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18. Juli 2016

Trachten für Schwinger

Wer als Schwinger etwas auf sich hält, trägt am Eidgenössischen einen massgeschneiderten Anzug. Der Berner Kranzschwinger Philipp Reusser lässt sich Jacke und Hose in einer auf Trachten spezialisierten Schneiderei anfertigen.

Schwinger Philipp Reusser und die Schneiderin Jacqueline Brechbühl in der Schneiderei zum Mutz in Grosshöchstetten BE. Schwinger Philipp Reusser und die Schneiderin Jacqueline Brechbühl in der Schneiderei zum Mutz in Grosshöchstetten BE.
Schwinger Philipp Reusser und die Schneiderin Jacqueline Brechbühl in der Schneiderei zum Mutz in Grosshöchstetten BE.
Schneiderin Jacqueline Brechbühl nimmt die Masse
Schneiderin Jacqueline Brechbühl nimmt die Masse.

Eigentlich verbringt Schwinger Philipp Reusser (24) den Sommer mit 40 Milchkühen auf der Alp. Heute Morgen aber ist er nach dem Melken ins Tal gestiegen, um in der Schneiderei zum Mutz in Grosshöchstetten BE vorbeizuschauen.
Der Mutz, die zur Berner Tracht gehörende Jacke mit kurzen Ärmeln, den er sich vor zwei Jahren dort hat anfertigen lassen, muss von Gebrauchsspuren befreit werden. Und er braucht eine neue Hose. Die alte hat er gesprengt, da er im vergangenen Jahr noch etwas muskulöser geworden ist.

Reusser steht derzeit auf Rang 64 in der Gesamtwertung und hat bisher 16 Kränze gewonnen. Am 20. Juli entscheidet sich, ob er fürs Eidgenössische aufgeboten wird. Dass er als «Böser», wie die Spitzenschwinger in der Szene genannt werden, aus dem Wettkampf hervorgeht, wagt er nicht zu hoffen. Seine Sennentracht fürs Eidgenössische will er für den Fall der Fälle trotzdem auf Vordermann bringen lassen.

Stillhalten fürs Massnehmen

Wie ein Fels steht Reusser zwischen Nähmaschinen, Stoffbahnen und Fadenspulen, während die Schneiderin Jacqueline Brechbühl (46) ihn mit dem Massband vermisst. Der junge Mann ist offensichtlich nicht ganz in seinem Element.

Altes Handwerk, altes Werkzeug: Die Maschinen der Schneiderei zum Mutz sind teilweise über 30 Jahre alt.
Altes Handwerk, altes Werkzeug: Die Maschinen der Schneiderei zum Mutz sind teilweise über 30 Jahre alt.

Damit die genommenen Masse tatsächlich stimmen, ist eine entspannte Körperhaltung wichtig. Schneiderin Brechbühl stellt Reusser ein paar belanglose Fragen. Ein bewährter Trick, der zwar aus einem Schwinger noch keine Plaudertasche macht, aber ablenkt und seine Haltung etwas lockert.

Schnittmuster, die individuell angepasst werden
Schnittmuster, die individuell angepasst werden.

Während die braune Hose aus Trevira-Wolle relativ schlicht daherkommt, ist der Mutz aus schwarzem Samt ein wahres Prunkstück. Die Säume sind mit einer knallroten Bordüre abgeschlossen, deren Leuchtkraft sich durch ein weisses, parallel laufendes Band noch verstärkt. Die bis zur Mitte des Bizeps reichenden Puffärmel des Hemds scheinen sich förmlich aufzublähen und machen Schwinger Reusser um die Schulterpartie noch breiter, als er ohnehin schon ist.
Auf dem Revers prangen gestickte Edelweisse und Enziane. Und über Reussers Waschbrettbauch glänzen zwei Reihen Nickelknöpfe.


Im Bernbiet existieren verschiedene Schwingertrachten. Philipp Reusser trägt eine Mittelländische. Wie genau eine solche auszusehen hat, ist im Standardwerk «Unsere Berner Trachten» festgehalten. Ein Bildband, der im Atelier Mutz immer griffbereit liegt. Die Mittelländer-Männer sind darin auf nur einer Doppelseite dokumentiert: «Dadurch haben wir bei der Gestaltung etwas mehr Spielraum als bei den Damen», erklärt die Schneiderin. Motive, Materialien und Farben wild zusammenzuwürfeln, ist aber trotzdem nicht erlaubt.

Handarbeit und hohe Qualität

Die Schneiderei zum Mutz hat jahrzehntelange Erfahrung im Fertigen von Männertrachten. Das Team besteht aus fünf Teilzeitern. Mitarbeiter Paul Krähenbühl (64) hat seine Lehre einst im Betrieb gemacht und war bis vor Kurzem Teilhaber. Er ist vor allem fürs Nähen zuständig, das er vorwiegend in Heimarbeit erledigt.

Jacqueline Brechbühl ist seit 1989 in der Schneiderei tätig und hat sich auf die Kundenbetreuung, den Zuschnitt und das Anpassen spezialisiert. Viel Zeit nimmt auch der Einkauf in Anspruch: «Es wird immer schwieriger, die Materialien in der gewünschten Qualität zu finden.» Die aktuelle Herausforderung sind die Knöpfe. Der bisherige Lieferant, die Firma Schaerer & Co. AG in Bern, existiert nicht mehr. Die Suche nach einem gleichwertigen Ersatz läuft schon seit Längerem.

Jacqueline Brechbühl schneidet den Stoff für die Hose zurecht.
Jacqueline Brechbühl schneidet den Stoff für die Hose zurecht.

Die Handarbeit und die hohe Qualität der Materialien führen zu einem stolzen Preis von rund 1300 Franken für eine Tracht. Davon macht die Hälfte der Mutz aus. Verständlich, wenn man bedenkt, dass er aus 62 Einzelteilen besteht und vom Abmessen bis zur Fertigstellung knapp anderthalb Arbeitstage beansprucht. Während Jungschwinger oft noch mit einem vererbten Mutz unterwegs sind, gehört es zum guten Ruf eines Kranzschwingers, ein massgeschneidertes Stück zu tragen.

Besonders stolz ist Jacqueline Brechbühl, dass am letzten Eidgenössischen in Burgdorf BE mit Matthias Sempach und Christian Stucki gleich zwei Kühermutze aus ihrem Betrieb im Schlussgang waren. Und natürlich freut sie sich über jedes Bild in einer Zeitung, das eine Tracht aus ihrer Schneiderei zeigt. Übrigens: Die Mutze aus Grosshöchstetten erkennt man an den spitzen Ecken des Kragens und der straffen Form. Letztere wird durch die spezielle Verarbeitung der Einlage erzeugt. Mehr will die Schneiderin nicht verraten – Berufsgeheimnis.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Beat Schweizer