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26. September 2016

Für die Transfrau gab es keine Alternative

Bea Knecht, die Gründerin von Zattoo, lebte die ersten 45 Jahre ihres Lebens im Körper eines Mannes. Aber sie konnte ihre Persönlichkeit nicht angemessen entfalten. Während einer Auszeit in den USA vollzog sie eine Geschlechtsangleichung.

Bea Knecht
Erfolgreich als Mann – seit 2012 als Frau: Bea Knecht (49), Geschäftsfrau und Gründerin von Zattoo

Vor elf Jahren schaffte Bea Knecht (49) mit Zattoo eine kleine Sensation: Zusammen mit ihrem Geschäftspartner Sugih Jamin entwickelte sie das erste Gratisfernsehen für mobile Geräte. Heute ist der Dienst mit zwei Millionen Nutzern der grösste Live-Web-TV-Anbieter in der Schweiz und Deutschland. Ihre grösste Herausforderung meisterte Bea jedoch im privaten Bereich – alsBeat. Die Fernsehpionierin wurde 1967 als Junge geboren.

Mann
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Schon im Alter von sechs Jahren hatte sie das Gefühl, dass an ihr etwas anders war. Sich wie Jungs zu raufen, war ihr fremd. Das musste sie erst lernen. Sie zeigte sich willensstark. «Ich dachte, es sei normal, dass jedes Kind lernen müsse, Mann oder Frau zu sein.» Bea Knecht wurde im Aargau geboren, als Nachzügler, elf Jahre nach dem vierten Kind ihrer Eltern. Ihr Vater besass ein Busunternehmen, die Mutter arbeitete im Betrieb mit. Als die Ölkrise 1973 eine Wirtschaftskrise auslöste, bekam das Kind Beat einen Hausschlüssel und kochte, wenn die Mutter unterwegs war. «Ich habe eine gewisse Widerstandsfähigkeit und Selbständigkeit entwickelt», sagt sie.

Mit 19 ging Knecht für ein Informatikstudium in die USA, nach Berkeley in Kalifornien. «Ich dachte, dass meine Stärken in der Informatik liegen.» Kein Zufall. «Fünf Prozent der Bevölkerung ist sehr gut im räumlichen Denken. Bei Transfrauen sind etwa 50 Prozent auffällig gut darin. Bei ihnen wird das Gehirn im Mutterleib mit keinem oder wenig Testosteron versorgt. Es entsteht eine andere Hirnstruktur. Möglich, dass dieser Effekt Talente mit sich bringt, wie zum Beispiel das räumliche Denken.»

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten blühte Knecht auf: Fortschrittliche Technologien ermöglichten ihr 2005 die Gründung von Zattoo, und rund sieben Jahre später in einem ganz anderen Bereich auch eine Geschlechtsangleichung in ihrem Sinne. «Ich habe sämtliche Schritte der Anpassung in den USA gemacht. Die amerikanischen Ärzte arbeiten mit Technologien und einer Transparenz, die wir in der Schweiz nicht kennen. Auch die Forschung ist dort auf einem anderen Stand. Und der Austausch unter Betroffenen besser organisiert.»

Beat ging und kam als Bea zurück

Im Frühling 2012 nahm Bea Knecht eine Auszeit in den USA. «Am Anfang war nicht klar, dass ich als Bea zurückkommen werde», sagt sie. Während ihrer Recherchen traf sie rund 2000 Transmenschen und führte mit 100 von ihnen vertiefte Gespräche über Identität, Anpassung, Schmerz und Rückhalt. Schliesslich erkannte sie: «Ich will meine Persönlichkeit würdevoll zum Ausdruck bringen. Das geht im Körper eines Mannes nicht.» Bea Knecht liess sich die Barthaare wegepilieren, die ausgeprägten Kieferknochen wegfräsen, dichtere Kopfhaare transplantieren. Bei einer Logopädin trainierte sie ihre Stimme. Dazu kamen Hormonbehandlungen: Östrogen formte Brüste, machte die Hüften runder und die Gesichtszüge weicher. Anstelle eines klassischen Testosteronblockers wie Androcur nahm Bea Knecht Dutasteride. «Von Androcur bekommen viele Betroffene Depressionen. Doch es geht auch ohne. Viele recherchieren nicht. Der Therapeut glaubt dem Hormonarzt, und der glaubt seinem 20 Jahre alten Buch», kritisiert Knecht den früheren Umgang von Schweizer Ärzten mit Transmenschen. Die richtige Unterstützung zu finden sei schwierig.

Während ihr Arbeitsumfeld tolerant auf die Transition, also die Angleichung des äusseren ans innere, subjektiv empfundene Geschlecht, reagiert habe, gab es im privaten Umfeld von Bea Knecht einen Bruch. «Ich habe durch meine damalige Freundin zur Weiblichkeit gefunden, und sie um ihr Frausein beneidet.» Im Laufe der Geschlechtsangleichung ging die Beziehung in die Brüche. «Man ist in dieser Zeit sehr stark mit sich selbst konfrontiert. Es gibt wenige Beziehungen, die das überstehen.» Bei einer Transition haben viele Angehörige das Gefühl, einen Menschen zu verlieren. Das hat auch Bea Knecht erlebt: «Eines meiner Geschwister hatte sehr Mühe mit meiner Angleichung. Es stand mir als Beat sehr nahe und musste nun um den verlorenen Bruder trauern. Andere haben es rascher verarbeitet.» Ihre Entscheidung habe sie aber nie gross mit der Familie besprochen: «Ich hatte mich selber schon so lange gebremst und brauchte nicht noch andere, die mich hindern würden.» Die Transi­tion hat rund 60 000 Franken gekostet. 20 Prozent davon wurden von der Krankenkasse übernommen.

Den Dingen auf den Grund gehen

Bea Knecht sagt: «Ich bin komplett Frau.» Dass sie sich wohlfühle, merke sie in ganz banalen Momenten: «Wenn ich an einer Party die Erste bin, kann ich gut warten. Ich muss mich nicht dauernd beschäftigen oder ablenken. Ich kann einfach sein.» Als «komplett Frau» habe sie auch Vorteile: «Die Leute auf der Strasse lächeln mir zu und behandeln mich freundlicher.» Dafür halte sie körperliche Spitzenbelastungen weniger aus. Den maskulinen Bonus habe sie als Beat stark gespürt: «In der Geschäftswelt werden Männer als verbindlich, mutig, kräftig, sachlich, leistungsorientiert, belastbar und achtenswert eingestuft. Frauen werden in hübsch oder nicht hübsch eingeteilt.» Doch: «Das Leben als Mann ist hart. Männer gehen mit sich sehr hart ins Gericht. Rangkämpfe sind ein grosses Thema, und der Leistungsdruck ist enorm.» Diesen Druck kennt Bea Knecht gut. Bewältigen konnte sie ihn schon immer: Nach ihrem Studium fokussierte sie sich zunächst auf Chipdesign. Anschliessend war sie bei grossen Firmen wie UBS oder ­McKinsey tätig – als Spezialistin für das Komplizierte: «Das Leben ist für die meisten häufig komplizierter, als sie es gerne hätten», sagt Knecht. Sie interessiere die Wahrheit hinter allem; das Ergründen von Dingen.

Im Gespräch über ihre Geschäftstätigkeit schwingt ihre Biografie als Transfrau mit: «Unternehmer schöpfen aus Herausforderungen eine Chance. Man muss etwas aufgeben können, um etwas zu gewinnen. Oder externe Faktoren akzeptieren und damit umgehen lernen.» Blickt Bea Knecht zurück, würde sie alles nochmals genau gleich machen: «Für mich gab es keine Alternative, um ein ausgeglichenes Leben zu führen.»

Betroffene sowie Angehörige von Transmenschen finden Unterstützung und Infos beim Verein Transgender Network Switzerland: www.tgns.ch

Autor: Anne-Sophie Keller

Fotograf: Gian-Marco Castelberg