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04. Mai 2017

Trotz Lese- und Schreibschwäche erfolgreich

Rund 800'000 Menschen in der Schweiz können nicht so gut lesen und schreiben, wie das im Alltag erwartet wird – die meisten schämen sich dafür und versuchen, es geheim zu halten. Zwei erzählen, wie sie damit umgegangen sind – und wie sie sich in der Berufswelt durchgeschlagen haben. Und Expertin Brigitte Aschwanden klärt über die Hintergründe auf («Illettrismus ist überwindbar»).

Die ABC-Welt
Die ABC-Welt: Für fast 10 Prozent der Schweizer(innen) zwar kein Buch mit sieben Siegeln, jedoch Quelle von viel Schul- oder Arbeitsstress. (Bild: Getty Images)

Ihre Schuljahre waren «die Hölle». Beim Lehrer im kleinen Dorf galt sie als «Löli», er warf regelmässig Leimtuben nach ihr. Auch ihre Eltern waren überfordert und trauten ihr überhaupt nichts zu. Und das alles nur, weil Anna Gerbers(Name geändert) Diktate voller Fehler waren. «Ich hatte grosse Mühe mit der Rechtschreibung, und je grösser der Druck von Schule und Eltern war, desto schlimmer wurde es.» Das führte bei ihr nicht nur zu heftigen Migräneanfällen, man verschrieb Anna sogar eine Brille, obwohl ihr Sehvermögen eigentlich in Ordnung war.

Gerber hat Legasthenie, eine Lese- und Rechtschreibschwäche, die es Betroffenen erschwert, gesprochene Sprache ins Schriftliche umzusetzen. Sie wurde bei ihr nach einem Test im dritten Schuljahr ganz offiziell festgestellt, aber viel änderte sich dadurch nicht. «Ich besuchte ein Jahr lang einen Förderkurs, danach lief alles weiter wie bisher. Immerhin entdeckte ich damals meine Freude am Lesen», erzählt die heute 51-jährige Mutter von zwei Kindern. Es sei eben auch eine ganz andere Zeit gewesen damals, man habe sich weniger um das Wohlergehen der Kinder bemüht und den Eltern auch kaum Hilfestellung geboten.

Anna Gerber (51), Restauratorin
Anna Gerber (51), Restauratorin

Anna Gerber (51), Restauratorin und Firmengründerin

«Erschwerend kam hinzu, dass sonst in der Verwandtschaft niemand betroffen war, insbeson­dere meine Geschwister nicht – ich wurde zum schwarzen Schaf der Familie.»
Anna Gerber quälte sich durch ihre Schuljahre, zutiefst unglücklich. Die Erlösung kam nach einem Umzug in einen grösseren Ort, im siebten Schuljahr. «Wenn ich diesen Lehrer dort von Anfang an gehabt hätte, wäre wohl alles anders gekommen», ist sie überzeugt. Mit seiner Unterstützung verbesserten sich nicht nur ihre Schulleistungen, sie wurde auch ein wenig selbstbewusster.

Dank Nische zum eigenen Geschäft
Dennoch schaffte sie es nicht, eine Lehrstelle als Dekorateurin zu ergattern, ihrem Traumjob: Es herrschte damals ein enormer Ansturm auf diese Ausbildungsplätze. Das Problem war jedoch nicht ihre Schreibschwäche, sie traute es sich einfach nicht zu, sich gegen die Konkurrenz behaupten zu können. Ein zehntes Schuljahr oder eine Privatschule, um Lücken zu schliessen, stand für die Eltern nicht zur Diskussion. Obwohl dies Geschwistern vorher ermöglicht worden war. «Sie wollten einfach, dass ich irgend etwas mache, Hauptsache, ich war versorgt.» So durchlief sie schliesslich eine Druckerlehre, bei der sie sich schrecklich langweilte: «Reine Routinearbeit, ohne jegliche Kreativität. Aber zu Hause war Ruhe.»

Der ungeliebte Job erwies sich jedoch unerwartet als Sprungbrett. Sie kam in eine kleine Firma, die Techniken für den Druck auf damals neue synthetische Textilien entwickelte. Dort lernte sie, Aufträge von A bis Z kompetent zu erledigen. Dadurch wurde ein grosser internationaler Auftraggeber auf sie aufmerksam, der sie ermutigte, sich selbständig zu machen und direkt für ihn zu produzieren. So gründete sie ihre eigene Firma. «Das Geschäft lief von Anfang an sehr gut, aber ich arbeitete fast Tag und Nacht, sogar meine Eltern mussten die ersten zwei Jahre unentgeltlich mit anpacken. Danach stellte ich Leute ein und alle wurden fair bezahlt.» Dies alles, ohne dass die Kunden je bemerkten, welche Schwierigkeiten sie noch immer mit dem Schreiben hatte.»

Scham und Demütigung haben alles überschattet.

«Aber es war ein Spiessrutenlauf. Alle Auftragsformulare, die ich ausfüllte, waren bis ins kleinste Detail vorbereitet, damit niemand etwas merkte. Aufschriften liess ich immer vorher mit ‹Gut zum Druck› vom Auftrag­geber bestätigen. Heutzutage ist alles viel bürokratischer, da würde man so nicht mehr durchkommen.»

Nach einigen Jahren als Unternehmerin war sie jedoch völlig ausgebrannt, ausserdem wollte sie Kinder – so entschied sie sich, einen harten Schnitt zu machen: Mitte der 90er-Jahre verkaufte sie ihre erfolgreiche Firma, die auch heute noch existiert. Mit dem Geld leistete sie sich Reisen und kaufte ein schönes Einfamilienhaus. Sie machte Kurse an der Kunstgewerbeschule, schreinerte, gestaltete den Garten neu, baute Teile des Hauses um. Gleichzeitig besuchte sie Kurse, um ihre Rechtschreibung endlich in den Griff zu bekommen. Dann kamen die Kinder, und Anna Gerber fokussierte ganz auf ihr Leben als Hausfrau und Mutter.

Das Urvertrauen verloren
Ihr Mann hatte als Kind ebenfalls unter Legasthenie gelitten, diese jedoch noch zu Schulzeiten mit speziellem Unterricht und Unterstützung aufmerksamer Lehrer überwunden. Aber angesichts der genetischen Vorbelastung achteten die Eltern natürlich ganz besonders auf die Schreibfähigkeiten ihrer Kinder. «Am ersten Schultag ging ich zur Lehrerin, sagte ihr, dass ich Legasthenie habe und möglicherweise nicht alle Fehler sehe, die meine Kinder beim Schreiben machen. Sie solle dies deshalb bitte besonders im Auge behalten.» Das tat sie auch, und schon bald war klar: alles in Ordnung!

Bis heute wissen jedoch nur enge Freunde von Gerbers Rechtschreibschwäche. «In der Kindheit wurde ich deswegen als dumm abgestempelt. Dadurch habe ich das Urvertrauen verloren, dass man zu mir steht – das erschwert es mir bis heute, Leuten zu vertrauen.» Auch das Verhältnis zu ihren betagten Eltern ist zwiespältig. «Es ist traurig, aber ihre Einstellung zu mir hat sich in der Primarschule gebildet und seither nicht verändert: Sie nehmen mich auch heute – als gestandene Frau – nicht wirklich ernst.»

Heute restauriert sie alte Möbel und arbeitet im Atelier eines plastischen Gestalters. «Er gibt mir seine Kenntnisse weiter, und ich helfe ihm bei Projekten, letzten Sommer zum Beispiel beim Bau eines aufwändigen Bühnenbildes für ein Freilufttheater.» Seit vier Jahren nimmt sie auch einmal pro Woche an einem Kurs für Erwachsene teil, um ihre Schreibfähigkeiten weiter auszubauen. «Inzwischen kann ich mich schriftlich gut ausdrücken, aber es kann mir immer noch passieren, dass ich aus dem Konzept gerate, wenn ich mich unter Druck fühle. Ich könnte nicht an einer Wandtafel stehen und vor fremden Leuten schreiben. Da kommen sofort die Ängste aus der Kindheit hoch.»

Hätte sie schon als Kind die Möglichkeit gehabt, einen solchen Kurs zu besuchen, und die Sprache von einer lustvollen Seite anzugehen, wäre ihr Leben ganz anders verlaufen, sagt Anna Gerber. «Ich hätte einen sehr viel fröhlicheren Weg gehen können – stattdessen haben Scham und Demütigung alles überschattet.» Kinder mit ähnlichen Schwierigkeiten sollten so früh wie möglich von Eltern und Schule unterstützt werden, sagt sie. «Und Erwachsenen rate ich, sich nicht einfach damit abzufinden, sondern die Unterstützungsangebote zu nutzen.»

Intensive Betreuung war entscheidend

Leichte Unsicherheiten bei Kommasetzung sowie der Gross- und Kleinschreibung sind alles, was bei Stefan Nagy (49) vom Illettrismus noch übrig ist – nach vier Jahren Arbeit in den Sprachkursen des Vereins Lesen und Schreiben. «Hätte ich eine ähnlich intensive Betreuung damals in der Schule bekommen, wäre das Problem schon viel früher behoben gewesen», sagt Nagy. Im Kurs hilft, dass alle mit ähnlichen Schwierigkeiten kämpfen und man die gleiche Frage wieder und wieder stellen kann, ohne dass sich jemand daran stört oder darüber lustig macht. «Das war in der Schule damals anders.»

Dennoch musste Nagy 45 werden, bis er sich durchrang, sein Problem anzugehen. «Die Anzeige für den Kurs lag wochenlang zu Hause auf meinem Schreibtisch, und ich habe sie immer wieder hin- und her geschoben.» Den Ausschlag gab schliesslich der Wunsch, beim Möbelhaus Ikea als Sachbearbeiter in die Personalabteilung aufzusteigen. «Doch dafür musste ich mein Deutsch verbessern, das war mir klar.»

Stefan Nagy (49), Personalassistent
Stefan Nagy (49), Personalassistent

Stefan Nagy (49), Personalassistent

Bis dahin war es auch mit schlechtem Deutsch ganz gut gegangen. Nagy hatte nach der Schule eine Lehre im Verkauf gemacht, anschliessend kurz bei zwei, drei Firmen gearbeitet und konnte 1991 bei der Ikea als Allrounder einsteigen, nachdem er dort zuvor schon ein paar Monate als Aushilfe gearbeitet hatte. «Ich beriet Kunden, baute Möbel auf, arbeitete im Lager, das ging alles recht problemlos.»

Nach und nach arbeitete er sich voran, bis er schliesslich Bereichsverantwortung hatte und sogar Lehrlinge trainierte. «Die Leute um mich herum merkten schon, dass Deutsch nicht meine Stärke war, aber ich musste selten formelle Schreiben aufsetzen und wenn, dann gab ich sie jemandem zum Gegenlesen.» Offen thematisiert hat er seine Schreibschwäche allerdings nie – bis er begann, die spezialisierten Sprachkurse zu besuchen. «Das hat mir die Firma mit viel Flexibilität bei den Schichtplänen ermöglicht, und die Leute wussten dann auch, um was es dabei ging.» Ikea sei generell anders und sehr offen für unkonventionelle Lebenssituationen, sagt Nagy.

Coming-out, um andere zu ermutigen
Offiziell getestet wurde er nie, aber er geht davon aus, dass er eine Form von Legasthenie hat. «Mit elf oder zwölf Jahren hat es sich zum ersten Mal richtig bemerkbar gemacht. Meine Aufsätze und Diktate waren voller Fehler, ich bekam gute Noten für Kreativität, und sehr schlechte für die Rechtschreibung.» Dennoch liessen seine Eltern das nicht abklären, was er ihnen aber nicht weiter verübelt. «Ich kam ja sonst ganz gut durch, auch wenn ich die frühen Schuljahre eher als Leidenszeit in Erinnerung habe.» In der siebenten Klasse bekam er dann einen Lehrer, der ihn stark unterstützte. «Auch mit den Lehrmeistern später hatte ich immer grosses Glück.»

Ich bin durch Illettrismus sehr sensibilisiert für Schwächen aller Art.

Und privat schrieb er einfach immer nur klein, ob nun bei SMS oder in E-Mails, so fielen schon mal viele Fehlerquellen weg. «Damals war das ja sowieso total trendy», sagt Nagy und lacht. So gelang es ihm, seine Schwäche lange recht gut zu kaschieren. Beeinträchtigt hat sie ihn insgesamt kaum. «Ich hätte beruflich wohl auch dann keinen anderen Weg eingeschlagen, wenn ich dieses Problem nicht gehabt hätte», sagt der Personalassistent, der mit seiner Partnerin im Bezirk Muri AG lebt und im Ikea Logistikzentrum in Spreitenbach arbeitet.

Dennoch sei das «Coming-out» kein leichter Prozess gewesen. «Erst mal musste ich es mir selbst eingestehen, dann anderen. Der Auftritt in den Medien ist nun der letzte Schritt.» Er macht ihn, um andere zu ermutigen, sich nicht unterkriegen zu lassen. «Wenn man es angeht, kann man es auch beheben.»

Stefan Nagy sieht sogar Vorteile darin, dass er durch das alles durchmusste. «Ich bin dadurch sehr sensibilisiert für Schwächen aller Art. Wenn ich bei meinen Lernenden merkte, da gibt es einen Knopf, ging ich darauf ein und suchte einen anderen Weg, die Dinge zu erklären – und meistens gelang das auch.»


Das Experteninterview mit Brigitte Aschwanden, Leiterin des Vereins Lesen und Schreiben Deutsche Schweiz

Informationen zu Illettrismus und Kursen: www.lesen-schreiben-schweiz.ch

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Christian Schnur