Archiv
22. Juli 2013

«Übernachte ich im Hotel, hat auch schon jemand in meinem Bett geschlafen»

Die fünfköpfige Familie von Claudia Bertino Grossniklaus (47) aus Otelfingen ZH tauscht seit 1999 ihr Haus mit Fremden – letztes Jahr bereits zum 20. Mal.

Claudia Bertino Grossniklaus
Claudia Bertino Grossniklaus blickt auf 14 Jahre mit über 20 Haustausch-Aktionen zurück. (Bild zVg)

Claudia Bertino Grossniklaus, allein auf Haustauschferien.com sind über 41’000 Angebote in 151 Ländern aufgeführt. Worauf müssen Interessenten bei der Wahl achten?
Grundsätzlich spielt es eine Rolle, ob man mit oder ohne Kinder in die Ferien reist und in welches Land. Das Angebot von Haustauschferien hat eine starke weltweite Präsenz, alternative Organisationen wie Homelink und Intervac sind auf Europa spezialisiert. Dabei ist es schwieriger, im Norden zu wohnen und mit jemandem im Süden zu tauschen als umgekehrt. Ich muss jeweils rund 50 Leute anschreiben für Häuser im Süden Europas. Für die Sommerferien sollte man deshalb schon im Oktober mit dem Suchen beginnen.

Wie gehen Sie bei der Suche konkret vor?
Ich schaue im Internet, ob mir die Beschreibung eines Angebots passt. Danach kontaktiere ich die Hausbesitzer ein erstes Mal – per E-Mail. Anhand der Korrespondenz realisiere ich ziemlich schnell, ob es für beide Seiten stimmt. Wenn die Besitzerfamilie beispielsweise sagt, sie hätte wertvolle Gemälde, die man nicht berühren dürfe, kommt das Haus für unsere Familie mit zwei Söhnen im Teenageralter und einer 10-jährigen Tochter nicht infrage. Nach dem schriftlichen Austausch führe ich ein Telefongespräch. Das ist quasi unsere zweite Absicherung. Dann halten wir unsere Abmachungen schriftlich fest, und ich buche die Flüge.

Ist es nicht ein Problem, dass Otelfingen weniger sexy tönt als beispielsweise Cannes?
Unsere Nachbarn fragen uns ebenfalls, weshalb Amerikaner nach Otelfingen möchten. Interessanterweise suchen die Mitglieder von Haustauschferien.com nicht denselben Luxus wie bei sich zu Hause. Ihnen ist vor allem die Atmosphäre ausserhalb touristisch bekannter Orte wichtig. So lernen sie Land und Leute kennen. Wir fanden immer Interessenten, die mit unserem Haus in Otelfingen tauschen wollten, und meist tauschten wir gleich die Autos mit.

Sie tauschen schon seit 1999 Häuser. Wie sind Sie darauf gekommen?
Durch einen Artikel im Migros-Magazin! Mein Mann und ich waren früher bis zu einem ganzen Jahr auf Reisen. Danach trat er eine Stelle als Lehrer an, und uns fehlten die fremden Kulturen. Mit Haustauschferien.com fanden wir die richtige Kompensation, denn die Ferienart lässt sich nicht mit Badeferien vergleichen.

Weshalb nicht?
Man lebt für eine gewisse Zeit in einer Gegend, wo man von vielen Einheimischen umgeben ist, hat Kontakte mit den Nachbarn und taucht in deren Lebensweise ein. Einmal hing beispielsweise in einem Haus in England der Stundenplan der Kinder am Kühlschrank. Das gewährt einen ungewöhnlichen Einblick auf den Alltag in einem anderen Land. Das erleben auch die Besucher in unserem Haus: Unsere Nachbarn in Otelfingen sagen, es sei schön, dass man bei uns auf der Terrasse jeden Sommer einmal Spanisch, Italienisch oder Englisch höre. Sie laden die Besucher oft auf ein Bier zu sich ein.

Haben Sie keine Angst vor Schäden, wenn Sie Ihr Haus auf Zeit tauschen?
Beim ersten Haustausch waren es vor allem unsere Kinder, die um ihre Spielsachen Angst hatten. Wir haben deshalb die Playmobil-Figuren gesammelt und bei meinen Eltern abgegeben. Im Tauschhaus der englischen Familie sahen wir dann, wie die Frau des Hauses in einer Glasschüssel ihren gesamten Schmuck zurückliess. Ich schämte mich, dass wir so misstrauisch waren.

Wurde Ihnen nie etwas gestohlen?
Nein. Einmal kamen wir von den Ferien zurück und fanden unsere Tassen nicht mehr dort, wo ich sie normalweise versorgte. Ich fand die Aufräumung sinnvoller, und seither versorge ich die Tassen nur noch auf diese Art. Oft kommen wir nach dem Haustauschen mit Ideen zurück und wollen die Einrichtung in unserer Küche ändern.

Was empfinden Sie dabei, wenn eine fremde Person in Ihrem eigenen Bett schläft?
Übernachte ich in einem Hotel, hat da ja auch schon jemand in meinem Bett geschlafen.

Welches waren für Sie die eindrücklichsten Haustauschferien?
Einmal reisten wir damit gleich fünf Monate durch die USA und wohnten in Phoenix, in der Nähe von Los Angeles und für zwei Monate in San Francisco. Während dieser Reise luden uns die Hausbesitzer aus Phoenix zu einer Party auf einer Jacht vor San Diego ein. Diese fand am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag, statt. Ich erinnere mich auch gerne an ein wunderbares Haus mit beheizbarem Schwimmbecken an der Ostküste Englands, oberhalb von Klippen.

Autor: Reto Wild