Archiv
19. Mai 2014

Tod in den ersten Tagen

Die Schweiz steht bei der Neugeborenensterblichkeit in Europa auf dem dritten Platz: Hat unsere Medizin ein Qualitätsproblem?

Frühchen im Brutkasten: Schwieriger Start ins Leben.
Frühchen im Brutkasten: Schwieriger Start ins Leben.

Diese Zahl irritiert: In der Schweiz starben im vergangenen Jahr 2 von 1000 Kindern innerhalb der ersten sechs Lebenstage (siehe Grafik unten). Damit steht unser Land in Westeuropa auf dem dritten Platz, zusammen mit Irland. Nur gerade in Malta und Grossbritannien sterben noch mehr Kinder vor Erreichen des siebten Lebenstags, das zeigt eine weltweit durchgeführte Studie des Institute for Health Metrics and Evaluation der University of Washington in Seattle (USA).

Die unvorteilhafte Platzierung der Schweiz wirft Fragen auf: Hat unser Land ein Qualitätsproblem in dieser Disziplin der Medizin, die sich um die Versorgung von Neugeborenen kümmert, der sogenannten Neonatologie? «Dieses Resultat ist kein Qualitätsmesser für die Medizin. In der Schweiz zählt ein Kind, das nach der Geburt als einziges Lebenszeichen einen langsamen Herzschlag zeigt, als lebend geborenes und nach wenigen Minuten verstorbenes Kind. In vielen Ländern wird ein solches Kind als totgeborenes erfasst und deshalb bei der Kindersterblichkeit nicht gezählt», sagt Hans Ulrich Bucher (66), emeritierter Professor für Neonatologie der Universität Zürich. «Dazu kommt, dass wir in der Schweiz zurückhaltend sind beim Einsatz von Intensivmedizin bei extrem Frühgeborenen und bei Kindern mit schwersten Fehlbildungen. Wir möchten einem Kind mit äusserst geringer Überlebenschance ein langes, sinnloses Leiden ersparen und begleiten es deshalb liebevoll beim Sterben.»

Die 2012 revidierten schweizerischen Empfehlungen erwägen deshalb in der Regel eine Intensivbehandlung erst ab 24 vollendeten Schwangerschaftswochen, während in Deutschland und in Skandinavien diese Grenze tiefer angesetzt wird. Da viele Faktoren die Prognose eines Kindes beeinflussen, soll eine Entscheidung gegen oder für eine Intensivbehandlung bei jedem Kind individuell abgewogen und von Ärzten, Pflegenden und Eltern gemeinsam getroffen werden.

Lesebeispiel: In der Schweiz sterben 2 von 1000 Kindern in den ersten sechs Lebenstagen. Quelle: Institute for Health Metrics and Evaluation in «The Lancet».
Lesebeispiel: In der Schweiz sterben 2 von 1000 Kindern in den ersten sechs Lebenstagen. Quelle: Institute for Health Metrics and Evaluation in «The Lancet».