Archiv
19. Januar 2015

Trauer im Web

Für den Trauerprozess ist es wichtig, Erinnerungen an die Verstorbenen zu schaffen. Viele Menschen führen deshalb im Internet Tagebuch, und haben damit teilweise schon vor dem Tod begonnen.

Gerade beim Tod von Prominenten wie kürzlich Udo Jürgens oder Joe Cocker sind Trauerbekundungen im Internet keine Seltenheit. Viele Menschen, die sich mit den Verstorbenen verbunden fühlen, veröffentlichen Musikstücke, Erinnerungen oder ein kurzes «RIP» – Rest in Peace – auf Twitter oder Facebook. Wer das postet, gibt allerdings nicht so viel von sich preis, wie Ehepartner oder Eltern, die den Tod ihres Liebsten in einem Blog verarbeiten ( Nach Kindstod: Trauer und Freude ).

Screenshot frompassionwithlove.wordpress.com / Nathalie Himmelrich.

Nathalie Himmelrich (porträtiert im Migros-Magazin 4/2015) schreibt seit dem Tod ihrer Zwillingstochter «Hope» regelmässig Blogeinträge. Einerseits formuliert sie die Beiträge aus der Perspektive ihrer lebenden Tochter «Passion» , andererseits versucht sie der Verarbeitung ihrer Trauer und ihrem Weg als Elternpaar Ausdruck zu verleihen . Himmelrich schenkt ihren Leserinnen und Lesern sehr intime Einblicke in ihr Leben und ihrer lebenden Tochter Erinnerungen an ihre Zwillingstochter.

Screenshot «mywifesfightwithbreastcancer.com»/ Angelo Merendino
Screenshot «mywifesfightwithbreastcancer.com»/ Angelo Merendino.

Die Schlacht, die wir uns nicht ausgesucht haben . So nennt der New Yorker Fotograf Angelo Merendino die Krebsdiagnose seiner Frau Jennifer, die sie fünf Jahre nach der Hochzeit im Jahr 2008 erhielt. «Wir wollten dem Krebs ein Gesicht geben», sagt Merendino zur Wochenzeitung «Zeit» und beginnt ein Fototagebuch zu führen, das zu weltweitem Zuspruch führt. Seine Frau stirbt in seinen Armen am 22. Dezember 2011. Merendino veröffentlicht ein Foto ihres leeren Betts.

Screenshot trauer-um-florian.de / Gabriele Gérard
Screenshot trauer-um-florian.de / Gabriele Gérard.

Die Berlinerin Gabriele Gérard erhält im Juli 2000 kurz vor Mitternacht einen Anruf, der ihr bisheriges Leben innerhalb von Sekunden enden liess. Ihr Sohn Florian litt am «Sudden Adult Death Syndrome» und ist in dieser Nacht urplötzlich verstorben. Seit dieser Nacht schreibt die Mutter bis zum heutigen Tag Briefe an ihren toten Sohn . Später entsteht daraus ein Buch mit dem Titel «Trauer, die bleibt» . Im Gedenken an Florian veröffentlicht Gérard regelmässig Gedichte - es sind über 200 pro Jahr.

Screenshot faessler-weibel.ch

«Eine Routineuntersuchung meines Dickdarms zeigt eine Sigmastenose. Wir reden von einer krebsartigen Entartung in einem erheblichen Ausmass.» Das schrieb Peter Fässler-Weibel am 19. Juli 2007 in seinem Blog «Licht und Schatten» . Über vier Jahre lang berichtete Fässler-Weibel, ein schweizweit bekannter Trauerberater, in regelmässigen Abständen von seiner Krankheit – bis er an seinem Todestag dem 19. August 2011 seine eigene Todesanzeige veröffentlichte.

Online-Friedhöfe

Online-Friedhof der NZZ
Online-Friedhof der NZZ.

Alternative zu Blogs werden auch sogenannte Online-Friedhöfe rege genutzt, wie sie zum Beispiel von der «NZZ» , der «Aargauer Zeitung» oder der «Südostschweiz» angeboten werden.

Erstere liefert nebst dem Portal zur Veröffentlichung von kostenpflichtigen Todesanzeigen auch Ratschläge, wie sich Verluste verarbeiten lassen oder was beim Schreiben eines Nachrufs beachtet werden muss.

Ähnliches versucht das soziale Netzwerk Facebook, bei dem Profile von Verstorbenen in den «Gedenkzustand» versetzt werden können. Sie bleiben für sämtliche Freunde einsehbar, aber Gruppenzugehörigkeiten werden gelöscht. Nutzer können ausserdem ihre Erinnerungen teilen und diese an die Pinnwand posten.

Autor: Reto Vogt