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05. März 2012

Übertriebene Hygiene kann Allergien fördern

Heute erklären die meisten Experten, dass übersterile Verhältnisse im Familienhaushalt mit Kindern fast ebenso schädlich sein können wie mangelnde Sauberkeit. Fazit: Das Immunsystem soll früh «arbeiten».

Türe bisweilen abwischen ja, nach jedem Kontakt Händewaschen nein...
Türe bisweilen abwischen ja, nach jedem Kontakt Händewaschen nein... (Bild: iStockphoto)

Immunologen und medizinische Spezialisten vermuten seit Jahren unverändert, dass den Genen die wichtigste Rolle bei der Entscheidung zukommt, wer an einer Allergie leidet. Das ideale Verhalten im Umgang mit Dreck, Esswaren, Bakterien, Mikroben & Co. kann also bei ungünstiger Veranlagung nicht verhindern, dass bei einer betroffenen Person eine Allergie auftritt.

Neben dem Erbmaterial bestimmen aber durchaus ein paar nach der Geburt auftretende Faktoren mit, ob und wie stark sich Allergien entwickeln und zu Einschränkungen im alltäglichen Leben führen können. Am häufigsten genannt werden dabei ...

1. Umweltbelastungen wie Schadstoffe in der Luft (von Industrie und Autos) und in Innenräumen (Chemikalien) sollen die Schutzbarriere des menschlichen Körpers schwächen und Allergenen den 'Zutritt' erleichtern.

2. «Risikoberufe»: Bei hauptberuflichen Tätigkeiten wie jenen des Tierarzt, Coiffeur, Bäcker/Konditor, Lackierer, auch Gärtner oder Förster gelten etwas erhöhte Chancen für das Auftreten von Allergien.

3. Sterile Umgebungen: Vor allem in früher Kindheit soll ein allzu keimfreier Lebensraum die Allergierisiken eher erhöhen (siehe unten).

Die Dreck- und Urwaldhypothese

Den Begriff der «Dreck- und Urwaldhypothese» schufen Immunologen nach den Ergebnissen aus mehreren Studien. Darin zeigte sich, dass Kinder, die speziell in den ersten Lebensjahren, aber auch noch bis ins Teenageralter, häufiger mit Bakterien, Pilzen, Viren und anderen (möglichen) Krankheitserregern in Kontakt kamen, später klar weniger respektive seltener Allergien entwickelten. Dies vor allem im Vergleich zu Kleinkindern, die in einer eher sterilen Umgebung aufwuchsen. Zugespitzt wurde der Vergleich teilweise auf Bauernhöfe, die sich als Lebensraum langfristig als weitaus gesünder erwiesen als regelmässig auf Hochglanz gebohnerte Stadtwohnungen. Doch in diesem Gegensatz erschöpft sich das Thema keineswegs: Auch innerhalb der Stadt und auf dem Land sind sehr unterschiedlich belastende, aber auch die spätere Immunabwehr stärkende Umgebungen anzutreffen.

Weshalb aber stärkt vermehrter Kontakt mit Viren, Bakterien oder Pilzen die Abwehrmechanismen des Körpers?
Tatsächlich gehen viele Experten davon aus, dass früh durchgemachte Krankheiten oder «Störelemente» das Abwehrsystem stärken. Nach ihrer Meinung trainieren Kontakte mit Allergenen (vereinfacht: Abwehrreaktionen oder Krankheiten auslösende Stoffe) das Immunsystem, um den späteren Anforderungen gewachsen zu sein. Entfällt ein Grossteil solcher Herausforderungen an den körpereigenen Schutzschirm im Kleinkindalter, so fehlen den Erwachsenen später auch die Abwehrstoffe gegen bestimmte Bakterien oder Viren.

Autor: Reto Meisser