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16. Dezember 2013

Überraschende Seelsorger

Pfarrer sind auch dort, wo man sie nicht zuerst erwartet: Im Zirkus, in der Politik, am Bahnhof oder im Modegeschäft. Vier Porträts.

Zirkuspfarrer Ernst Heller ist üfr 2000 Schausteller und Markthändler da.
Zirkuspfarrer Ernst Heller ist üfr 2000 Schausteller und Markthändler da.

Sie brauchen weder Kirche noch Kanzel. Einer der aussergewöhnlichen Seelsorger heisst Ernst Heller (66), der sich selbst als «Clown Gottes» bezeichnet. Heller ist seit über 14 Jahren katholischer Priester der 23 Schweizer Zirkusse und der 2000 Schausteller sowie Markthändler. Schon seine Kleidung verrät ihn: Er trägt kein schwarzes Gewand mit dem weissen Priesterkragen, sondern eine Stola mit aufgestickten Clowns. Heller ist überzeugt, dass sich Glaube und Witz nicht ausschliessen. Denn «Humor ist der Schlüssel zur Seele».

Der Engel im Zürcher Hauptbahnhof symbolisiert den Kirchturm der Bahnhofskirche.
Der Engel im Zürcher Hauptbahnhof symbolisiert den Kirchturm der Bahnhofskirche (Bild: Zürich Tourismus).

Ebenfalls an einem ungewöhnlichen Ort arbeiten Roman Angst und Rita Inderbitzin: im Zürcher Hauptbahnhof. Zum Angebot gehören Seelsorge und ein interreligiöser Raum der Stille. Es kommt vor, dass Menschen aus drei Religionen gleichzeitig nebeneinander beten. «Das berührt mich», sagt Roman Angst. Die besondere Kirche befindet sich direkt unter dem berühmten Engel von Nikki de Saint Phalle, der «unseren Kirchturm symbolisiert». Pro Tag besuchen 300 bis 500 Menschen die Bahnhofskirche, hauptsächlich Pendler.

Für immer aktiv

Grossrat und Ex-Pfarrer Marc Jost
Grossrat und Ex-Pfarrer Marc Jost (Bild: zVg).

Während sieben Jahren arbeitete Marc Jost aus Thun als Pfarrer des Evangelischen Gemeinschaftswerks. Parallel dazu amtete der 39-Jährige während vier Jahren als Grossrat im Kanton Bern, in dem er heute noch sitzt. Aktuell arbeitet der vierfache Familienvater als Generalsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz. Dort engagiert er sich auf nationaler Ebene für Gemeinschaft sowie Gesellschaft und den Glauben. Es gibt nicht viele andere Seelsorger, die in die Politik gingen. Berühmtestes Beispiel ist Josts Parteikollege Ernst Sieber, der Anfang der Neunziger für die EVP im Nationalrat war. Obwohl Jost nicht mehr als Pfarrer tätig ist, wird er weiterhin als Seelsorger gebraucht. «Es kam und kommt vor, dass Ratskollegen zu mir kommen und meine Hilfe suchen.»

Johnson Eliezer-Nielsen mit Ehefrau Mette
Johnson Eliezer-Nielsen mit Ehefrau Mette (Bild: C-P-H.ch).

Er verkauft Mode und Schuhe in Bern und Zürich. Johnson Eliezer-Jensen (57) kam als junger Inder in die Schweiz und studierte Theologie an der Universität in Bern. Über 20 Jahre lang arbeitete er in der reformierten Landeskirche des Kantons. Vor zwölf Jahren der radikale Wechsel: Er tauschte die kuschelig warme Stube eines Pfarrhauses mit einer kalten Ladenfläche im Zürcher Oberdorf ein. «Ich setzte meine sichere Existenz aufs Spiel, um herauszufinden, ob die christlichen Sätze auch in der Welt des Kaufens und Verkaufens etwas taugen», sagt Johnson Eliezer-Jensen. Damit gab er zwar seine Anstellung, nicht aber sein Leben als Pfarrer auf. Der Schritt war der richtige, er hält die kirchlichen Strukturen für überholt. «Menschen suchen Antworten, aber nur die wenigsten davon in der Kirche.» Selbst ohne Kirchturm ergeben sich in der Boutique Gespräche und Anfragen für Taufen, Trauungen sowie Beerdigungen. Zwar kann Johnson Eliezer-Jensen nicht immer ja sagen: «Ich verlange schliesslich kein Honorar.» Trotz allem Elan für sein Modegeschäft cph vermisst der ehemalige Pfarrer manchmal doch eines: Eine richtige Kirche mit einer richtigen Kanzel.

Autor: Reto Vogt