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19. Januar 2015

Überschätzte Kinder

80 Prozent der Eltern schätzen ihr Kind intelligenter, schöner und besser ein, als es ist. Das kann dem Kind Mut machen. Oder Angst.

Kind sitzt auf Thron
Elterliche Überschätzung verleiht dem Kind Flügel. Oder schürt die Angst zu versagen. (Bild: Getty Images)

Nur weil Sie glauben, Ihr Kind sei aussergewöhnlich, heisst das nicht, dass es das wirklich ist. Das ist in etwa die Kurzfassung einer holländischen Studie, die für Aufregung in Elternkreisen sorgt. Demnach überschätzen rund 80 Prozent der Eltern ihre Sprösslinge – Väter mehr als Mütter. «Und das ist gar nicht so falsch», erklärt Erziehungswissenschaftler Georg Stöckli (64), Leiter Forschungsstelle Kind und Schule am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich. Für die Studie wurden 1700 Eltern in Holland und Amerika befragt. Fragen wie «Ist Ihr Kind spezieller als andere?» oder «Glauben Sie, dass Ihr Kind schlauer ist als andere?» belegen die Fehleinschätzungen der Eltern. Die Elternbeurteilung verglichen die Forscher mit dem tatsächlichen IQ des Kindes. Wen wunderts, dass Wunsch und Wirklichkeit meist nicht übereinstimmte?

«Es ist die Aufgabe der Eltern, ihre Kinder bis zu einem gewissen Grad zu überschätzen», erklärt Georg Stöckli. Das sei evolutionstechnisch bedingt. «Mit leichter Überschätzung können Eltern ihren Kindern einen Vorteil in der Welt verschaffen und sie zu selbstbewussten Menschen erziehen.» Wichtig sei aber, das richtige Mass der Überschätzung. Sind die Erwartungen zu hoch, kann das Kind diese unmöglich erfüllen, und das führt zu Versagensängsten. Stöcklis Studien zeigen auch: «Kinder, die sich selber leicht überschätzen, haben weniger Prüfungsangst, entsprechend versagen sie auch weniger.»

Probleme gibt es bei hartnäckiger Überschätzung: «Diese Eltern tendieren dazu, den Unterricht als schlecht abzuqualifizieren», so Stöckli. Das ist für das Kind dauerhaft eher belastend als hilfreich. Für den Fachmann ist daher klar: «Eltern müssen Rückmeldungen aus der Schule ernst nehmen und diese auch mit den eigenen Vorstellungen abgleichen.»

Autor: Thomas Vogel