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19. Dezember 2011

«Treue schliesst andere nicht aus»

Eine provozierende These: Für den Sozialwissenschafter und Buchautor Holger Lendt ist die Monogamie ein Auslaufmodell. Die Mehrheit der Menschen gehe fremd, so der Hamburger, deshalb müsse man den Begriff Treue neu definieren.

Holger Lendt
Holger Lendt beschäftigt sich nicht nur mit Paaren, sondern berät und coacht auch Singles, die einen neuen Partner suchen.

Holger Lendt, Ihr neues Buch heisst «Treue ist auch keine Lösung». Lösung wofür?

Für das Problem, das sich aus Beziehungen ergibt, besonders aus erotischen Liebesbeziehungen. Viele denken, dass die Partnerschaft rund laufe, wenn man sich treu ist. Statistiken zeigen aber, dass die monogame Vorstellung von Treue keine Lösung ist.

Haben Sie Fakten dazu?

Günther Schmidt und Kollegen kommen im Buch «Spätmoderne Beziehungswelten» auf zwölf bis 19 Prozent Fremdgänger, wenn sie ihre Studienteilnehmer fragen, ob sie in den letzten drei Jahren untreu waren. Das Ausmass des Fremdgehens ist gigantisch. Arnold Retzer gibt in seinem Fachbuch «Systemische Paartherapie» an, dass 90 Prozent der Männer im Laufe ihres Lebens schon einmal fremdgegangen sind. Bei den Frauen sind es 75 Prozent. Das sind gewaltige Zahlen.

Warum der Unterschied zwischen Frauen und Männern?

Frauen untertreiben, Männer übertreiben. Bei Männern ist eine besoffene Knutscherei schnell mal ein Die-Frau-hatte-ich-im-Bett. Bei der Frau ist es genau umgekehrt. Sie achtet auf ihren Ruf. Tragischerweise muss eine Frau das heute immer noch mehr als ein Mann.

Fremdgehen ist also nicht Männersache?

Nein. Mit wem wollen denn die Männer fremdgehen, wenn nicht mit Frauen?

Geht jemand fremd, stimmt etwas in der Beziehung nicht, sagt man.

Woher wissen wir das? Wie kann man ein Verhalten einfach als krank bezeichnen? Das bringt nur uns Therapeuten etwas: gute Einnahmen. Wenn untreue Menschen krank wären, dann wären circa 80 Prozent der Menschen meine Klienten.

Man geht also nicht fremd, weil es im Bett nicht mehr funktioniert?

Laut Schmidt war nur ein Viertel der Fremdgeher irgendwie unzufrieden mit ihrer Hauptbeziehung. Die meisten Affären sind sexuell, weil in der Langzeitpartnerschaft häufig die Leidenschaft nachlässt. Sie funktioniert über Erregendes, Neues, Risikoreiches — all das, was man in einer Partnerschaft nicht will. Trotzdem will jeder eine tolle Sexualität.

Warum gehen Menschen sonst noch fremd?

Wenn Menschen fremdgehen, suchen sie nach etwas, was sie ergänzt. Der Affärenpartner ist das Unbewusste einer Beziehung. Wir haben irgendeinen Anteil in uns, der lebendig werden möchte. Jeder birgt ein unglaubliches Reservoir an Teilidentitäten in sich, die er ausleben will. Es ist quasi eine Gesetzmässigkeit, dass im «anderen» das andere gesucht wird. Gerade neulich habe ich wieder so eine Geschichte gehört: Eine echte Frau Saubermann, piekfein, lebt in der Vorstadtidylle. Ihr Mann ist ein Intellektueller, sie ist Akademikerin. Und raten Sie mal, mit wem sie fremdgeht. Mit dem Türsteher einer verruchten Disco!

Fast jeder lügt und und betrügt also. Deshalb wollen Sie gleich die Monogamie abschaffen?

Auf keinen Fall! Nichts gegen die Monogamie. Nur etwas gegen das Dogma, das aus ihr gemacht wird, und dagegen, dass Partner sich kaum verzeihen können, wenn gegen dieses Gebot verstossen wird. Das führt häufig zu tragischen Momenten. Würden wir in einer polygamen Gesellschaft leben, hätte ich ein Buch über Monogamie geschrieben. Ich empfehle nur, sich über den Tellerrand hinaus Ideen zu holen. Denn Monogamie funktioniert eben oft nicht. Swingerpaare etwa haben sehr niedrige Scheidungsraten. Das sollte einen doch wenigstens zum Nachdenken anregen.

Nichts gegen Monogamie. Nur gegen das Dogma.

Ist Treue nicht ein zutiefst menschliches Bedürfnis?

Es gibt zwei Arten von Treue. Das Wort Treue kommt vom mittelhochdeutschen «Triuwe» und bedeutet fest, stark und sicher. Doch was macht Beziehungen stark und sicher? Ich glaube nicht, dass es die monogame Treue ist. Wenn 80 Prozent der Menschen es nicht schaffen, treu zu sein, und sich deshalb trennen, macht das Beziehungen brüchiger. Sich voll auf die Liebe einlassen, sie pflegen, zueinander stehen — das ist Treue, die Beziehungen stärker werden lässt. Aber das schliesst nicht zwangsläufig andere aus.

Das klingt sehr theoretisch.

Das Beste ist, eine Haltung einzunehmen, die es erlaubt, der Liebe zu folgen. Sexualität ist auch eine Form von Liebe, vor allem Selbstliebe. Wenn einer der Partner also merkt, dass es ihn sexuell zu jemand anderem hinzieht, oder gar, dass er im Begriff ist, sich zu verlieben, dann sollte er darüber reden dürfen. Das bedeutet, wir müssen die Sexualität ins Boot holen, aber ebenso die Wün- sche nach Festigkeit und Beständigkeit in einer Partnerschaft, und dann Lösungen finden. Das kann jedes Paar nur für sich.

Sie erwähnen in Ihrem Buch die Polyamoren, Menschen, die zu mehreren Personen Liebesbeziehungen haben.

Sie sind das Extrembeispiel für Freiheit. Polyamore Leute und ihre Ideen könnten für monogame Beziehungen eine Inspirationsquelle sein, stattdessen leben wir lieber die serielle Monogamie.

Serielle Monogamie, was meinen Sie damit?

Serielle Monogamie bedeutet, dass wir dem Modell der monogamen Partnerschaft treu bleiben und permanent die Partner wechseln. Wir sind bereit, ex und hopp mit Menschen zu spielen, wie es unsere Gesellschaft ja oft macht. Leider ist das für viele Leute die Lösung schlechthin. Und das ist nun wirklich nicht im Sinne der Liebe.

Sie empfehlen also, an der Beziehung festzuhalten, trotz Fremdgehens?

Nicht zwanghaft, aber das wäre wirklich treu und stabil. Paare können aus solchen Situationen viel lernen. Die Liebe will uns nur vervollständigen. Sie führt uns immer wieder an Situationen heran, die wir bisher noch nicht kannten: Die Intellektuelle entdeckt sich neu in den Armen des Türstehers.

Selber fremdzugehen ist leicht, dem Partner hingegen diese Freiheit zu lassen, nicht.

Wir nehmen alle sehr gerne. Aber geben? Wenn Leute ihre Beziehung öffnen wollen, sollten sie darüber nachdenken, ob sie geben können. Ansonsten sind wir wieder mitten im Patriarchat. Der Kern des Patriarchats ist das Besitztum. Man kann sich für einen anderen Menschen entscheiden, auch lebenslang. Wenn das Paar sich vornimmt, die Beziehung zu öffnen, braucht es Verantwortung über die Eifersucht.

Eifersucht, das grosse Thema?

Man muss sich ihr stellen. Das ist hart, aber es ist das Einzige, was hilft. Eifersucht ist ein Konglomerat von Gefühlen: Verlustangst gegenüber dem Partner, Wut gegenüber der Drittperson und Selbstzweifel. Es ist ein Irrtum, den Selbstwert von anderen abhängig zu machen. Der Eifersüchtige sagt: Du bist fremdgegangen, du bist schuld, dass es mir schlecht geht. Doch es ist das eigene Selbstwertgefühl, die eigene Verlustangst. Das muss man sich eingestehen.

All die treuen Frauen, die im George-Clooney-Film dahinschmachten, haben gerade Sex mit Clooney.

Und wenn man in Gedanken fremdgeht?

Auch das ist Fremdgehen. Warum sonst gucken wir Liebesfilme oder Pornos? All die treuen Frauen, die im George-Clooney-Film dahinschmachten, haben gerade Sex mit Clooney. Sie sind mental untreu. Viele wollen das auch gar nicht umsetzen. Und das ist doch schön! Es gibt aber auch den mental nicht monogamen Menschen, der um die Häuser zieht und sich Appetit holt. Der lebt eine konfliktreiche Treue. Er spürt seine Sehnsucht, verzichtet aber darauf, sie auszuleben. Er opfert seine Gelüste für die exklusive Treue. Das geht später oft schief.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass es Unsinn ist, nach einem Seitensprung zu sagen: Ich tue es nie mehr. Vielmehr soll die Person sich eingestehen, dass sie untreu ist.

Die meisten tun es nicht. Sie sind froh, dass sie, nachdem sie ausgeschert sind, wieder zurückkommen können und alles wieder in Ordnung ist. So lange, bis es sie wieder lockt. Wer untreu war, sollte anerkennen, dass ihm so etwas passieren kann, und daraus lernen.

Gibt es eine liebevolle Lösung für dieses Dilemma?

Statt Fremd- lieber Bekanntgehen. Einvernehmlichkeit ist das Thema, das den Unterschied macht. Fremdgehen ist dann unmöglich, weil es erlaubt ist. Das ist Würdigung des Partners in jeglicher Hinsicht. Einvernehmlich zu sagen, dass man Affären haben kann, zu bestimmten Konditionen. Das würde zu einer Entkriminalisierung unseres offensichtlich nicht monogamen Trieblebens führen.

Sie empfehlen also, gleich zu Beginn einer Beziehung über dieses unbequeme Thema zu sprechen?

Der Ehevertrag hat sich auch etabliert. Er ist ja eigentlich auch etwas sehr Unromantisches. Aber vielen Paaren ist er wichtig. Sie stellen sich die bösen Fragen. In Sachen Treue machen das die wenigsten, da wird nicht vorausgedacht.

Wann redet man am besten darüber?

Man redet ja auch nicht erst nach dem Sex über Kondome. Wer wirklich von sich weiss, dass er anders lieben will, tut gut daran, dies dem Partner möglichst früh zu eröffnen, sonst fühlt sich dieser wahrscheinlich betrogen.

Wie realistisch ist der Paradigmenwechsel: weg von der Monogamie, hin zu mehr Freiheit in der Liebe?

Ich glaube nicht, dass es bald funktionieren wird. Für einen Paradigmenwechsel braucht es genügend Leidensdruck, und der entsteht nicht, wenn wir weggucken.

Autor: Nathalie Bursać

Fotograf: David Maupilé