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29. Juni 2015

Tipps für Junge Tramper

Linda Kost und Carlotta Ehrenzeller reisten nach der Matur sechs Monate lang als Backpacker durch Südamerika. Ihre Eltern waren erst besorgt. Die seriöse Vorbereitung der Töchter überzeugte sie dann aber.

Mit Rucksack und viel Optimismus: Carlotta Ehrenzeller (links) und Linda Kost vor der Abreise.
Mit Rucksack und viel Optimismus: Carlotta Ehrenzeller (links) und Linda Kost vor der Abreise.

Es war Silvester vor zwei Jahren, als Carlotta Ehrenzeller und Linda Kost ihren Eltern von ihrem gemeinsamen Neujahrsplan erzählten: eine Reise durch Mittel- und Südamerika. Linda und Carlotta allein, mit dem Rucksack, sechs Monate lang. Dieser Plan liess ihre Eltern erst einmal leer schlucken. Die zwei 19-Jährigen, die sich am Gymnasium kennengelernt haben, lachen, als sie sich an die erste Reaktion der Eltern erinnern. «Sie machten sich viel mehr Gedanken darüber, was alles passieren könnte», erzählt Carlotta. Und so stellten die Eltern dann auch zwei Bedingungen: «Wir mussten ihnen einen zeitgenauen Routenplan vorlegen und versprechen, dass wir um Kolumbien einen grossen Bogen machen, weil es zu gefährlich sei», so Linda.

Die Befürchtungen waren unbegründet

Bereits während der Schulzeit hatten die beiden Baslerinnen dank Nebenjobs genug Geld für die Reise gespart. Doch zuerst mussten sie einige Fragen klären. Wann soll es losgehen? Sollen sie zuerst einen Freiwilligeneinsatz machen und dann reisen, oder doch lieber umgekehrt? Welche Strecke lässt sich in sechs Monaten zurücklegen? Was gehört überhaupt in den Rucksack? Sie lasen sich durch Reiseführer, druckten sich Packlisten aus dem Internet aus, liessen sich in Reisebüros beraten und buchten schliesslich einen Flug. Destination: San José, die Hauptstadt von Costa Rica.

Untentbehrlich: Bauchgurttasche für Kreditkarten.

«Wir entschieden uns bewusst für Costa Rica. Es ist klein, sicher, und meine ältere Schwester kannte das Land von ihrer eigenen Reise», erzählt Carlotta. Als sie in San José landeten, war es bereits spät nachts. Das Hostel hatten sie von der Schweiz aus gebucht, ebenso wie die Fahrt vom Flughafen dorthin. Die Sprache klang vertraut, denn Spanisch war Carlottas und Lindas Schwerpunktfach am Gymnasium. Eines der ersten Fotos der Reise zeigt Carlotta, wie sie frühmorgens mit einer Tasse Tee in der Hand auf einer Terrasse sitzt, im Hintergrund die gewaltige Skyline der Millionenstadt San José. Bereits am ersten Abend im Hostel lernten Linda und Carlotta andere junge Backpacker kennen und entschieden sich spontan, mit ihnen umherzureisen. «Ich glaube, wir waren erst nach sechs Wochen zum ersten Mal wirklich allein unterwegs», erinnert sich Linda.

Dass die meisten Vorurteile und Ängste unberechtigt waren, stellten Carlotta und Linda bereits nach kurzer Zeit fest. «Aufgrund dessen, was uns die Leute daheim erzählt hatten, hatten wir es uns komplett anders vorgestellt. Oh nein, Südamerika! Die rauben dir die Organe, die rauben dir alles!» Doch so dürfe man nicht denken, sagt Linda. Letztlich müsse man die Erfahrung selber machen.

Untentbehrlich: Handy für Anrufe, Buchung des nächsten Hostels.

Linda und Carlotta bezeichnen sich selber als unkompliziert und offen. Während der Reise hätten sich diese Eigenschaften sogar noch verstärkt. Zu Beginn fuhren sie oft mit dem Taxi, buchten im Internet die Übernachtungen im Voraus. Monate später seien sie auf der Suche nach einer Herberge dann aber einfach drauflosspaziert – mit der Gewissheit im Bauch, dass sie früher oder später sicher einen Platz zum Schlafen finden würden.

In Peru waren Geld und Pass weg

Mit der Gelassenheit war es aber nach zweieinhalb Monaten plötzlich vorbei. «Es war in Peru, wir befanden uns auf einer Busfahrt und waren die einzigen Touristen. Unsere Stimmung war euphorisch und glücklich, weil die Reise bis dahin so super verlaufen war», erzählt Linda. Und genau dies seien wohl die gefährlichen Momente. Ihre Rucksäcke lagen unter den Bussitzen, anders als sonst warfen Carlotta und Linda nur selten einen Blick nach unten.

Untentbehrlich: Landkarten.

Als Carlotta ihr Handy hervorholen wollte, war es nicht mehr da, genauso wenig wie das Geld, das sie eben erst am Bancomaten bezogen hatte. Man hielt den Bus an, die Polizei sammelte die Identitätskarten aller Buspassagiere ein und stellte Fragen. Den beiden jungen Backpackerinnen war bereits zu jenem Zeitpunkt klar, dass man die Diebe nicht finden würde – nicht finden wollte. «Wir landeten auf der Polizeistation, wo sich niemand ernsthaft bemühte, uns weiterzuhelfen.» Alles Bargeld war weg, Carlottas Pass, ihr Mobiltelefon, Lindas Tablet.

Untentbehrlich: Reiseapotheke.

Und was noch viel schlimmer war: «All das Vertrauen, das wir in uns, in das Land und die Menschen aufgebaut hatten, war mit einem Schlag weg», sagt Carlotta. Es war der emotionale Tiefpunkt der ganzen Reise. Dass sie als Nächstes einen Zwischenstopp in der Stadt Cusco eingeplant hatten, um dort zwei Monate lang in Freiwilligenprojekten mitzuhelfen, kam gerade gelegen. «Das war sehr entspannend. Wir mussten nicht mehr mit dem Pass unter dem Kopfkissen schlafen. Unser Tagesablauf war geregelt, wir wussten, wo wir schlafen werden und dass es um 19 Uhr Nachtessen gibt.» Es galt, neuen Mut zu fassen, sich zu motivieren für die dritte und letzte Etappe.

Abschiedsschmerz gehört dazu

Auf insgesamt 6 Länder, 45 Orte, 60 Schlafplätze, 11 Tage und 17½ Stunden Busfahrt brachten sie es. An 45 Orten hätten sie Stücke von ihren Herzen zurückgelassen, schreiben sie im Reisetagebuch. Denn das Schöne am Reisen war zugleich auch das Schwierige: «Man lässt sich regelmässig auf neue Leute ein, hat eine gute Zeit und muss sich doch immer wieder verabschieden. Der Abschiedsschmerz gehört dazu – Abschied vom Ort, den Menschen oder der Person, die du dort warst», sagt Carlotta, und Linda nickt zustimmend.

Trotz des Vorfalls in Peru und trotz der vielen Abschiede, sind es die kleinen Glücksmomente, die ihnen in Erinnerung geblieben sind. Wie sie an Heiligabend am Strand in Costa Rica sassen und den Mini-Christstollen auspackten, den ihnen Carlottas Mutter zusammen mit anderen kleinen Geschenken mitgegeben hatte. Wie sie Lindas 19. Geburtstag im panamaischen Dschungel feierten, bei einer peruanischen Familie Quinoa-Suppe im Kerzenschein assen, auf den Machu Picchu stiegen, aus frischen Kokosnüssen tranken und auf einen riesigen Urwaldbaum kletterten.

Seit sechs Wochen sind Linda und Carlotta nun zurück in Basel – und denken schon wieder ans Weggehen: «Wir haben so viel von Südamerika nicht gesehen, wir müssen einfach noch einmal zurück», sagt Linda. Vielleicht, so der vage Plan, in drei Jahren, zwischen Bachelor- und Masterstudium. Ob Carlotta und Linda diese zweite grosse Reise wieder gemeinsam bestreiten werden? Sie lachen und antworten in entspannter Backpacker-Manier fast gleichzeitig: «Who knows – wer weiss!».

Autor: Nathalie Bursac

Fotograf: Matthias Willi