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15. Juni 2015

Übergrossmütter

Warten auf den Stammhalter
Warten auf den neugeborenen Stammhalter. (Bild Keystone)

Sie hat alles bis ins Detail durchgeplant: Am Morgen des 5. Juli wird sie besonders früh aufstehen. Spätestens um 8:00 Uhr muss sie im Spital sein, dann geht es nämlich im Operationssaal los. Der Arzt wird das Skalpell ansetzen, um ihr erstes Enkelkind auf die Welt zu holen. Hat ja lange genug gedauert, bis ihr der Sohn und die Schwiegertochter diesen Wunsch erfüllt haben. Aber eben, besser spät als nie. Um voraussichtlich 8:05 Uhr sollte es endlich so weit sein. Dann sollte der Kleine (Steisslage, ganz der Papa) seinen ersten Atemzug machen. Und sie ist endlich, endlich Grossmami.

Da die Kindsmutter eh noch ganz benommen sein wird (es ist immerhin eine Operation, da muss viel genäht und geflickt werden), springt sie gerne ein. Wofür sonst sind bitteschön Grossmütter da? «Bring mir den Kleinen raus, sobald der Arzt sein Okay gibt. Ich werde mich dann um meinen Enkel kümmern!», weist sie ihren Sohn an.
Während die Wöchnerin also versorgt wird und der Papi eine Pause macht, ist sie da. Diese kostbaren Augenblicke gehören ihr dann ganz allein. Sie wird sich ihren Enkel genau anschauen, schliesslich will sie wissen, ob er nach seinem Vater kommt. Sie wird ausserdem ein gehäkeltes Mützchen dabeihaben («Ihr werdet sehen, es geht doch nichts über ein warmes Babyköpfchen.») Und sie will dem Kleinen erklären, dass sie sein Grosi ist und ab sofort immer für ihn da sein wird. «Ihr könnt euch ruhig Zeit lassen. Wenn es mir langweilig wird, laufe ich mit meinem Enkel einfach die Spitalflure rauf und runter, ich bin schliesslich selbst auch Mutter.»

Wie schon gesagt, sie hat alles bis ins Letzte durchgeplant. Nur ein winziges Detail hat sie vergessen: die werdenden Eltern um Erlaubnis zu fragen. Statt sich behutsam an ihre neue Rolle als Grossmutter heranzutasten, fällt sie mit der Tür ins Haus. Statt aus der Ferne zu beobachten, wie aus einem Paar eine Familie wird, drängt sie sich mit aller Macht zwischen die Eheleute. Statt sich mit Ratschlägen zurückzuhalten, weiss sie bereits jetzt alles besser. Sie meint es schliesslich nicht böse und lässt sich durch nichts bremsen. Vorsichtige Anmerkungen der werdenden Mutter blendet sie aus, diplomatische Vorstösse des Papas in spe perlen ebenso an ihr ab.

Meine Bekannte, von deren Schwiegermutter hier die Rede ist, sieht nur noch einen Ausweg: Am 5. Juli wird das werdende Grossmami sehr lange alleine auf diesem Spitalflur stehen müssen. Sie wird nicht miterleben, wie ihr Enkel auf die Brust seiner Mami gelegt wird, wird nicht dabei sein, wenn er sich augenblicklich beruhigt, sobald er ihren Herzschlag spürt. Sie wird weder das selige Lächeln ihrer Schwiegertochter sehen noch die Freudentränen ihres Sohnes.

Später, wenn die kleine Familie so weit ist, vielleicht nach zwei, drei Stunden, wird der Vater den Säugling nach draussen tragen und ihn dem Grosi vorstellen. Sie darf den Enkel sicherlich auf den Arm nehmen und ihn an sich drücken. Aber nur kurz. Doch dann wird der grosse Mann dafür sorgen, dass der kleine Mann wieder dahin kommt, wo er hingehört.

Autor: Bettina Leinenbach