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27. Juli 2015

Überlebensstrategie

Mütter in Not dürfen ihre Kinds im Supermarkt füttern
Mütter in Not dürfen ihre Kids im Supermarkt füttern (Bild: Getty Images).

Es war einer dieser Tage, an denen einfach alles schieflief. Die Kinder stritten sich wegen jedem Käse, die Wohnung sah auch nach diversen Aufräumaktionen wie ein Bombenkrater aus, der Kühlschrank war leer, und ich fühlte mich steinalt.

Logisch, dass meine Laune fantastisch war. In meinem früheren Leben wäre ich ins Bett gekrochen, hätte ein Päuschen eingelegt und dem Tag nach ein, zwei Stunden eine neue Chance gegeben. Zu doof, dass Mütter diese Option nicht haben. Sie müssen auch nach einem Fehlstart weiterrennen, immer der Arbeit und den Pflichten hinterher.

Wo waren wir? Stimmt, beim leeren Kühlschrank.

Während Ida mit einer Kollegin spielte, hetzte ich mit Eva zum Supermarkt. Als wir endlich dort waren, wollte meine Vierjährige ein Brötli. Sofort!

Sonst würde sie den Hungertod sterben (und das würden alle hören). Ich fackelte nicht lange und traf eine Entscheidung: Ich fischte ein Semmeli aus der Selbstbedienungstheke.

Natürlich legte ich – pflichtbewusst, wie ich bin – ein Plastiksäcklein in den Wagen, damit alle sahen: Dieses Brötli wird bezahlt werden. Eva war zum ersten Mal an diesem Tag einigermassen zufrieden, lief freiwillig neben mir durch die Gänge und kaute dabei an ihrem Brötli.

Als wir später an der Kasse standen, griff die Kassiererin mit spitzen Fingern nach dem Plastiksack, sah gerade noch, wie der Semmelirest in Evas Mund verschwand und tippte den Betrag ein.

«War es nur ein Semmeli?»

«Ja, ein Semmeli. Ich bin aus dem Alter heraus, wo ich unbedingt im Supermarkt essen muss.»

Die Angestellte lachte nicht, obwohl sie dazu Gelegenheit gehabt hätte. Stattdessen entschied sie sich für einen Tadel. «Ich persönliche finde ja, dass man überhaupt nicht im Supermarkt essen sollte – egal, wie alt man ist.» – Autsch, das sass! Fräulein Rottenmeier hätte es nicht besser sagen können.

Ich packte unsere Einkäufe in Rekordgeschwindigkeit ein und verliess (das immer noch kauende Kind im Schlepptau), den Laden.

Trotzdem: Mit jeder Minute, die dann kam, wuchs in mir die Gewissheit, richtig entschieden zu haben. Die Sache ist eigentlich ganz einfach: Es gibt Momente, in denen wir Eltern hart bleiben müssen. Pflöcke einschlagen, Grenzen setzen, den Ton angeben und so weiter.

Aber manchmal geht es auch darum, smart zu agieren. Wir Grossen haben nur einen begrenzten Energievorrat. Damit müssen wir haushalten, das sind wir nicht nur unseren Kindern, sondern auch den anderen Mitmenschen schuldig.

Um es in ein Bild zu fassen: Mamis und Papis müssen nicht in jede Schlacht reiten, die stattfindet. Gelegentlich kann es sogar klüger sein, den anderen hinterherzuschauen, statt sich kopfvoran ins Getümmel zu stürzen. Das macht uns übrigens nicht zu Deserteuren, sondern zu Strategen. Denken Sie darüber nach. Der Gedanke hat doch was, oder?

Autor: Bettina Leinenbach