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06. Juni 2017

Trotz Behinderung im Arbeitsleben

Menschen mit einer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung haben es schwer, auf dem Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Bülent Özaltin, Armin Zurmühle und Alexandra Metthez hatten Glück: Sie haben eine betreute Arbeitsstelle gefunden.

Bülent Özaltin
Bülent Özaltin hat nach einem schweren Unfall in der Stiftung Brunegg wieder in die Arbeitswelt zurückgefunden.

Jeder kann plötzlich auf einen geschützten Arbeitsplatz angewiesen sein. Das zeigt die Geschichte von Bülent Özaltin. Bis zum 27. Februar 1999 arbeitete der damals 30-Jährige als Maschinen- und technischer Zeichner bei einer grossen Schweizer Pharmafirma. An diesem Tag setzte sich Özaltin in sein Auto und fuhr in Richtung Österreich. In Graz verunfallte er mit seinem Wagen und erlitt dabei ein schweres Schädel-Hirn-Trauma.

Zwei Wochen lang lag Özaltin nach dem Unfall im Koma. Als er erwachte, erkannte er seine Eltern nicht mehr und konnte seine zweite Muttersprache Türkisch nicht mehr sprechen. Nicht nur die türkische Sprache wurde aus seinem Gedächtnis gelöscht, auch die gesamte Erinnerung an das Jahr vor dem Unfall. Mit intensiver Reha hat sich Özaltin ins Leben zurückgekämpft. Rechnen, Gedächtnistraining, Schwimmen gehörten zu seinem Tagesprogramm. Eins war aber schnell klar: In die freie Marktwirtschaft wird Özaltin nie mehr einsteigen können. «Ich bin seit dem Unfall sehr vergesslich und kann zum Beispiel heute nicht sagen, was ich gestern gemacht habe», sagt Özaltin.

Deshalb kam der 47-Jährige vor 17 Jahren zur Stiftung Brunegg in Hombrechtikon ZH. Hier arbeiten Menschen mit einer Beeinträchtigung wie Özaltin entweder im Büro, in der Gärtnerei, im Blumenladen oder in einer Werkstatt. Özaltin fand eine betreute Arbeitsstelle im kaufmännischen Bereich. Er arbeitet jeweils nur am Vormittag, sortiert Rechnungen oder stellt Diplome für interne Weiterbildungen aus.

Keine Beschäftigungstherapie

«Am Nachmittag habe ich schon sehr Mühe, mich zu konzentrieren», sagt er. Immer am Freitag liefert er zudem Blumensträusse aus dem Blumenladen an Kunden. «Diese Arbeit macht mir am meisten Spass. Denn trotz des Unfalls getraue ich mich noch immer, Auto zu fahren.»
Bülent Özaltin ist einer von rund 100 Menschen mit Beeinträchtigungen, die in der Stiftung Brunegg arbeiten.

«Wichtig bei unseren Arbeiten ist, dass dahinter immer ein Sinn steckt», sagt Leiter Thomas Schmitz. «Wir betreiben hier keine Beschäftigungstherapie.» Der Blumenladen, die Gärtnerei oder auch die Werkstatt müssen wie in der normalen Arbeitswelt Dinge herstellen, die von anderen Menschen gebraucht und gekauft werden.

«Natürlich herrscht an unseren Arbeitsplätzen viel weniger Druck als in der freien Marktwirtschaft», sagt Schmitz. Trotzdem werde von den Mitarbeitern Leistungsbereitschaft verlangt. Finanziert wird die Stiftung Brunegg durch die Erträge der Gärtnerei sowie durch den Kanton Zürich und die Invalidenversicherung. «Auch wir spüren natürlich den Spardruck. Unsere Ressourcen werden klar weniger», sagt Schmitz. «Das Sparen darf aber nicht zulasten der Lebensqualität unserer Mitarbeiter mit Beeinträchtigung und unserer Bewohner gehen.»

Die Stiftung bietet neben den 60 Arbeits- und 17 Ausbildungs- auch 38 Wohnplätze an. Die Wohngemeinschaft ist ebenfalls betreut; der älteste Bewohner ist 63 Jahre alt, der jüngste 16. «Hier können alle voneinander profitieren», sagt Schmitz. Bülent Özaltin lebt nicht in dieser Wohngemeinschaft, sondern allein in seiner eigenen Wohnung in Hombrechtikon. «Ausser dass ich nicht kochen kann, geht das ziemlich gut», sagt Özaltin. Er sei mit seinem Leben und der Arbeitsstelle sehr zufrieden. Das Einzige, was ihm noch fehlt, sei eine Freundin, sagt er.

Mit den Augen schreiben

Ortswechsel. Wie Bülent Özaltin ist auch Armin Zurmühle auf einen betreuten Arbeitsplatz angewiesen. Denn Zurmühle kann nicht sprechen und sich nicht koordiniert bewegen. Deswegen sitzt er in einem elektrischen Rollstuhl. Der 47-jährige Luzerner leidet seit Geburt an einer zerebralen Störung des Nervensystems. Trotzdem geht er jeden Morgen im Contenti, einer Institution für Menschen mit Behinderung, mitten in Luzern seiner täglichen Arbeit nach.

Zurmühle sitzt vor seinem Computer, öffnet Dokumente und schreibt – mit den Augen. Der Computer erkennt, wo Zurmühle hinschaut. Bleibt sein Blick lange genug auf dem Buchstaben Z ruhen, schreibt ihn das System automatisch ins Dokument. Auf diese Weise kann er auch kommunizieren. Er wählt auf einem kleinen Bildschirm, der am Rollstuhl befestigt ist, die Buchstaben aus, setzt sie zu Wörtern und Sätzen zusammen und lässt sie von einer Computerstimme vorlesen.

Armin Zurmühle an seinem Arbeitsplatz im Contenti.
Armin Zurmühle an seinem Arbeitsplatz im Contenti.

Armin Zurmühle an seinem Arbeitsplatz im Contenti.

Armin Zurmühle arbeitet seit über 20 Jahren im Contenti. Seine Aufgaben sind trotz seiner Einschränkung abwechslungsreich. Er erfasst Rechnungen beim Paketversand, bearbeitet Dias oder erstellt Titellisten für den Verkauf von CDs auf Onlineauktionsplattformen. «Diese Arbeit gibt mir einen Sinn im Alltag», steht auf dem Blatt Papier, auf dem die Antworten auf die Fragen des Reporters stehen.

Zurmühle hat die Sätze diktiert. Auch wenn ihm das System beim Kommunizieren hilft – ein Wort oder einen Satz zu schreiben, dauert einige Minuten und ist anstrengend. «Für mich ist es wichtig, dass ich viel Zeit für die Kommunikation habe», schreibt Zurmühle. «Wenn ich körperlich gut drauf bin, bin ich motivierter und kommuniziere auch schneller.» Seine Mitmenschen seien mit dieser Art der Kommunikation aber jeweils etwas verunsichert. Auf die Nachfrage, wie sie denn am besten mit ihm umgehen sollen, antwortet Zurmühle mithilfe seines Sprachcomputers: «spontan».

Die Stiftung Contenti wurde 1988 gegründet. Die 40 Büroarbeitsplätze stehen vorwiegend Menschen mit einer zerebralen Behinderung zur Verfügung. Dass sich das Contenti mitten in einem Wohnquartier in Luzern befindet, ist laut Geschäftsleiter Bruno Ruegge kein Zufall. «Wir wollen, dass die Behinderten ein Teil der Gesellschaft sind und man sie auch im Alltag sieht.»

Behinderung als Provokation

Diese Präsenz sei wichtig, sagt Ruegge. Er ist davon überzeugt, dass «gesellschaftlich noch einiges auf uns zukommen» wird. «Zeitgeist ist ja, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist und der Erfolg das Mass aller Dinge darstellt. In dieser Leistungsgesellschaft sind Behinderte natürlich eine Provokation, weil sie zeigen, dass auch Menschen mit einer eingeschränkten Leistung Mitbürger mit Rechten und Pflichten darstellen», sagt Ruegge. Das Contenti sei dazu da, diesen Menschen eine sinnvolle Tagesstruktur zu geben. «Unsere Angestellten haben auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance. Eine sinnvolle Arbeit ist aber für sie zentral.»

Kommunikation via Sprachcomputer: Armin Zurmühle schreibt mit den Augen.
Kommunikation via Sprachcomputer: Armin Zurmühle schreibt mit den Augen.

Das hat seinen Preis: Vier Millionen Franken investiert die öffentliche Hand jährlich in den Betrieb – darin inbegriffen ist auch das Wohnangebot. Demgegenüber steht ein Umsatz von 150 000 Franken, den das Contenti mit Dienstleistungen wie dem Kopieren von Dias, dem Verpacken von Postversänden oder dem Digitalisieren von Schallplatten erwirtschaftet. «Wir sind finanziell in höchstem Mass vom Kanton abhängig» sagt Bruno Ruegge. Angesichts der «momentanen Sparübungen» blickt er besorgt in Zukunft.

Wegen der Behinderung ausgegrenzt

Ein wichtiger Arbeitgeber für Menschen mit einer Beeinträchtigung, die keine Arbeits- oder Ausbildungsstelle auf dem ersten Arbeitsmarkt finden, ist auch die Gesellschaft für Arbeit und Wohnen (gaw) in Basel. Die gaw bietet 230 geschützte Arbeits- und Ausbildungsplätze sowie teilbetreute Wohnplätze an. Wer eine Führung durch die Institution erhält, der sieht Menschen, die in der Wäscherei Hemden waschen und trocknen, in einer Grossküche Essen zubereiten, Kalender für den Versand einpacken oder Büroarbeiten erledigen.

Letzteres gehört auch in den Aufgabenbereich von Alexandra Metthez. Die 35-Jährige arbeitet seit sechs Jahren in der Buchhaltung der gaw. Im Jahr 2006 wurde bei der Baslerin Schizophrenie diagnostiziert. Sie muss deshalb starke Medikamente nehmen, die ihre Konzentration beeinflussen.
«Ich war wegen meiner Krankheit ziemlich lange arbeitslos. Es war ein langer Weg, bis ich endlich bei der gaw einen Job fand», sagt sie. Sobald sie das Wort Schizophrenie in den Mund genommen habe, seien die Menschen auf Abstand gegangen.

Alexandra Metthez leidet an Schizophrenie. In der gaw in Basel arbeitet die 35-Jährige in der Buchhaltung.
Alexandra Metthez leidet an Schizophrenie. Die Gesellschaft für Arbeit und Wohnen in Basel hat ihr neue Perspektiven eröffnet – hier arbeitet die 35-Jährige in der Buchhaltung.

Alexandra Metthez leidet an Schizophrenie. In der gaw in Basel arbeitet die 35-Jährige in der Buchhaltung.

«In der nicht geschützten Arbeitswelt haben Menschen wie ich praktisch keine Chance», sagt die alleinerziehende Mutter einer Tochter im Teenageralter. Hier in der Institution arbeite sie jeweils von halb eins bis fünf Uhr, fünf Tage in der Woche. Sie schreibt Rechnungen, führt Debitoren- und Kreditorenkonten, macht Warenbestellungen. «Ich fühle mich ernst genommen», sagt sie. «Obwohl das hier ja eine betreute Arbeitsstelle ist, verrichte ich ‹richtige› Arbeit.»

Umdenken gefordert

«Richtige Arbeit» – diese beiden Worte werden von den Verantwortlichen betreuter Arbeitsplätze oft verwendet. Aus gutem Grund, wie gaw-Geschäftsführer Martin Müller sagt: «Arbeit hat in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Das ist bei Menschen mit einer Beeinträchtigung nicht anders.» Deshalb sei es wichtig, dass man Arbeit nicht einfach «simuliere», sagt Müller: «Wir haben klare Zielvorgaben, die wir erfüllen müssen. Unsere Kunden erwarten Qualität – wie von jedem anderen Betrieb auch.»

Natürlich könne man diesen Druck nicht einfach auf die Angestellten mit Beeinträchtigung abwälzen: «Unsere Betreuungspersonen gehen individuell auf die Mitarbeitenden zu und bieten, wenn nötig, mehr Personal auf, wenn es terminlich eng wird.»

Gemäss Müller behauptet sich die gaw betriebswirtschaftlich gut: Zwei Drittel des Umsatzes erzielt sie mit ihren Produkten und Dienstleistungen, ein Drittel wird mit der IV und dem Kanton erwirtschaftet.
«Klar ist unser Ziel, dass wir unsere Mitarbeiter im ‹ersten Arbeitsmarkt› unterbringen können. Aber leider gibt es dort immer weniger geeignete Stellen.»

Konkret meint Müller etwa die Arbeiten bei der internen Post, die in einem Unternehmen von jemandem mit einer Beeinträchtigung übernommen werden könnten. «In vielen Unternehmen holen sich teure Fachkräfte ihre Post selbst», sagt Müller. Wenn in solchen Betrieben ein Umdenken stattfände, meint Martin Müller, dann hätten auch Menschen mit einer Beeinträchtigung Chancen, einen Job zu finden, der keine betreute Arbeitsstelle ist. 

Weitere Infos: www.insos.ch / www.contenti.ch / www.stiftung-brunegg.ch / www.gaw.ch

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Beat Schweizer