Archiv
01. Oktober 2012

Über 1000 Stufen musst du gehn

Die Wanderung von Luganos Hausberg San Salvatore bis nach Morcote ist ein Klassiker. Sie garantiert faszinierende Ausblicke, Geschichte und Geschichten. Die Postkartenidylle von Morcote muss man sich allerdings mit einem steilen Abstieg über eine schier endlose Treppe verdienen.

Blick vom San Salvatore über den Luganersee, den Damm von Melide bis zum Monte San Giorgio. Rechts 
am Hang das Dörfchen Carona.

Von Norden bis Süden: Weitere bequem erreichbare Aussichts-Wanderungen an Schweizer Seen:

Von Cressier auf den Chaumont: Viel Wald und plötzlich diese Übersicht
Über den Pfannenstil nach Meilen: Fern der Grossstadt-Hektik
Von Walchwil nach Zugerberg: Über den Geisswald auf den Aussichtsberg
Von Rütli nach Isleten: Auf historischen Pfaden
Von der Alpe di Neggia nach Indemini: Tessin pur

Kennen auch Sie eine lohnende Spazier- oder Wanderstrecke mit Aussicht auf einen Schweizer See? Nach einer Registrierung (und dem Login, wenn Sie bereits registriert sind) können Sie Ihren Ausflugstipp erstellen (zuunterst auf 'Hier Artikel einreichen' klicken) und neben unseren Vorschlägen publizieren.


DIE REPORTAGE
Was haben der Erfinder des Reissverschlusses, Martin Othmar Winterberger, der Schriftsteller Hermann Hesse und die schöne Michelle Hunziker gemeinsam? Sie alle haben einen Bezug zum Dörfchen Carona, an dem wir auf unserer Wanderung vom Gipfel des San Salvatore bis zum ehemaligen Fischerdörfchen Morcote vorbeikommen. Doch davon später.

Auf dem Aussichtsturm des San Salvatore: Rona, Eila, Barbara, Üsé, Nalani (von links).
Auf dem Aussichtsturm des San Salvatore: Rona, Eila, Barbara, Üsé, Nalani (von links).

Jetzt steht unsere Familie, Nalani (7), Rona (12), Eila (15), Barbara (41) und Üsé (44), erst mal auf dem Aussichtsturm des San Salvatore, gut 600 Meter über Lugano. Der Blick von hier ist grandios: im Norden Lugano und der Monte Brè, östlich der Monte Generoso, und westlich geht der Blick bis zu den Walliser Gipfeln von Allalin und Alphubel. Im Süden liegt der bewaldete Bergrücken der Halbinsel Ceresio, über den unsere Wanderung führt. Beinahe senkrecht unter uns glitzert das tiefgrüne Wasser des Lago di Lugano, und am gegenüberliegenden Ufer, in der italienischen Enklave Campione, steht unübersehbar das Casino, ein wuchtiger und erdrückender Klotz, erschaffen vom Tessiner Architekten Mario Botta.

Carona ist klein und doch ein wenig berühmt

Pittoresk präsentieren sich die Gässchen des Dörfchens Carona.
Pittoresk präsentieren sich die Gässchen des Dörfchens Carona.

Im Schatten des Waldes führt unser Weg nun steil die Bergflanke hinab und im Weiler Ciona durch die mit Kopfstein gepflasterten engen Gassen. Weiter geht es über einen breiten Waldweg bis zum kleinen und doch ein bisschen berühmten 800-Seelen-Dorf Carona. In diesem malerischen Ort lernte im Sommer 1919 der Schriftsteller Hermann Hesse seine zweite Frau Ruth Wenger kennen. Recht blumig beschreibt er die erste Begegnung in seiner Erzählung «Klingsors letzter Sommer»: «Plötzlich stand die Königin der Gebirge da, schlanke elastische Blüte, straff und federnd, ganz in Rot, brennende Flamme, Bildnis der Jugend.» Nicht gerade ihre Jugend, aber doch zumindest die ersten Jahre ihrer Kindheit verbrachte in Carona eine andere, zeitgenössische Schönheit: Model und Moderatorin Michelle Hunziker.

Dichter Hermann Hesse lernte im malerischen Dörfchen Carona seine zweite Frau kennen. (Bild: Keystone)
Dichter Hermann Hesse lernte im malerischen Dörfchen Carona seine zweite Frau kennen. (Bild: Keystone)
Michelle Hunziker verbrachte in Carona die ersten Jahre ihrer Kindheit. (Bild: Keystone)
Michelle Hunziker verbrachte in Carona die ersten Jahre ihrer Kindheit. (Bild: Keystone)

Wir lassen die vielen einladenden Grotti mit ihren dicht bewachsenen Pergolen links liegen und wandern bergauf in den oberhalb von Carona gelegenen botanischen Garten, Parco San Grato. Auf gut 60'000 Quadratmeter Fläche gedeiht in diesem Park eine äusserst vielseitige Sammlung an Azaleen, Rhododendren und Nadelbäumen. Ursprünglicher Besitzer dieses Grundstücks war der St. Galler Industrielle Martin Othmar Winterhalter, der hier seine Sommerresidenz einrichtete. Der gewiefte Winterhalter erwarb 1923 das Patent eines Vorläufers des modernen Reissverschlusses. Der St. Galler entwickelte die Erfindung weiter, und daraus entstand der Riri-Reissverschluss, dessen Funktionsweise bis heute Bestand hat. Doch Winterhalter verschleuderte sein Vermögen, wurde von seinen Geschwistern entmündigt und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, wo er 1961 starb. Das Grundstück San Grato erwarb 1957 Luigi Giussani, Gründer der ehemaligen Stahlwerke in Bodio TI, und legte den heutigen botanischen Garten an.

Der Monte San Giorgio kündet von urzeitlichem Meeresgetier

Laufen macht hungrig: Der frische Salami lässt das Wasser im Mund zusammen laufen.
Laufen macht hungrig: Der frische Salami lässt das Wasser im Mund zusammen laufen.

In der Nähe des Spielplatzes des Parks gönnen wir uns Wurst, Käse und Brot, umgeben von seltenen Koniferen, Riesenrhododendren und japanischem Ahorn. Nach unserer Rast sind wir für eine gute halbe Stunde sozusagen in einem Baumtunnel unterwegs: das Blätterwerk der Bäume, die den Weg säumen, vereint sich über unseren Köpfen. Von einer Lichtung aus ist der Monte San Giorgio am gegenüberliegenden Seeufer gut zu sehen. Das Gebiet ist ein Unesco-Weltnaturerbe, denn der Berg gehört zu den weltweit bedeutendsten Fundstellen für marine Fossilien. Kaum vorstellbar, aber vor gut 200 Millionen Jahren breitete sich hier ein rund 100 Meter tiefes Meeresbecken in subtropischem Klima aus. Am Monte San Giorgio wurden Versteinerungen von bis zu sechs Meter langen Reptilien gefunden.

«98, 99, 100». Nach der Alpe Vicania befinden wir uns im steilen Abstieg nach Morcote. Die siebenjährige Nalani zählt die Treppenstufen, die den grössten Teil des Weges nach unten ausmachen. Bei Stufe 659 erreichen wir einen Aussichtspunkt, von wo wir steil unter uns die rotbraunen Ziegeldächer von Morcote und den Turm mit blauem Kuppeldach der Kirche Santa Maria del Sasso erblicken. Bis zum Bau des Seedamms von Melide im Jahr 1847 war der Hafen von Morcote der grösste des ganzen Luganersees. Hier befand sich der Warenumschlagplatz für den Handel mit Italien. Heute legt nur noch sehr sporadisch ein Schiff im Hafen an.

Die Kirche Santa Maria del sasso in Morcote.
Die Kirche Santa Maria del Sasso in Morcote.
In der Kapelle der Kirche Santa Maria del Sasso gibt es wunderbare Deckenmalereien zu bestaunen.
In der Kapelle der Kirche Santa Maria del Sasso gibt es wunderbare Deckenmalereien zu bestaunen.

«878», zählt Nalani: Wir befinden uns auf einem kleinen Platz mit Madonnenstatue — direkt oberhalb der Kirche Santa Maria del Sasso. Neben uns liegt der terrassierte und wunderschön angelegte Friedhof. Dieser trägt neben der Kirche und den pittoresken Häusern mit ihren Arkaden entlang der Seepromenade dazu bei, dass Morcote eines der meist fotografierten Sujets des Tessins ist. Bei Stufe 1022 stehen wir vor dem Eingang zur Kirche, die gegen Ende des 15. Jahrhunderts errichtet und im 18. Jahrhundert im barocken Stil umgebaut wurde.

Ganz unten im Dörfchen und am See angekommen, wird uns bewusst, dass sich unser Bilderbuchtag nun dem Ende zuneigt. Oder um es mit den Worten Hesses aus «Klingsors letzter Sommer» zu sagen: «Dieser Tag kommt niemals wieder, und wer ihn nicht isst und trinkt und schmeckt und riecht, dem wird er in aller Ewigkeit kein zweites Mal angeboten.» Derweil macht Nalani den letzten Schritt und verkündet: «1427!».

SchweizMobil bietet die schönsten offiziell signalisierten Routen zum Wandern, Velofahren, Mountainbiken, Skaten und Kanufahren in der Schweiz.
SchweizMobil bietet die schönsten offiziell signalisierten Routen zum Wandern, Velofahren, Mountainbiken, Skaten und Kanufahren in der Schweiz.

Die Migros ist langjährige Partnerin von SchweizMobil.

Blick auf den Luganersee: Ein Tag wie aus dem Bilderbuch.
Blick auf den Luganersee: Ein Tag wie aus dem Bilderbuch.
Ein Blick zurück von unterwegs: San Salvatore, der Hausberg von Lugano, mal von einer anderen Seite.
Ein Blick zurück von unterwegs: San Salvatore, der Hausberg von Lugano, mal von einer anderen Seite.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Claudio Bader