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13. Juli 2015

Wie die Hotellerie der Krise begegnet

Keine Branche ächzt so sehr unter dem starken Franken wie der Tourismus. Jetzt sind kreative Ideen gefragt! Viele Hoteliers haben bereits reagiert – zum Beispiel mit attraktiven Familienangeboten.

Hotelzimmer Tourismuskrise
Zimmer mit Aussicht: Die Schweizer Hotellerie steht vor schwierigen Zeiten.

Das Zauberwort heisst Qualität. Letzte Woche haben sieben Schweizer Familienhotels die neue Marke «Premium Swiss Family Hotels» gegründet. Die Hotels aus Morschach SZ, Braunwald GL, Davos GR, Laax GR, Lenzerheide GR und Losone TI kaufen gemeinsam ein, tauschen Wissen aus und bieten täglich und mindestens 50 Stunden pro Woche Kinderbetreuung ab 2 Jahren an.

«Der Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB), den Euro-Mindestkurs aufzuheben, stellt uns vor enorme Herausforderungen», sagt Walter Trösch, Präsident des «Swiss Holiday Parks» in Morschach und einer der Initiatoren. «Wir sehen unsere Chance nur in der Qualität.» Die Offensive ist nötig, denn die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich malt für den Schweizer Tourismus ein düsteres Bild: «Die Übernachtungszahlen der ausländischen Gäste sinken je nach Herkunftsland zum Teil signifikant.» Die Schweizer Hotels müssen sich auf eine schwierige Saison einstellen und setzen vermehrt auf heimisches Publikum.

Nur in Zermatt VS sehen die Aussichten besser aus, weil 2015 das 150-Jahr-Jubiläum der Matterhorn-Erstbesteigung zusätzliche Touristen bringen wird und der Ferienort eine starke Marke ist. Laut Daniel Lauber, Direktor des Zermatter Cervo Mountain Boutique Resorts, hat der SNB-Entscheid praktisch keine Auswirkungen auf das Geschäft im Wallis. «Der Sommerbuchungsstand ist zufrieden­stellend. Trotz des schwachen Euros bieten wir noch immer eine gute Dienstleistung.
Es wäre deshalb falsch, wenn wir nun am Preis schrauben würden.»

Das liesse sich auch deshalb nicht rechtfertigen, weil die Mehrheit der Fixkosten im eigenen Land anfällt. Konkret: Bei Kurt Baumgartner, Besitzer der Hotels Belvair, Belvédère und Guarda Val in Scuol GR, machen die im Gesamtarbeitsvertrag festgelegten Löhne 40 Prozent und die Lebensmittel 20 Prozent der Kosten aus. Das Unterengadin ist nicht Zermatt: «Als Folge der Euroschwäche können wir 15 Sommerstellen unserer 165-köpfigen Belegschaft nicht mehr besetzen. Die Ferienhotellerie wird in massive Schwierigkeiten geraten», prophezeit Baumgartner. Obwohl 80 Prozent seiner Kunden aus der Schweiz stammen, rechnet er 2015 mit einem Gästerückgang von gut 10 Prozent.

Wie gut das Geschäft für die Schweizer Hotellerie dieses Jahr wird, hängt laut Andreas Züllig nicht nur vom Wechselkurs ab. Der Gastgeber des Hotels Schweizerhof auf der Lenzerheide (ebenfalls eines der sieben «Premium Swiss Family Hotels») und Präsident von Hotelleriesuisse: «Die wichtigste Währung ist der Wettergott. Wenn die Sonne scheint, entscheiden sich viele Gäste kurzfristig, ein paar Tage in die Berge zu reisen.»

Im Gegensatz zu den Kollegen aus Zermatt und Scuol dreht Züllig in seinem Haus an der Preisschraube. Der «Schweizerhof» feiert dieses Jahr den 111. Geburtstag, deshalb bietet er ausserhalb der Ferienzeit von Sonntag bis Donnerstag Übernachtungen zu 111 Franken pro Person an, Frühstück inklusive. Züllig will mit Zusatzleistungen seine Zimmer füllen. Während der Schulferien veranstaltet er unter anderem Wissenschaftswochen für Kinder mit Lehrern, die vor Ort physikalische ­Experimente durchführen. Er ist sich jedoch bewusst, dass alle diese Aktionen kaum genügen. Bessere Rahmenbedingungen seien nötig, so Züllig, auch auf politischer Ebene. «Wir müssen über die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative diskutieren und Saisonniers ohne Bürokratie einstellen können.»

Immerhin: Für die Einheimischen ist das Reiseland Schweiz nicht teurer geworden – im Gegenteil. Sie profitieren jetzt von Zusatzleistungen, die zum gleichen Preis erhältlich sind.

Autor: Reto Wild