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10. Oktober 2016

Tram-Drama

Mit dem Kinderwagen im Tram
Mit dem Kinderwagen im Tram: Nicht immer hat es genug Platz und ist die Stimmung so entspannt ... (Bild: Keystone)

Das Tram hält, die Tür geht auf. Ganz vorne, auf Höhe des Fahrers, hievt eine Mutter einen Kinderwagen samt Baby in den schmalen Durchgang. Nochmals nachdrücken, uff, passt. Irgendwie. Ich könnte jetzt spekulieren: Hat sie Verspätung, ist quasi auf einen bereits fahrenden Zug aufgesprungen? Oder hat es in dem Moment hinten, wo die Tür weit und der Gang breit ist, hoffnungslos überfüllt ausgesehen? Egal. Tatsache ist, dass sie nun da vorne steht, sich am verkeilten Kinderwagen festklammert – und den Durchgang blockiert.

Stellen Sie sich nun für einen Augenblick die Gesichter der anderen Passagiere vor. Genau. Ich bin mir sicher, an diesem Tag gehen viele Hosensäcke kaputt von all den Fäusten, die im Verborgenen gemacht werden. Niemand liest mehr im Gratisblättchen. Alle Blicke sind auf den «Monstertruck» gerichtet, der den normalen Betrieb quasi zum Erliegen gebracht hat. Wer vorne einsteigen will, muss umdrehen und hinten sein Glück versuchen. Wer raus muss, hat ein gröberes Problem. Gar nicht so leicht, gegen einen Strom hektischer Pendler anzuschwimmen. So geht das eine Haltestelle, zwei Haltestellen, drei Haltestellen.

Der Chauffeur, immerhin die einzige Person mit Hausrecht, entscheidet sich gegen eine Intervention. Ich kann das verstehen. Wer will schon am nächsten Tag unter der Überschrift «Herzloser Chauffeur wirft Mutter mit Kinderwagen aus dem Tram» im Boulevard auftauchen? Die Zähneknirscher bleiben natürlich passiv. Das wäre dann der zweite Teil des Problems: Wer sich heutzutage öffentlich gegen eine Mutter mit Kind stellt, hat einen schweren Stand. (Wenn Sie nun nicken, dann lesen Sie unbedingt weiter!)

Ich glaube, grösser als der Kinderwagen im Durchgang ist aber das vorliegende Missverständnis. Es geht weder darum, das Mami samt Baby auf die Strasse zu setzen, noch darum, recht zu behalten, für Recht zu sorgen oder (zum gefühlten dreimillionsten Mal) festzuhalten, dass die Mütter von heute keinen Anstand mehr haben. Nein, ich bin überzeugt, dass es einzig darum geht, eine gute Lösung zu finden. Gut heisst in diesem Fall: anständig, freundlich und vor allem vorwurfsfrei.

Warum hat niemand das Mami angelächelt und vorgeschlagen, ihm beim nächsten Halt bei der Züglete (über den Aussenweg) nach hinten zu helfen? Das wäre übrigens auch für den Chauffeur ein guter Ansatzpunkt gewesen. Was all die Böseblicker nämlich vollkommen ausblenden, ist, dass die Mutter sehr wohl merkt, wie misslich ihre Lage ist. Auch auf die Gefahr hin, dass ich (mal wieder) weltverbesserisch klinge: Es ist viel gesünder, mit vereinten Kräften einen Kinderwagen durch die Gegend zu lupfen, als Kauleisten abzunutzen und Hosensäcke von innen zum Platzen zu bringen.

Autor: Bettina Leinenbach