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15. April 2013

Trauma nach Sterbehilfe

Laut einer Studie leidet jeder vierte Angehörige, der einem assistierten Suizid beiwohnte, danach an den Folgen des Erlebten.

Risiken der Sterbehilfe für Angehörige
Die drei Gesprächspartner des Migros-Magazins äussern sich nur online über die Risiken der Sterbehilfe für Angehörige. (Bild Getty Images)

Exklusiv auf migrosmagazin.ch: Was sagen die Interviewpartner des Roundtable-Gesprächs zur Sterbehilfe dazu?

Ende 2012 machte eine Studie Schlagzeilen, nach der jede vierte Person, die einem assistierten Suizid beiwohnte, nach über einem Jahr noch an einer psychischen Erkrankung leidet, die eine ärztliche Behandlung erfordert. Die Studie wurde umgehend stark angezweifelt. Was sind Ihre Erfahrungen, ist das realistisch?Frei: Ich kann mir das so nicht vorstellen. In dieser Studie wurde einer kleinen Versuchsgruppe von 85 Personen schriftlich Fragen gestellt. Und das ohne Kontrollgruppe, also Menschen, die den Suizid eines Menschen ohne Sterbehilfe erlebt oder sonst einen Angehörigen verloren haben. Sie hat also klare Schwächen. Für uns ist die Erkenntnis wichtig, dass wir die Angehörigen noch stärker miteinbeziehen sollten, als wir das ohnehin schon tun. Wir fassen oft nach einem Jahr oder später bei den Angehörigen nochmals nach ...
Porz: ... es klingt, als ob ihr eine Art Seelsorger wärt ...
Frei: ... und wir hören, dass sie vor allem darunter leiden, dass nach dem Suizid dann all die vielen Offiziellen auftauchen und man möglicherweise noch stundenlang auf dem Polizeiposten sitzen muss und einvernommen wird.
Büche: Ich kenne diese Argumente, aber die Studie gibts nun mal, und es sind Fakten. Die besten Fakten, die wir im Moment haben. Und wir haben da eine Aussage, die uns erschüttern muss. Nun ist die Aufgabe, eine bessere Studie zu machen. So passiert Wissenschaft, die ersten Studien sind immer schlechter als die nächsten, die kommen. Es gibt auch den Psychotherapeuten Daniel Hell, der sagt, wenn man sich die Krankengeschichten genauer ansehe, werde klar, dass 90 Prozent aller Leute, die mit Sterbehilfe aus dem Leben scheiden, zu dem Zeitpunkt unter einer psychischen Störung leiden.
Frei: Wie will er denn das beurteilen? Es ist ja gerade Teil des Exit-Prozesses, so etwas auszuschliessen.
Porz: Das klingt nach einer Grundsatzdiskussion. So unter dem Motto, jeder, der freiwillig aus dem Leben scheiden will, hat ein psychisches Problem. So wird der Suizid dann zunehmend pathologisiert.
Büche: Als Mediziner erlebe ich immer wieder, wie sich die Welt solcher Patienten verengt, wie sie nicht mehr in der Lage sind, sich mit Alternativen auseinanderzusetzen. Man kommt dann nicht mehr an sie heran, und zwar niemand. So jemandem zu bescheinigen, er sei urteilsfähig und überblicke seine Möglichkeiten … das kann ich nicht. Ich spreche ihm das aber auch nicht ab.

Exit begleitet ja nicht nur Leute, die todkrank sind, sondern auch solche, die einfach nur lebensmüde oder «lebenssatt» sind. Offenbar sind das rund 30 Prozent von allen. Ist das nicht problematisch?Frei: Das Bundesgericht hat klar gesagt, dass die Schwere der Krankheit keine Rolle spielt. Deshalb können auch psychisch kranke Menschen unter bestimmten Voraussetzungen unsere Dienste beanspruchen. Die letzten fünf, sechs Jahre waren es immer etwa 25 Prozent, meistens hochbetagte Menschen, die an einer Vielzahl von Gebresten leiden. Für sich allein genommen ist keine davon tödlich, aber in der Menge führen sie zu einer unerträglichen Einschränkung. Diese Menschen sagen dann, das will und muss ich mir nicht mehr antun. Wenn jemand das nach einem langen und erfüllten Leben mit klarem Verstand entscheidet, würde ich mir nicht anmassen, das infrage zu stellen.

Es sind immer nur Hochbetagte?Frei: Ja. Wenn ein 70-Jähriger mit einem solchen Anliegen kommt, bei dem die Situation vielleicht schwierig, aber eine gewisse Lebensqualität durchaus noch da ist, sind die Hemmschwellen für den Arzt höher, das Rezept auszustellen.

Nur, wer entscheidet letztlich über die Lebensqualität?Frei: Jeder für sich allein.
Porz: Zumindest hier in der Schweiz ist das sicher so.

Und was, wenn der 70-Jährige findet, er habe keine Lebensqualität mehr?Frei: Das wird dann mit dem Arzt diskutiert. Und wenn sich dort im Gespräch herausstellt, der ist einfach nur in einem Tief, weil ihm die Freundin den Laufpass gegeben hat und er sich jetzt auch noch eine neue Wohnung suchen muss, dann wäre das ein Affektsuizid, bei dem wir nicht helfen.
Büche: Wobei man sagen muss, dass Suizidbeihilfe in der Schweiz rechtlich nicht strafbar ist. Wenn also dieser Mann das will, dann darf man ihm beistehen und ihm Zyankali besorgen. Das gilt auch für einen 20-Jährigen.
Frei: Es ist dann strafbar, wenn es aus selbstsüchtigen Motiven geschieht, zum Beispiel aus Hass oder Geldgier. Aber das Problem ist nicht so sehr die Strafbarkeit – die Frage ist, wie weit es für den Arzt standesrechtlich akzeptabel ist.

Wer sterben will, findet aber ohnehin einen Weg: Im Internet findet man Anleitungen zum möglichst schmerzlosen Suizid.Büche: Das ist so. Ein prominentes Beispiel ist Gunter Sachs, der sich 2011 mit 78 Jahren nach der Diagnose einer beginnenden Demenz erschossen hat. Seine Lebensqualität in dem Moment war von aussen gesehen vermutlich kaum reduziert, aber er fühlte sich eingeschränkt wegen dem, was er in der Zukunft für sich erwartet hat. Darunter hat er gelitten. Aber vielleicht wäre er ja auch zwei Jahre später an einem Herzinfarkt gestorben, und bis dahin wäre die Demenz vermutlich noch gar nicht so furchtbar fortgeschritten.
Porz: Sachs ist ein exemplarischer Fall für unsere Gesellschaft. Ein Mann, der daran gewohnt war, sein Leben selbst zu bestimmen und der nun auch über seinen Tod selbst entscheiden wollte.
Büche: Genau. Und nun nochmals zurück zu den «Lebenssatten»: Es stellt sich schon die Frage, wie viel vom Bedürfnis zu Sterben entsteht aufgrund der Angst vor dem, das kommen könnte. Laut einer Studie betrifft dies 30 bis 40 Prozent von allen, die Sterbehilfe beanspruchen. Die Frage ist, gibt es Wege für eine Gesellschaft, mit diesen lebenssatten Leuten so umzugehen, dass sich der Schritt zur Suizidbeihilfe verhindern lässt?

Muss die Sterbehilfe rechtlich klarer geregelt werden? Die Waadtländer haben das getan, der Bund und der Kanton Zürich haben es abgelehnt – ein Fehler?Frei: Vieles ist ja schon so recht gut geregelt, gerade auch im Kanton Zürich, wo die Zusammenarbeit mit den Behörden sehr gut läuft. Das funktioniert seit 30 Jahren problemlos. In anderen Kantonen kann es aber schon vorkommen, dass nach dem Suizid zehn Offizielle aufmarschieren, und das ist etwas, das den Angehörigen oft Mühe macht.
Büche: Ich glaube nicht, dass man das rechtlich regeln kann, daher bin ich auch der Meinung, es sei nicht nötig, solange die Qualität sichergestellt ist.
Porz: Ich sehe das genauso. Der Tod ist nach wie vor ein Tabuthema, und ich glaube nicht, dass rechtliche Regelungen helfen, dieses Tabu aufzubrechen.
Frei: Es in der Tat ein Tabuthema, und ich glaube, das wird auch so bleiben.

Aber über die Sterbehilfe wird doch ziemlich rege debattiert. Trägt das nicht ein bisschen zur Enttabuisierung bei?Frei: Vielleicht ein bisschen, trotzdem wird das eigentliche Sterben dabei meist ausgeklammert.
Porz: Kommt hinzu, dass die Diskussion um die Sterbehilfe ganz schön komplex ist. Wer sich nicht intensiver damit befasst, versteht die Feinheiten der Debatte vermutlich gar nicht. Und da werden dann auch schnell falsche Mythen und Vereinfachungen geboren.
Frei: Selbst viele unserer Mitglieder, obwohl sie eher gut informiert sind, glauben, sie könnten in einer Patientenverfügung auch gleich noch die Sterbehilfe anordnen, aber das geht nicht. Bei der Sterbebegleitung nimmt der urteilsfähige Mensch die Handlungen bis zum Schluss selber vor. Er nimmt den Becher, niemand anders.

Mittlerweile gibt es ja in der Schweiz diverse Organisationen, die Sterbehilfe anbieten. Sind darunter auch welche, die Sie problematischer finden als andere? Und wieso eigentlich hat Dignitas einen so viel schlechteren Ruf als Exit?Frei: Exit ist mit ihren 66'000 Mitgliedern mit Abstand die grösste Organisation und auch ein gesellschaftspolitischer Ansprechpartner. Dazu kommt Exit Romandie, eine eigenständige Organisation mit weiteren 20'000 Mitgliedern. Dignitas hat etwa 6000 Mitglieder, und ihr Fokus liegt klar auf der Sterbebegleitung von Leuten mit ausländischem Wohnsitz. Unsere Organisation ist sehr transparent, und wenn bei uns jemand ausfällt, übernimmt halt jemand anders. Dignitas ist noch sehr geprägt vom Gründer Ludwig A. Minelli, der als Pionier bei diesem Thema ganz klar seine Verdienste hat. Ohne diese Pioniere wäre auch Exit nicht entstanden. Neben diesen Organisationen gibt es derzeit noch zwei weitere kleinere.
Büche: Für mich gibt es schon Unterschiede zwischen den Organisationen. Dignitas ist zu sehr von einer Person abhängig und so was hat immer etwas Guruhaftes, das finde ich schwierig. Von dieser Seite nehme ich auch ab und zu Druckversuche auf die Gesellschaft oder Ärzte wahr, das halte ich für keine gute Diskussionsgrundlage.
Porz: Ich kann die Unterschiede nicht wirklich beurteilen. Spannend finde ich aber in diesem Zusammenhang die Wahrnehmung der Schweiz von aussen. Ich werde an internationalen Konferenzen oft angesprochen: Ach in der Schweiz kann man ja so leicht sterben. Ich bin dann immer ein bisschen irritiert, weil so leicht ist es ja nun auch wieder nicht. Aber die Diskussion zum Thema, hier und im Ausland, hat offensichtlich zu einem etwas verzerrten Bild geführt.

Autor: Almut Berger

Fotograf: Ueli Christoffel