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26. September 2016

Für den Transmann war die Einordnung schockierend

Geboren im Körper einer Frau, lebte Niklaus Flütsch viele Jahre in einer lesbischen Beziehung. Mittlerweile hat sich der Gynäkologe einer Geschlechtsangleichung unterzogen und lebt mit einem Mann zusammen.

Niklaus Flütsch

Am Anfang war Bettina. Sie kam an einem Sonntag im August 1964 im Kanton Graubünden zur Welt und wuchs mit einem älteren Bruder und einer jüngeren Schwester auf. «Meine Schwes­ter war nicht typisch weiblich, sondern eher androgyn – sie hat sich mit ihrem Geschlecht arrangiert. Ich verspürte jedoch ein grosses Unbehagen in Bezug auf meinen weiblichen Körper.» Auf den älteren Bruder war Bettina oft eifersüchtig; die Beziehung war angespannt. Bettina existiert nicht mehr. Niklaus Flütsch (51), wie er heute heisst, kann sich die Ursachen für die Eifersucht erklären: «Er hatte das, was ich nicht hatte: Er war ein Mann.»

Frau
Frau

Niklaus Flütsch wurde im Körper einer Frau geboren und bezeichnet sich heute als «transident». Das heisst: Er fühlt sich dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht zugehörig. Wenn er über seine Geschichte spricht, wirkt er ruhig. Ist es eine versöhnliche oder eine abgeklärte Distanz zum Geschehenen? Das ist auf den ersten Blick schwer zu beurteilen. «Ich sehe mich als ruhige und überlegte Person», sagt er. Die Teenagerjahre waren schwierig. Dem Vater zuliebe trug er Röcke, outete sich als lesbisch und fand dennoch keinen Frieden. Mit 16 wurde er magersüchtig.

Während des Medizinstudiums wurde Flütsch zum ersten Mal mit dem Thema Trans kon­frontiert: «Das war ein Aha-Erlebnis. Meine Situation endlich benennen zu können, war extrem wichtig. Aber die Einordnung war auch schockierend, da ich verstand, wie kompliziert das ist.» Für ein Outing war die Zeit damals noch nicht reif. Es gab zu wenig Informationen, und der gesellschaftliche Diskurs über Transmenschen fand noch nicht statt. Flütsch stürzte sich in die Arbeit, eröffnete in Zug eine Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe. Er lebte als lesbische Frau. «In meinen Beziehungen habe ich die ­dominante Männerrolle übernommen.» Dieser Kompromiss war für ihn lange lebbar.

Als es nicht mehr weiterging

Flütsch hatte eine funktionierende Praxis und eine funktionierende Beziehung. Doch das war nicht genug. Zwischen 2007 und 2009 setzte er sich wieder intensiv mit seiner Geschlechts­identität auseinander. Als alle Puzzleteile zusammen waren, wusste er: jetzt oder nie. Er entschied sich für die Angleichung des äusseren Geschlechts an das gefühlte Geschlecht: Die Therapie mit dem männlichen Hormon Testosteron muss er lebenslang durchhalten. Heute sieht man ihm sein früheres Leben nicht mehr an: Die Gesichtszüge sind kantig, der Bartwuchs ist dicht und der breite Oberkörper trainiert. «Meine Angleichung erfolgte spät, als ich mitten im Leben stand. Wenn jemand in diesem Alter so eine Entscheidung fällt, wird das eher akzeptiert als bei einem Teenager, der vielleicht noch in der Selbstfindungsphase steckt», sagt Flütsch.

Das Outing im beruflichen Umfeld war sorgfältig geplant. «Das hat mir die Nervosität genommen. Aufregend war es zwar, aber nicht belastend.» Damals gab Flütsch seine Praxis auf und arbeitete wieder als Oberarzt im Zuger Kantonsspital. Zusammen mit der damaligen Chefärztin und dem Direktor informierte er das Spitalkader, die Patientinnen und Mitarbeiter. «Die Reaktionen waren erstaunlich gut. Nur einzelne Patientinnen wollten sich nicht mehr von mir behandeln lassen. Ansonsten war die Akzeptanz gross.» Seine Familie reagierte wenig überrascht: «Es hatte viele Richtungswechsel in meinem Leben gegeben. Ich war rastlos, zog oft um, hatte wechselnde Arbeitsorte und Beziehungen, die in die Brüche gingen.»

Sein Kollegenkreis hat sich durch das Outing vergrössert: Beim Transgender Network Switzerland traf er Leute mit einer ähnlichen Geschichte. Mit Jamison Green fand er ein neues Vorbild. Der 67-jährige Amerikaner ist einer der bekanntesten Transaktivisten und war Präsident der Welt­organisation für Transgendergesundheit (WPATH). «Sein Buch ‹Becoming a Visible Man› hat mich sehr berührt und bildet viel von dem ab, was ich erlebt habe», sagt Flütsch. «Heute ist man besser informiert. Ich denke, darum gibt es auch mehr Geschlechtsangleichungen als noch vor zehn Jahren.»

Im männlichen Körper wird er anders behandelt.

«Als Frau wurde ich oft nicht wahrgenommen. Mit einer tiefen Stimme hören die Leute mir besser zu, auch wenn ich etwas ebenso Belangloses wie früher erzähle.» Es gibt auch andere Erfahrungen: «Wenn ich nachts aus einem Bus steige und hinter einer Frau gehe, wechseln manche Frauen aus Angst die Strassenseite.»

Wie definiert ein Transmann Männlichkeit? «Als Sechsjähriger liess ich mir die Haare kurz schneiden, in der Hoffnung, dass ein Penis wächst. Heute sehe ich das anders. Die Gesellschaft setzt Männlichkeit mit Potenz gleich.» Flütsch beschreibt, wie viele – auch Fremde – ihn un­geniert fragen, ob er jetzt einen Penis habe. Solche Momente trägt er mit Fassung. «Das geht niemanden etwas an», sagt er, «es verrät aber viel über die Wahrnehmung von Männlichkeit in der Gesellschaft. Und über Voyeurismus.» Er findet Geschlechterklischees allgemein problematisch: «Männlichen oder weiblichen Stereotypen zu entsprechen, setzt alle unter Druck. Viele Männer denken, dass sie stark sein müssen und nicht weinen dürfen.» Für ihn sei die Geschlechtsangleichung kein Schritt in die Männlichkeit gewesen, sondern ein Weg zu sich: «Ich kann endlich sagen, dass ich mich wohlfühle. Das ist das, was zählt.»

Zum Glück beigetragen hat auch sein neuer Partner, ein Osteopath. Da Niklaus Flütsch laut Pass noch eine Frau ist, konnten die beiden heiraten. «Wenn ich mein Geschlecht im Pass nachträglich ändern würde, bliebe die Ehe nach Schweizer Recht bestehen. Doch ich weigere mich, dem Gericht ein psychiatrisches Gutachten oder Operationsberichte vorzulegen.» Beides wäre gesetzlich dafür nötig.

Das Paar lebt auf dem Land zwischen dem Zürich- und Zugersee. Es scheint, als wären beide angekommen. «Manchmal entdecke ich bei meinem Mann mehr weibliche Anteile als bei mir. Zu Weihnachten habe ich mir ein Teleskop gekauft. Er hat sich eine Dampfbügelstation gewünscht», erzählt Flütsch. Warum er sich heute zu Männern hingezogen fühlt, kann er sich nicht erklären. Vielleicht hat es mit dem Testosteron zu tun. «Mir ist egal, was es ist. Ich habe den Menschen gefunden, der zu mir passt.»

Betroffene sowie Angehörige von Transmenschen finden Unterstützung und Infos beim Verein Transgender Network Switzerland: www.tgns.ch

Autor: Anne-Sophie Keller

Fotograf: Gian-Marco Castelberg