Archiv
08. April 2013

Muskelkater nach dem Training am Eiger

Am 3. April ist Extrembergsteiger Ueli Steck zu seiner neuesten Expedition in den Himalaya aufgebrochen. Darauf hat sich der Berner Oberländer seit Monaten minutiös vorbereitet und entsprechend umfangreich trainiert.

Ueli Steck beim Berglauf
In den letzten 
Monaten vor der Abreise standen viele Bergläufe auf Stecks Trainingsplan. Es kam vor, dass er an einem Morgen drei Mal 
auf über 2000 Meter Höhe rannte.
Ueli Steck beim Training
Ueli Steck beim Training

UELI STECK IN DER WAND
Das Training vor der Everest-Expedition: Spektakuläre Filmaufnahmen von Ueli Stecks Kletterrouten und Bergläufen zeigen, mit welcher Leichtigkeit sich der Extrembergsteiger in den Alpen bewegt: Zum Video

Bereits im Sommer 2012 hat sich Ueli Steck entschieden, diesen Frühling auf seine 16. Himalaya-Expedition zu gehen. Seit rund sechs Jahren trainiert der Bergsteiger nach Plänen des diplomierten Trainers und Sportphysiotherapeuten Simon Trachsel (36). Die beiden haben sich bis zur Abreise wöchentlich ein- bis zweimal ausgetauscht. «Ueli ist ein Bergsportler, der sehr strukturiert trainiert. Er ist ein Pionier», sagt sein Trainer. Tatsächlich existieren unzählige Trainingsphilosophien für Langstreckenläufer, nicht aber für Höhenbergsteiger. «Das Trainingsvolumen und die -intensität leite ich aus Ausdauersportarten wie Langlauf, Marathon oder Triathlon ab und adaptiere das für die Belastungen am Berg», erklärt Trachsel. Die Anforderungen für den «Wettkampf», in diesem Fall die Besteigung des Gipfels, schätzte er aus den Erfahrungen anderer Expeditionen ab.

Der Athlet muss auf die Signale des Körpers achten

In den letzten Monaten bis zur Abreise nach Nepal standen vor allem Trainings in Form von langen Ausdauer- und Bergläufen auf dem Plan. Steck erzählt: «Klettern tue ich verhältnismässig wenig, denn mit minimalem Aufwand kann ich mein Kletterniveau halten.» Viel lieber rennt er an einem Tag gleich dreimal auf Interlakens Hausberg Harder, der 1322 Meter hoch ist. So überwindet der Bergsteiger bei einer Distanz von 8,5 Kilometern rund 1000 Höhenmeter. Weil für ihn im Gegensatz zu einem Spitzenmarathonläufer wie Viktor Röthlin die Zahl der zurückgelegten Höhenmeter wichtig ist, ist Steck immer wieder auch auf den Niesen ausgewichen. Das heisst: auf über 2000 Meter hochrennen, mit der Niesenbahn hinunterfahren, und das Ganze dreimal an einem Morgen. Bei den Bahnangestellten löst der Passagier oft nur ein Lächeln aus. Sein «Sonntagsspaziergang» führte ihn Anfang März zudem von der Kleinen Scheidegg auf den Eiger und zurück.

Langlaufen, wie hier in Chamonix, ist für Ueli Steck eine willkommene Abwechslung. Beim Bergsteigen wird der Körper ganz anders belastet.
Langlaufen, wie hier in Chamonix, ist für Ueli Steck eine willkommene Abwechslung. Beim Bergsteigen wird der Körper ganz anders belastet.

Mit dem Plan von Trachsel erhält Steck ein Grobgerüst mit entsprechenden Trainingseinheiten. Das Wochensoll von 30 Trainingsstunden besteht in der Regel aus sieben Lauftrainings im Ausdauerbereich, je drei Krafttrainings im Fitnesscenter in Interlaken BE und Klettereinheiten. Beim Umsetzen der Trainingspläne müsse er als Athlet spüren, wann er wie viel trainieren soll. Die meisten Sportler, so Steck, würden den Fehler begehen, dass sie einen Plan durchziehen, ohne auf die Signale des Körpers zu achten. «Im Alter muss ich viel mehr aufpassen und kann nicht mehr Umfänge trainieren, wie ich das als 25-Jähriger gemacht habe», vergleicht er und sagt: «Mit 36½ Jahren bin ich im Sport alt. Das ist eine Tatsache.»

Aber er kann von seinen langjährigen Erfahrungen profitieren und weiss meist, was für seinen Körper gut ist. Meist, aber nicht immer: Als er für den Jungfrau-Marathon trainierte, musste er im September 2012 für «die schönste Marathonstrecke der Welt» (Eigenwerbung) von Interlaken zur Kleinen Scheidegg wegen einer angerissenen Sehne im Vorfuss Forfait erklären. Danach bereitete er sich auf den Marathon von New York vor, wo er «etwas unter drei Stunden laufen wollte». Steck hatte seine Nummer in Manhattan schon abgeholt und dachte: Endlich könne er wieder «seckle». Nur wurde der wohl attraktivste Städtemarathon erstmals in seiner Geschichte nach den Schäden durch den Hurrikan «Sandy» abgesagt.

Steck räumt ein: «Das Marathontraining bringt mir nicht extrem viel. Es ist für mich jedoch wie das Langlaufen eine Abwechslung für den Kopf und auch die Muskulatur.» Bergsteigen sei für den Körper eine ganz andere Belastung. Das habe er bei seinem Sonntagsausflug auf den Eiger erfahren. «Nach meiner 37. Besteigung der Eigernordwand hatte ich Muskelkater wie blöd!» Neben dem Eiger gehört der Mönch-Westgrat zu seinen Lieblingsrouten in den Alpen. «Es ist schön, mit der Bahn sofort in die hochalpine Welt einzutauchen. Der Westgrat ist einfach zugänglich und zum Klettern trotzdem interessant, ein attraktiver Vormittagsausflug auf über 4000 Meter.»

Der Mönch-Westgrat und der Eiger haben es Steck angetan

Stecks Fuss ist gut verheilt und auch mit den Knien, mit denen er Probleme hatte, ist alles in Ordnung. Seit Anfang März konnte er seinen Organismus wieder voll belasten. Bei harten Trainings heisst das, den Puls mit entsprechenden Tempoläufen auf 185 hochzujagen.

Physiotherapeut und Trainer Simon Trachsel: «Ueli ist ein harter Arbeiter. Ich muss ihn eher bremsen.»
Physiotherapeut und Trainer Simon Trachsel: «Ueli ist ein harter Arbeiter. Ich muss ihn eher bremsen.»

Trainer Simon Trachsel, der selber gerne auf Langlauf- und Skitouren geht, sagt über seinen Schützling: «Ueli ist ein harter Arbeiter. Ich muss ihn eher bremsen. Er ist ein sehr genauer, brutal genauer Sportler. Das ist für mich positiv fordernd.» Konkret: Er könne als Trainer nicht einfach sagen, was Ueli zu trainieren habe. Dieser frage immer nach den Gründen. Auch hier zeigt sich, wie akribisch der Berner Oberländer seine Expeditionen vorbereitet.

Ueli Steck hat die Eigernordwand, einen seiner Lieblingsberge, mittlerweile 37 Mal bezwungen. Grindelwald feiert vom 9. bis 13. Juli 2013 das Jubiläum «75 Jahre Erstdurchstieg der Eigernordwand».

Autor: Reto Wild