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13. April 2015

Tochter der Mutter

Tochter und Mutter
Wie aus dem Gesicht geschnitten? Tochter und Mutter ... (Bild: iStockPhoto)

Ich bin neulich ums Haar vom Velo gefallen. Vor Schreck wohlgemerkt. Und das kam so: Während ich die Strasse entlangstrampelte, sah ich plötzlich aus dem Augenwinkel meine Mutter. Ich wollte schon «Hoi!» rufen. Da wurde mir schlagartig klar, dass die Frau, die mein Gehirn als «Mami» einsortiert hatte, gar nicht meine Mutter war. Dieser Mensch, der etwas ungelenk auf dem Velo hing, war ich. Ich hatte mein Spiegelbild in der Scheibe eines Schaufensters «entdeckt». Das muss man erst mal verkraften.

Meine Mutter hat dunkle Haare, ich habe helle, sie hat braune Augen, ich habe grüne, ihre Nase ist römisch, meine eher das Modell Knolle. Abgesehen davon würde sie niemals Meeresfrüchte essen oder beim Autofahren fluchen. Sie sehen, wir könnten nicht unterschiedlicher sein. Ich gleiche – wenn überhaupt – dann eher meiner Grossmutter mütterlicherseits. «Im Spital nach der Geburt vertauscht» wäre auch noch eine Option.

Und trotzdem: Je älter ich werde, desto ähnlicher werde ich der Frau, die mich zur Welt gebracht hat. Ihre Mimik, ihre Gestik, ihre Marotten – alles mehr und mehr auch bei mir vorhanden. Ich werde das Gefühl nicht los, dass meine Zellen Amok laufen und nun mit Vollgas daran arbeiten, um doch noch die Familienähnlichkeiten herzustellen. Neulich spielte Herr Leinenbach während eines klitzekleinen Ehedisputs genau diese Karte aus. Ich war gerade auf 180 und wollte schon nach dem Tellerstapel greifen, da sagte er: «Jetzt guckst du genau wie deine Mutter.» – Schluck. Worüber hatten wir uns gerade gestritten?

Bevor Sie mir daraus einen Strick drehen: Ich behaupte, es ist normal und gesund, dass sich die jüngere Generation von der älteren unterscheiden möchte. So gesehen schadet es also nicht, wenn sich die Nachkommen früh abgrenzen und auf ihrer Individualität bestehen. Es ist übrigens genauso normal, dass Eltern es schön finden, wenn ihre Kinder ihnen «wie aus dem Gesicht geschnitten» oder ihnen vom Wesen her ähnlich sind. Wenn man seine Erbanlagen weitergereicht hat, dann sollte man das verdammt noch mal auch sehen.

Neulich sass meine Sechsjährige auf meinem Schoss und spielte gedankenverloren in meinen Haaren. Sie griff nach einer meiner Locken und zog und zog und zog. Dann liess sie die Spirale wieder fahren, schüttelte sich, verzog ihr kleines Gesicht und meinte trocken: «Bin ich froh, dass ich nicht solche Wuschelhaare wie du habe.» Noch Fragen?

Autor: Bettina Leinenbach