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19. September 2011

Total relaxed – tief religiös

Tel Aviv ist jung und sexy. Nichts steht so sehr für das moderne Israel wie die Mittelmeerstadt. Jerusalem ist die Stadt der Gläubigen: 1004 Synagogen, 158 Kirchen, 73 Moscheen. Wer Jerusalem und Tel Aviv kennt, versteht Israel.

Ölberg mit dem jüdischen Friedhof
Heiligtümer, so weit das Auge reicht: Der Ölberg mit dem jüdischen Friedhof bietet die beste Aussicht auf die Jerusalemer Altstadt und den Felsendom.

Aus sechs Monaten wurden sechs Jahre. Die Zürcher Balletttänzerin Lissa Manetsch (28) plante 2005, für ein halbes Jahr nach Tel Aviv zu gehen. «Ich kam spät in die Pubertät und stürzte mich ins Nachtleben», begründet die Tochter einer jüdischen Israelin und eines katholischen Bündners ihren Schritt. Seither lebt sie in der «Stadt, die niemals schläft» und verdient von Sonntag bis Freitag Geld mit Tanzen beim Israel Ballett. Am Samstag, dem jüdischen Ruhetag Sabbat, hat sie frei.

Lissa Manetsch (28)
Die Zürcherin Lissa Manetsch (28) lebt seit 2005 in Tel Aviv. An der Stadt liebt sie das stets vorherrschende Feriengefühl.

Für die diplomierte Bühnentänzerin ist die erste moderne jüdische Stadt einzigartig. «Tel Aviv pulsiert und ist im Alltag trotzdem locker, voller Widersprüche und ohne Grenzen. Hier ist alles möglich, und dies zu jeder Zeit.» Lissa, als Schweizerin von den Israelis Miss Toblerone genannt, meint damit Kleiderläden wie die der israelischen Modekette Castro, in denen man bis um ein Uhr morgens shoppen kann. Oder Staus um Mitternacht, weil die Nachtschwärmer erst dann in den Ausgang gehen. Oder Warteschlangen im Supermarkt morgens um vier. Oder dass sie selbst im November noch mit Flipflops dem fünf Kilometer langen Sandstrand entlangschlendern kann. «In der Schweiz kämpft man gegen die Routine, hier wünscht man sie sich. Alles ist spontan. So entsteht ein stetes Feriengefühl.»

Tel Avivs Mischung aus Stadt- und Strandleben ist einmalig.

Sie sagt mit einem Lächeln: «Jede Frau wird hier wie eine Prinzessin behandelt.» Lissa erzählt vom Kioskbesitzer, der ihr drei Jahre lang täglich eine Rose schenkte – ohne Hintergedanken. In ihrer Freizeit zieht es sie, die in Zürich-Wollishofen aufgewachsen ist, an den Strand, weil dies der Ort ist, «wo die Zeit kaum eine Rolle spielt».

In Tel Aviv nimmt man alles etwas lockerer.
Noch schnell ein paar Wellen, dann kann der Tag beginnen: In Tel Aviv nimmt man alles etwas lockerer.

Am Sabbat kauft sie oft eine Flasche israelischen Schaumwein und pilgert zum Mittelmeer, wo sie diesen im Schatten einer Bademeisterhütte schlürft. Dann und wann begleitet sie ihr israelischer Freund, ein 32-jähriger Chefkoch. «Diese Kombination von Stadt- und Strandleben ist einmalig. Ich kann von April bis November schwimmen», sagt Lissa begeistert. Dabei verschweigt sie, dass der feinsandige Strand am Samstag dicht bevölkert ist mit Sonnenanbetern, Beachtennisspielern und Joggern. Und an der Promenade unter dem Hotel Sheraton werden zu melodiösen israelischen Volksweisen die Alltagssorgen aus den Knochen getanzt. Tel Aviv vibriert dann wie eine Mischung aus Rio de Janeiro, Miami Beach und Playa de Palma.

Trotzdem hat Tel Aviv einen eigenen Stil. Architektonisch dominieren rund 4000 Gebäude aus der Bauhaus-Ära. Das ist weltweit die grösste Ansammlung von Bauten im Bauhausstil – ein Stil, der die Architektur vor dem Zweiten Weltkrieg revolutionierte. 2003 wurde Tel Aviv gar von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt.

Tel Aviv
Tel Avivs Mischung aus Stadt- und Strandleben ist einmalig.

Tel Aviv ist auch Israels kulinarische Hauptstadt

Die Widersprüche, von denen Lissa spricht, manifestieren sich rund um den Rothschild-Boulevard, die Lebensader der Stadt: Überall entstehen neue Wolkenkratzer, die sich vor den zerfallenden Häusern erheben. Glücklich ist, wer eine Immobilie besitzt: Wohnungen im Trendviertel Neve Zedek sind teilweise teurer als in Zürich.

«Miss Toblerone» gibt zu bedenken, dass die Israelis durchschnittlich monatlich lediglich 6000 Schekel, also rund 1400 Franken, verdienen. Das ist zwar für den Nahen Osten relativ viel Geld. Doch das Leben in Israel ist deutlich teurer als etwa in Ägypten. Selbst beim Essen zeigen sich die Widersprüche: In-Lokale wie das «Herbert Samuel» verlangen fast so viel wie Restaurants in der Schweiz – mit zwei entscheidenden Unterschieden: Die Portionen sind doppelt so gross, und die israelischen Weine, die international für Furore sorgen, deutlich preiswerter als die aus der Schweiz. Wer will, kann an einem Imbissstand auch für eine Handvoll Schekel in ein mit Falafel, Humus und Koriander gefülltes Pitabrot beissen.

Tel Aviv
Tel Avivs Mischung aus Stadt- und Strandleben ist einmalig.

Neve Zedek, der älteste Teil Tel Avivs, gleich neben dem historischen Jaffa gelegen, ist für Lissa das «hippste Quartier der Stadt». Neue Cafés, Weinbars, Restaurants und Boutiquen sind entstanden – vor allem in der Shalom Shabazi Street. Kunstgalerien, auffallend viele Coiffeursalons, Immobilienfirmen sowie wöchentlich zehn Restaurantneueröffnungen (bei sieben Schliessungen) zeugen vom Boom in der Stadt der Lebensfreude. Tel Aviv gilt als kulinarische Hauptstadt Israels, wo die Chefs mediterrane Menüs komponieren.

Neben Neve Zedek geht Lissa auch gerne in Jaffa aus, etwa im Club «Cats & Dogs» an der Carlebach Street. «Das ist ein Ort, wo man in einer Nacht 30 Jahre älter werden kann», warnt die Balletttänzerin. Danach könnte der jungen Frau eine Dosis Jerusalem kaum schaden. «Die Stadt ist konservativ, architektonisch schön und durch die Religionen unbeschreiblich energiegeladen», sagt sie über die Hauptstadt des Landes.

Jerusalem soll zum kulturellen Zentrum werden

Wer von Tel Aviv die Autobahn nach Jerusalem hochfährt, taucht nach weniger als einer Stunde in eine komplett andere Welt ein mit mehr als 1000 Synagogen, 158 Kirchen und 73 Moscheen. Am Mittelmeer dominiert Bademode, in Jerusalem fallen die vielen orthodoxen Juden mit den schwarzen Kleidern auf. Soldaten mit kugelsicheren Westen erinnern daran, dass sich die vom jüdischen König David vor 3000 Jahren gegründete Stadt mitten in einem Konfliktgebiet befindet. Am Sabbat wirkt die sonst so belebte Jaffa-Strasse Jerusalems wie ausgestorben. Es fahren weder Busse noch die Trams, die erst vor vier Wochen – nach jahrelangen Verzögerungen – den Betrieb aufgenommen haben. In der «Stadt des Friedens», was Jerusalem auf Deutsch heisst, respektiert die Mehrheit der jüdischen Einwohner den Sabbat, so, wie es in der Bibel steht.

Gabriel Strenger (46)
Gabriel Strenger (46) lebt seit 1990 in Israel. Der Basler zieht das besinnliche Jerusalem dem hektischen Tel Aviv vor.

Auch Gabriel Strenger (46) hält sich an den jüdischen Feiertag. Der Basler, der vor gut 20 Jahren nach Jerusalem ausgewandert ist, wohnt heute in Ost-Talpiot, rund 15 Fahrminuten von der Altstadt mit der bekannten Klagemauer und der goldenen Kuppel des Felsendoms entfernt. Der Vater von zwei Söhnen und zwei Töchtern ist ein weltlicher, religiöser Schweizer Jude. Trotz seiner Liebe zur Schweiz bezeichnet der Dozent an der Hebrew University Jerusalem als seine Heimat. An ihr schätzt er, die «fantastischen Winter mit viel Sonnenschein, das grosse Angebot an koscheren Restaurants sowie die Nähe zum Toten Meer». Über all dem steht für ihn die kulturelle Atmosphäre Jerusalems. Bürgermeister Nir Barkat erklärte, er wolle Jerusalem, das kulturelle Zentrum, als internationales Tourismusziel aufbauen. «Hier findet fast jeden Abend ein Vortrag über Judentum, Geschichte, Kunst, Philosophie oder Film statt», sagt Strenger. Der Diplompsychologe hält jeden Donnerstagabend Vorträge über jüdische Mystik und Psychoanalyse.

Ich schätze die kulturelle Atmosphäre von Jerusalem.

Jerusalem
Tel Avivs Mischung aus Stadt- und Strandleben ist einmalig.

Im Gegensatz zu Lissa, die sich als Frau Tag und Nacht überall in Tel Aviv sicher fühlt, meidet er beispielsweise das arabische Dorf Arab al Sawahira in seiner Nachbarschaft. «Weil ich eine Kippa trage, erkennen mich die Araber als Jude. Gehe ich dorthin, weiss ich nicht, ob ich lebendig zurückkomme.» Die jüdische Mehrheit und die arabische Minderheit leben nicht miteinander, sondern nebeneinander. Schulsysteme und kommunale Dienstleistungen laufen weitgehend separat. «Den Ölberg und seine arabische Nachbarschaft, wo meine Grosseltern begraben sind, kann ich nur in Begleitung bewaffneter Sicherheitsbeamter besuchen. Ich wünsche uns verbesserte Beziehungen zu unseren arabischen Mitbewohnern», sagt Strenger mit ruhiger Stimme. Die Verarbeitung von Terroranschlägen gehört für ihn zum Alltag, betreut er doch als Psychologe Angehörige von Opfern. Just der für christliche Pilger wichtige Ölberg bietet einen fantastischen Blick auf die Altstadt Jerusalems – und am Morgen bestes Licht für Fotografen.

Gabriel Strenger vermisst die Ruhe und Sicherheit der Schweiz

Jerusalem
Tel Avivs Mischung aus Stadt- und Strandleben ist einmalig.

Obwohl Jerusalem nicht die Laissezfaire-Mentalität Tel Avivs ausstrahlt und ausser an Sabbat ein permanenter Verkehrsinfarkt droht, bietet die grösste israelische Stadt durchaus Lebensqualität. Viel dazu beigetragen hat die verkehrsfreie Mamilla Shopping Mall. Sie befindet sich in der Nähe des Jaffa-Tors der Altstadt und wurde vor drei Jahren unter anderem mit Läden von Rolex, H. Stern, Nike oder Castro eröffnet. Die Mauern der Gebäude strahlen im sandfarbenen Jerusalemstein, so, wie es das Gesetz vorschreibt. «Mamilla war einst ein Armutsviertel. Auf dem Weg zur Altstadt trinke ich dort gerne einen Kaffee», sagt Strenger. Im oberen Teil der Jaffa-Strasse befindet sich der Machane-Yehuda-Markt, wo Strenger Früchte, Gemüse, Kräuter oder Oliven einkauft. Zum Essen mag er die Restaurants in der Emek-Refaim-Strasse, wo im Südwesten der Stadt am Freitag ein Flohmarkt ist.

Am selben Tag zieht es Strenger manchmal zum Geburtsort Johannes des Täufers, ins dörfliche Ein Karem, und danach in den Jerusalemer Wald auf einen Spaziergang. Dort sucht der Heimwehschweizer nach dem, was er von seiner alten Heimat am meisten vermisst: Ruhe und Sicherheit. Trotzdem kommt für ihn eine Rückkehr in die Schweiz nicht in Frage und ein Wohnortwechsel nach Tel Aviv genauso wenig: «Die Stadt am Mittelmeer ist mir im Sommer zu heiss und zu schwül. Ich habe kein Bedürfnis nach einem 24-Stunden-Betrieb und ziehe Besinnlichkeit vor. Hätte Jerusalem einen Strand, wäre es für mich die perfekte Stadt.» Das israelische Bonmot, wonach man in Haifa arbeitet, in Jerusalem betet und in Tel Aviv lebt, ist also nicht ganz falsch.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Markus Mallaun