Extrembergsteigern. In diesen Tagen fliegt Ueli Steck nach Nepal – für seine 16. Himalaya-Expedition. Seit Monaten bereitet sich der 36-jährige Berner Oberländer auf die neueste Herausforderung am Mount Everest vor. Das Migros-Magazin hat ihn begleitet.

Ueli Steck zwischen Jungfraujoch, Mönchjochhütte und Mönch
3600 Meter über Meer, minus 25 Grad, eisiger Wind: Um sich später im Himalaya besser akklimatisieren zu können, trainiert Ueli Steck zwischen Jungfraujoch, Mönchsjochhütte und Mönch und übernachtet in der Höhe.
Ueli Steck auf der Mönchsjochhütte
Der Film mit Ueli Steck auf der Mönchsjochhütte

AUF DEM WEG ZUR MÖNCHSJOCHHÜTTE
Exklusiv auf migrosmagazin.ch: Im Filminterview erklärt der weltbekannte Extrembergsteiger Ueli Steck, weshalb die Akklimatisierung an die Höhe wichtig ist und wie er trainiert. Dazu beeindruckende Bilder auf dem Weg vom Jungfraujoch zur Mönchsjochhütte. Zum Video

Die Strapazen sind von langer Hand geplant. Ueli Steck, gelernter Zimmermann aus Ringgenberg bei Interlaken mit Beruf Bergsteiger, erzählt: «Ich wusste bereits im Sommer 2012, dass ich im Frühling 2013 wieder auf eine Expedition gehe. Das ist wie bei einem alpinen Sportler, der weiss, dass er im Winter Ski fährt.»

Am 3. April fliegt Steck in die nepalesische Hauptstadt Kathmandu und von dort weiter nach Lukla. Der Ort im Osten Nepals bildet den einzigen Zugang zur knapp 3000 Meter hohen Khumburegion. Sie ist Ausgangspunkt zum Mount Everest, dem mit 8848 Metern höchsten Berg der Welt. Das Khumbugebiet ist prädestiniert, um sich vor dem Aufstieg zu akklimatisieren. Steck nimmt sich am Fuss des Himalayas rund sechs Wochen Zeit.

Als der Berner Oberländer 2004 die drei grossen Nordwände der Alpen, den Eiger, den Mönch und die Jungfrau, in 25 Stunden hochkletterte, ging sein Name um den Globus. Vier Jahre später überwand er die Eigernordwand in neuer Weltrekordzeit von 2 Stunden und 47 Minuten elegant, routiniert und leicht bepackt, wie andere sich auf einem Stadtspaziergang bewegen. Die Bergsteigerlegende Reinhold Messner brauchte 1974 für die legendäre Eigernordwand mehr als dreimal so lang. Seither zählt Steck zu den weltbesten Solokletterern oder wie, die «Süddeutsche Zeitung» schreibt, zu den «vielseitigsten und womöglich besten Alpinisten der Welt».

Ueli Steck bei minus 25 Grad auf dem Jungfraujoch. Die Höhe und die eisigen Temperaturen geben einen Vorgeschmack auf die extremen Verhältnisse am Himalaya.
Ueli Steck bei minus 25 Grad auf dem Jungfraujoch. Die Höhe und die eisigen Temperaturen geben einen Vorgeschmack auf die extremen Verhältnisse am Himalaya.

Doch der ehrgeizige, geradlinige und trainingsfleissige Steck wäre nicht sich selbst, wenn er sich auf solchen Auszeichnungen ausruhen würde. «Ich muss das Gefühl haben, im Leben vorwärtszukommen. Für mich ist das Thema Speedklettern abgeschlossen. Jetzt will ich wie letztes Jahr auf den Mount Everest.» Sein Sinneswandel kommt nicht von ungefähr. Der 175 Zentimeter grosse Modellathlet mit Schuhgrösse 44,5 wird im Oktober 37 Jahre alt. «Es kann nicht immer schneller gehen. Ich muss akzeptieren, dass ich nicht mehr die Leistungsfähigkeit wie vor zehn Jahren habe», räumt er ein.

Für das Höhenklettern zehn Kilo Muskelmasse zugelegt

Für die Disziplin Höhenklettern hat er zehn Kilogramm Muskelmasse zugelegt, seine Oberarme sind auffallend kräftig. Er bringt nun rund 70 Kilogramm auf die Waage. Trotz des Zusatzgewichts ist Steck in der Lage, einen Marathon unter drei Stunden zu laufen. Den Engadin Skimarathon absolvierte er vergangenen Monat aus dem Training heraus und ohne ausgefeilte Technik in 1:54.56 oder über 40 Minuten schneller als Marathonläufer Viktor Röthlin. Für Ueli Steck war der Wettkampf im Oberengadin, den er mit einem Vortrag verbunden hatte, mehr Spass als ernsthaftes Training, das er nach Plänen des diplomierten Trainers und Sportphysiotherapeuten Simon Trachsel konsequent verfolgt (wie Ueli Steck trainiert, lesen Sie im Migros-Magazin vom 8. April).

Dank des Trainings gewöhnt sich der Körper schneller an die Höhe

Endstation: Die 1400 Höhenmeter von der Kleinen Scheidegg zum Jungfraujoch überwindet Ueli Steck mit der Bahn.
Endstation: Die 1400 Höhenmeter von der Kleinen Scheidegg zum Jungfraujoch überwindet Ueli Steck mit der Bahn.

Um sich auf die enormen Höhen im Himalaya vorzubereiten, fuhr der Extrembergsteiger mehrmals von Grindelwald via Kleine Scheidegg zum fast 3500 Meter hohen Jungfraujoch. Vom höchsten Bahnhof Europas marschierte, vielmehr rannte er in weit weniger als einer Stunde zur rund 200 Meter höher gelegenen Mönchsjochhütte. Sie ist spektakulär am Fusse des Mönchs gebaut worden. «Der Körper braucht sechs Wochen, bis er akklimatisiert ist. Dieser Ausflug bringt mir extrem viel, denn so gewöhne ich mich schneller an die dünne Luft», erklärt der Sportler. «Wenn ich in der Mönchsjochhütte übernachte und im Flachland trainiere, setze ich härtere Reize.» Und das ist bitter nötig, denn die sauerstoffarme Luft ab 8000 Meter ist für den Organismus eine enorme Belastung.

Steck rechnet vor: «Auf 8500 Meter beträgt der Sauerstoffgehalt noch 30 Prozent. Das heisst, 30 Prozent der normalen Leistung müssen ausreichen, um auf den Berg zu kommen.» In dieser als Todeszone bekannten Höhe müsse er als einstiger Geschwindigkeitskletterer akzeptieren, in einer Stunde eben nur noch 100 Meter zu schaffen und nicht 1000 Meter wie im Flachland. Dass er sich in dieser Höhe ohne Sauerstoffmaske bewegt, ist für Steck selbstverständlich.

Die Mönchsjochhütte auf 3657 m ü. M. liegt ideal für das Höhentraining.
Die Mönchsjochhütte auf 3657 m ü. M. liegt ideal für das Höhentraining.

Ebenso kompromisslos gibt er sich, wenn er aufs Privatleben angesprochen wird. Dieses trägt der Höchstleistungs- und Extremsportler bewusst nicht in die Öffentlichkeit. Bekannt ist, dass er verheiratet ist. Seine Frau Nicole (34) ist Marketing- und Kommunikationsspezialistin. Im Sommer 2010 kam das Ehepaar unfreiwillig in die Schlagzeilen: Bei einer Bergtour auf das Wetterhorn verliert Nicole das Gleichgewicht und stürzt 30 Meter in die Tiefe. Ueli Steck klettert zu seiner Frau hinunter. Letztlich wird Nicole Steck von der Rega gerettet.

Die Ernährung ist für einen Extremsportler wichtig: Ueli Steck, der gerne kocht, bereitet in der Hütte eine Rösti zu.
Die Ernährung ist für einen Extremsportler wichtig: Ueli Steck, der gerne kocht, bereitet in der Hütte eine Rösti zu.

Sie, ebenfalls sportbegeistert, akzeptiert die langen Abwesenheiten ihres Bergsteigers, hat aber trotzdem manchmal Angst um ihn. Extrembergsteigen ist eine Gratwanderung. Ueli Steck stürzte 2010 beim Speedklettern am El Capitan im kalifornischen Yosemite-Nationalpark 25 Meter tief ins Seil, blieb aber unverletzt. Drei Jahre zuvor wollte er als Erster die Südwand der Annapurna bezwingen. Ein Granitbrocken fiel auf seinen Kunststoffhelm, der in zwei Stücke zerbrach. Steck landete am Seil 200 Meter weiter unten auf einem Gletscher, blieb bewusstlos aber nur leicht verletzt liegen. Den Abstieg schaffte er allein. Auf die Frage, ob er verstehe, wenn Angehörige Angst um ihn haben, meinte Steck schon vor zwei Jahren: «Wenn ich mich auf eine Route aufmache, gehe ich davon aus, dass ich wieder zurückkomme. Wenn man in ein Auto steigt und von A nach B fährt, rechnet man ebenfalls damit, unfallfrei zu fahren.»

Anfang Jahr ist das Ehepaar Steck in ein grosszügiges Haus — ohne Kletterwand — oberhalb von Ringgenberg eingezogen, bei dem der einstige Zimmermann selbst Hand anlegte. Durch die Fensterfront und von der Terrasse aus hat man eine beeindruckende Sicht auf den türkisblauen Brienzersee. In den nächsten Wochen wird Ueli Steck dieses Panorama gegen die Sicht auf das Hochgebirge des Himalaya eintauschen.

Autor: Reto Wild