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02. Mai 2016

Tödliches Mahl auf der Kuhweide

Kuh Agnes verendete leidvoll – vermutlich, weil sie Aluminium verschlang: Via Facebook macht ihr Besitzer, der Walliseller Bauer Thomas Rinderknecht, auf das Littering-Problem aufmerksam. Weil Weiden zunehmend vermüllt werden, fordern Landwirte nun Bussen.

Bauernverband reagiert auf die Vermüllung
Mit Plakaten gegen die Unsitte: Der Schweizer Bauernverband reagiert auf die zunehmende Vermüllung von Weiden. (Bild: ExPress AG)

Plastiksäcke, Getränkedosen, Hundekot: Jedes Kind weiss, dass es solche Dinge nicht einfach auf einer Wiese entsorgen sollte.
Der Walliseller Bauer Thomas Rinderknecht (33) weiss aus Erfahrung, was passieren kann, wenn solche Abfälle im Gras landen: Vor wenigen Tagen ist seine Kuh Agnes zugrunde gegangen, vermutlich an einem Aluteil (unten: im Interview).

Um solche Fälle zu verhindern, hat der Schweizer Bauernverband Plakate und Broschüren lanciert, auf denen Kühe Dinge sagen wie «Ich esse lieber Gras statt Müll. Danke.» oder «Abfall macht mich krank!». Tatsächlich habe die Aktion bewirkt, dass das Littering bei etwa der Hälfte der Landwirte etwas eingeschränkt werden konnte, wie der Bauernverband berichtet. Insgesamt habe das Problem aber erheblich zugenommen: Noch immer landen zu viele Abfälle auf Kuhweiden, am häufigsten Getränke- und Esswarenverpackungen, Zigarettenkippen und -schachteln.

Besonders gefährlich sind harte Gegenstände aus Metall oder Glas, die von Mähern zu Kleinstteilen zerstückelt werden und danach ins Futter gelangen. Während Glassplitter eher durch das Heu hindurch zu Boden fallen, bleiben leichte Aluteile oft darin stecken.

Der Bauernverband setzt nun auf die Wirkung von Geldbussen. Eine Initiative, die das Parlament zurzeit behandelt, fordert, dass Littering schweizweit als Straftat geahndet werden soll. Geht es nach dem Bauernverband, zahlt, wer sich beim Entsorgen von Abfall auf Kuhweiden erwischen lässt, künftig 300 Franken. 

Thomas Rinderknecht (33) ist Bauer in Wallisellen ZH
Thomas Rinderknecht (33) ist Bauer in Wallisellen ZH

DAS INTERVIEW

«In den elf Jahren ist mir Agnes ans Herz gewachsen. Ich kannte jede ihrer Macken»

Thomas Rinderknecht (33) ist Bauer in Wallisellen ZH

Thomas Rinderknecht, Ihre Kuh Agnes ist vermutlich wegen Abfall im Futter gestorben. Auf Facebook haben Sie um sie getrauert: Ihr Post wurde über 20'000-mal geteilt und hundertfach geliked. Hat Sie diese Anteilnahme getröstet?
Es macht die Kuh zwar nicht wieder lebendig, aber es hat uns erstaunt, wie viele Leute reagiert haben und sich offenbar bewusst machen, welche Folgen die Abfälle auf den Weiden haben können. Dieser Effekt ist super.

Warum glauben Sie, dass Agnes an Abfällen gestorben ist, die sie gefressen hat?
Es kann praktisch keinen anderen Grund geben: Sie war elf Jahre alt und hatte nie Beschwerden. Als sie krank wurde, entdeckte der Tierarzt Flüssigkeit im Pansenmagen. Vermutlich hatte ein scharfer Gegenstand die Magenwand verletzt, sodass Flüssigkeit eintreten konnte.

Wie kommt ein Fremdkörper in einen Kuhmagen? Die Tiere fressen ja keine Gummibälle oder Aludosen.
Autofahrer, die an der Weide vorbeifahren, schmeissen ihren Abfall einfach raus – nicht aus böser Absicht, sondern aus Gleichgültigkeit und Gedankenlosigkeit. Aludosen werden beim Mähen zerkleinert und landen dann im Futtertrog. Selbst ein Metalldetektor würde die Teile nicht orten.

Wann haben Sie gemerkt, dass mit der Kuh etwas nicht stimmte?
Vor ein paar Wochen war sie plötzlich lustlos, ass nicht mehr schön und sonderte sich von der Herde ab. Der Tierarzt gab ihr Schmerzmittel und Antibiotika, weil wir zuerst dachten, es könnte eine Entzündung sein.
Die Medikamente halfen aber nichts. Deshalb beschlossen wir nach drei Wochen, sie gehen zu lassen.

Was heisst das? Schlachten lassen?
Nein, wir liessen sie sterben. Wir liessen sie vorletzten Mittwoch ein letztes Mal aus dem Stall. Sie gelangte nur noch mit letzter Kraft auf die Weide. Dort ist sie dann gestorben. Ihr Kalb Lara war dabei – wir wollten, dass die beiden so lange wie möglich zusammen sind. Da haben wir dann das Foto für Facebook gemacht.

Ein herber Verlust...
Ja. Agnes war schon als Kalb bei mir. In den elf Jahren ist sie mir ans Herz gewachsen; ich kannte jede ihrer Macken. Am schlimmsten war, sie so leiden zu sehen.

Auf Facebook unterstellen Ihnen einige User Heuchelei, weil Sie ja vom Fleischkonsum leben.
Das streite ich auch nicht ab. Es geht aber um etwas anderes: Wir suchen bei der Tierhaltung den natürlichen Weg und betreiben Mutterkuhhaltung. Deshalb haben wir Agnes auch sterben lassen, statt sie zu schlachten. Es ist unschön, wenn zum Beispiel Vegetarier die Geschichte für ihre Anliegen nutzen und die Fleischproduktion bei dieser Gelegenheit wieder anprangern.

Welchen finanziellen Verlust bedeutet Agnes’ Tod für Sie?
Wenn wir sie hätten schlachten lassen, hätten wir 3000 bis 4000 Franken bekommen. Die fallen weg, denn eine Kuh, die verstorben ist, muss entsorgt werden. Agnes war ausserdem eine Mutterkuh. Das macht ihren Verlust noch grösser, denn ihr Kalb Lara wächst ohne Muttermilch weniger rasch heran.

Der Bauernverband bietet Tafeln an, die vor den Folgen von Littering warnen.
Wir haben etwa zwölf Stück bei uns aufgestellt. Aber solche Plakate gehen in der heutigen Informationsflut unter. Die Facebook-Aktion hat viel mehr gebracht. Darüber sind wir froh, auch wenn uns die Aufmerksamkeit vorübergehend zu viel wurde. Meine Frau hat das Ganze sehr belastet. Aber wenn wir nur schon drei Menschen von Littering abhalten können, hat es sich gelohnt. 

Autor: Yvette Hettinger