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25. Februar 2013

Tschipfu, tschipfu - Halt!

Beim Warten mit Plüschtier und Mama ist die Welt noch in Ordnung
Beim Warten mit Plüschtier und Mama ist die Welt noch in Ordnung, in der S-Bahn warten danach meist griesgrämige Pendler. (Bild SBB)

Eine Zugfahrt, die ist lustig, eine Zugfahrt, die ist schön. Zumindest theoretisch. Wenn man allerdings Kinder im Schlepptau hat, kann sich eine halbstündige Bahnreise wie ein Höllentrip anfühlen. Nur damit wir uns richtig verstehen: Meine beiden Mädchen sind routinierte SBB-Userinnen. Drei Mal pro Woche fahren Ida und Eva gemeinsam mit ihrem Papa die Strecke bis zur Kita. Einsteigen, Durchsagen hören, Bildli in «20 Minuten» angucken, manchmal das Kinderbillett zeigen – alles total normal für unsere Töchter.

Nein, das Problem sind die Mitreisenden, die jeden Morgen aufs Neue überrascht sind, dass es so jungen Menschen überhaupt erlaubt ist, den Zug zu benützen. Da sitzen sie also, diese griesgrämigen Pendler, und wollen vor allem eines: ihre Ruhe. Sie kauen ein Gähnen weg, verstecken sich hinter der Zeitung, lehnen den Kopf an die Scheibe. Da kann ein Kind noch so herzig aussehen, es kann noch so lieb Danke bitte sagen – alles wirkungslos. Einmal krähte Ida den Schlafmützen um halb acht in der Früh ein «Oh, du goldig's Sünneli» entgegen – und wurde gnadenlos vom kompletten Abteil ignoriert.

Noch schlimmer ist es übrigens abends. Dann hängen viele Pendler regungslos in den Sitzen und starren ins Dunkel der Nacht. (Vielleicht war das Personalgespräch nicht so toll, vielleicht wartet daheim ein Berg Wäsche, vielleicht hat der Chef das Feriengesuch abgelehnt.) Im Gang stehen die Fahrgäste Rücken an Rücken. Obwohl sich alle irgendwie berühren, ist jeder auf seinem eigenen Planeten. Wenn dann Kleinkinder zusteigen, gucken alle, als hätten zähnefletschende Aliens den Zug geentert. Könnte uns ja eigentlich egal sein, aber wir Eltern haben einen Detektor, der bei passiv-aggressiven Schwingungen anschlägt. Blöderweise benehmen sich die Kinder nach einem anstrengenden Tag meistens auch wie Ausserirdische. Sie tun verbotene Dinge («Finger aus dem Abfallkübel!») quengeln ohne Unterbrechung und werfen sich auf den letzten freien Streifen am Boden.

Einmal war es so schlimm, dass der Vater meiner Kinder gewissermassen die Notbremse zog. Er packte die brüllenden, strampelnden Bündel und stieg an der nächsten Haltestelle aus. Bis zu unserem Bahnhof wären es eigentlich noch zwei Stationen gewesen, aber er ahnte: Wenn ich nicht reagiere, packt ein Pendler die Knarre aus. Da standen sie also, meine Lieben. Der Winterwind blies über das Perron, der Zug verschwand am Horizont. Glücklicherweise beruhigten sich die Kleinen schnell. Vor allem Eva. Sie kaute auf einem rosafarbenen Kaugummi, den sie vorher in einem unbeobachteten Moment aus dem aufklappbaren Zugkübel geklaubt hatte.

Autor: Bettina Leinenbach