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29. März 2016

Shelya Wipf, Jugendweltmeisterin im Trial

Sheyla Wipf ist erst elf und schon Weltmeisterin im Trial. Über ihr Können auf dem Velo staunt selbst der schottische Star Danny MacAskill, der seine Tricks am Wochenende am Urban-Bike-Festival in Zürich zeigt. Die Videos von Sheyla, Lucien Leiser und Roger Keller zum Porträt.

Körperbeherrschung auf schmalem Grat: Jugendweltmeisterin Sheyla Wipf vollführt einen Backwheel-Hop.
Körperbeherrschung auf schmalem Grat: Jugendweltmeisterin Sheyla Wipf vollführt einen Backwheel-Hop.
Sheyla Wipf auf dem Dorfbrunnen von Vordemwald AG
Sheyla Wipf auf dem Dorfbrunnen von Vordemwald AG

Mittwochnachmittag in Vordemwald AG: Ein paar Kinder kurven mit ihren Velos auf dem Gemeindehausplatz herum. Beide Beine in den Pedalen, verharren sie an Ort und Stelle. Sie halten das Gleichgewicht, indem sie auf ihrem Velo stehend rumhüpfen – wie Boxer im Ring. Das Tänzeln auf zwei Rädern dient zur Vorbereitung auf den nächsten Sprung. Da eine Treppenstufe, dort ein Mäuerchen – selbst der Dorfbrunnen, eine Kaskade von Betonblöcken, wird nicht verschont.
In der aargauischen Gemeinde regt sich niemand über den Missbrauch der Infrastruktur auf. Schliesslich hat man dank des Hobbys der Dorfjugend internationale Beachtung erhalten. Vordemwald ist die Heimat von zwei Weltmeisterinnen.
Die jüngste heisst Sheyla Wipf und ist erst elf Jahre alt.

Trial entstand in den 70er-Jahren

Treiben sich gegenseitig zu Bestleistungen an: Noel Wipf (links) ist zwar technisch besser, aber Sheyla holte sich den WM-Titel vor ihrem älteren Bruder.
Treiben sich gegenseitig zu Bestleistungen an: Noel Wipf (links) ist zwar technisch besser, aber Sheyla holte sich den WM-Titel vor ihrem älteren Bruder.

Sheyla lebt gemeinsam mit ihrer Familie auf einem ehemaligen Bauernhof. Mehrere Ponys, Katzen, Zwergziegen, Hasen und ein Hund lassen den Hof regelrecht als Tierpark erscheinen. In einem Zoo aufzuwachsen, davon träumen viele Mädchen. «Ich mag Tiere, aber Trial mag ich noch mehr», sagt die Primarschülerin und lacht. Sie liebe es, wenn sie die Angst vor einem schwierigen Sprung überwunden habe. Und natürlich mache es ihr Spass zu gewinnen.
Sheyla ist seit der 1. Klasse in der Trialgruppe des örtlichen Radfahrervereins. Sie wollte denselben Sport ausüben wie ihr älterer Bruder Noel (12), der knapp ein Jahr früher als sie mit Trial begann. Eigentlich fährt Noel noch einen Tick besser, aber die Konkurrenz unter den Knaben ist grösser. Er hat im vergangenen Jahr ebenfalls an der Jugendweltmeisterschaft in Belgien teilgenommen, hat den Final aber knapp verpasst.
Trial, englisch für Prüfung, hat sich in den frühen 70er-Jahren entwickelt. Die Sportart wird auf Velos ohne Federung und ohne Sattel ausgeübt. Die Räder haben wahlweise 20 oder 26 Zoll Durchmesser. Die geringe Grösse macht die Räder robuster und tauglich für Sprünge aus waghalsiger Höhe. Beim Trial gilt es, das Velo in jeder Situation perfekt zu beherrschen. «Koordination, Konzentration und Kraft sind wichtig», erklärt Vater Karl Wipf (41). Aber auch Mut und Fantasie, um die Hindernisse richtig anzufahren, gehörten dazu.

Den Vater mit dem Virus infiziert

Der Lokführer musste erst mal googeln, als sich sein Sohn vor sechs Jahren ein Trial Bike wünschte. Inzwischen wurde er von seinen Kindern vom Virus infiziert. Nach einem Versuch, der ihm eine unschöne Narbe am Schienbein beschert hat, steigt er nicht mehr selber aufs Bike, sondern dient dem Verein als Trainer und seinen Kindern als Begleitung zu den Sportanlässen.
Wann immer Eltern sich für die Sportkarriere ihrer Kinder begeistern, regt sich der Verdacht, dass sie vielleicht überambitioniert sind. Beim Trial ist die Gefahr diesbezüglich gering. Die Sportart ist äusserst spielerisch, mit Drill lässt sich da nicht viel erreichen.

Zudem ist Trial eine Randsportart, für die sich nicht viele Sponsoren interessieren. Viel Geld lässt sich damit also nicht verdienen. Ausser man ist so gut darin wie Danny MacAskill (30), der beim Energy-Drink-Hersteller mit Stieremblem unter Vertrag steht. 2009 drehte der Schotte zusammen mit einem Kollegen ein Video, das ihn beim Fahren in den Strassen der schottischen Hauptstadt Edinburgh zeigt. Wobei er selten wirklich auf der Strasse zu sehen ist. Eher auf Dächern, Mauern, Geländern und in der Luft. Der Clip wurde inzwischen mehr als 37 Millionen Mal angeklickt.

Youtube-Star hätte im Wettkampf kein Chance

Mutter Isabelle Wipf (39) betont aber, dass das, was der Youtube-Star macht, etwas anderes sei: «Im Wettkampf absolvieren Trialisten einen Parcours mit künstlichen Hindernissen, unter Zeitdruck und den wachsamen Augen von Strafpunktrichtern. Es gibt Strafpunkte, wenn man sich mit einem Fuss oder einem anderen Körperteil abstützen muss, um im Gleichgewicht zu bleiben.» Danny hingegen könne sich für seine Stunts alle Zeit der Welt lassen und einen Sprung x-mal versuchen. Im Clip erscheine dieser dann durch den Videoschnitt wie aus einem Guss, auch die Sicherheitsvorkehrungen seien ausgeblendet. Und ganz wichtig: «Danny macht auch Saltos, was das Ganze gefährlicher macht.» In der Trial-Szene bewundert man den Schotten, ist sich aber auch einig, dass er im Wettkampf gegen Profis wie die beiden Schweizer Lucien Leiser oder Roger Keller keine Chance hätte (siehe Porträts mit Videos weiter unten).

Die Geschwister haben mit Danny MacAskill trainiert

2014 durften Sheyla und ihr Bruder Noel mit dem schottischen Trial-Star Danny MacAskill trainieren.Zeigt mit Kollegen eine waghalsige Show am Urban Bike Festival: Trial-Crack MacAskill.
2014 durften Sheyla und ihr Bruder Noel mit dem schottischen Trial-Star Danny MacAskill trainieren.Zeigt mit Kollegen eine waghalsige Show am Urban Bike Festival: Trial-Crack MacAskill.

Trotzdem wird Familie Wipf nächsten Samstag nach Zürich pilgern, wo Danny MacAskill am Urban-Bike-Festival teilnimmt. Es ist nicht das erste Mal, dass die Wipfs den Schotten live sehen: 2014 trat er am «Velofrühling» in Baden AG auf. Sheyla und ihr Bruder durften damals mit ihm trainieren.

Für Sheyla Wipf war die Begegnung mit dem Star ein tolles Erlebnis. Geht es um Vorbilder, orientiert sie sich aber lieber an ihrer Trainerin Karin Moor (29), dem zweiten Crack im Dorf. Die Vordemwaldnerin hat nach ihrem neunten Weltmeistertitel im Jahr 2011 ihren Rücktritt bekannt gegeben. Sie engagiert sich heute für die Ausbildung des Nachwuchses.
Sheyla ist auf dem besten Weg, in die Radspur ihres Vorbilds zu fahren. Wenn man das Video sieht, das Mutter Wipf an der Jugendweltmeisterschaft aufgenommen hat, staunt man, wie unglaublich fokussiert dieses junge Mädchen den Parcours absolviert. Wie zielsicher und ruhig sie aufs Podest fährt – und es trotzdem bis kurz vor der Siegerehrung kaum glauben kann, dass sie gewonnen hat.

Der Vizeweltmeister: Trial als Lebensschule

Lucien Leiser (21) ist durch seinen Vater zum Trial gekommen. Allerdings hat der seinem Sohn damals, vor 14 Jahren, bloss ein Trial-Bike gekauft, weil dieser als siebenjähriger Knirps noch nicht Motorrad fahren durfte. Vater Leiser übte den Sport ausschliesslich in der motorisierten Form aus. Lucien jedoch kam vom Fahrrad nicht mehr los: «Mit dem Velo kannst du dich viel freier bewegen. Mit dem Töff auf irgendeinem Platz in der Stadt über Geländer und Bänke springen? Undenkbar!»

Der Jurassier ist dreifacher Schweizer Meister und amtierender Vizeweltmeister. Er wohnt noch bei seinen Eltern in Courroux JU und hat eben die Rekrutenschule absolviert. Gerne hätte er eine der 18 Stellen als Zeitsoldat ergattert, mit denen die Schweizer Armee den Spitzensport subventioniert. Aber als Trialist hatte er keine Chance, in die Auswahl zu kommen.
Der gelernte Mechatroniker findet es schade, dass sein Sport nicht mehr gefördert wird: «Trial ist eine Lebensschule. Man steckt die Messlatte ständig höher und darf gleichzeitig nicht zu weit gehen.» Fähigkeiten und Risiko müssten immer gegeneinander abgewogen werden. Ihm selber ist das bisher
stets gelungen. Bis auf einen verstauchten Knöchel ist er unverletzt geblieben.
Der Vater fuhr Motorrad-Trials, der Sohn zieht die motorlose Form vor: Lucien Leiser unterwegs zum dritten SchweizerMeister-Titel im vergangenen Jahr in Stäfa ZH.

Der Veteran: Showbiker und Trainer

Roger Kellers Geschichte liest sich ganz ähnlich wie diejenige von Lucien Leiser. Denn auch sein Vater war ein begeisterter Motorrad-Trial-Fahrer und setzte ihn darum im Alter von zehn Jahren aufs Velo. Und wie Lucien zog er schliesslich das Fahrrad dem Motorrad vor – und das, obwohl er sich für eine Lehre als Motorradmechaniker entschlossen hatte.

Roger Keller in Aktion, hier in Giverola, Spanien.
Roger Keller in Aktion, hier in Giverola, Spanien.


Heute ist der Zürcher 36 Jahre alt, arbeitet als Key Account Manager bei einem Hersteller von Reinigungsgeräten und blickt auf eine erfolgreiche Sportlerkarriere zurück. Er wurde Vizejugendweltmeister und ist achtfacher Schweizer Meister. Seit seinem Rücktritt vom Spitzensport engagiert sich Keller als Trainer im Velo Trial Club Zürich und tourt mit zwei Kollegen als Showfahrer. Die drei lassen sich mit ihrer Bikeshow.ch für Firmenevents, Sportanlässe oder Hochzeiten buchen. Den bisher grössten Auftritt hatte das Team an der Rock’in Fashion Milano vor mehreren Millionen Fernsehzuschauern.
Im Vergleich zu Danny MacAskill ist Roger Keller weniger «rotationsfreudig». Er macht keine Flips und Saltos, dafür baut er in seine Show mehr Witz ein und scheut sich auch nicht vor Einlagen mit Synchrontanz.
Für Keller ist Trial auch eine Art Meditation: «Man konzentriert sich so stark auf sich selbst und auf die Kontrolle des Bikes, dass man vollständig in sich geht und alles andere rundherum vergisst.» Darum sei der Sport ein so gutes Training für hyperaktive Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Marco Zanoni