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19. Januar 2015

Tipps für eine gute Streitkultur

Auch ohne Kinder hilft es Paaren, wenn sie Auseinandersetzungen engagiert führen können – jedoch ohne die ganze Beziehung aufs Spiel zu setzen. Neben der nötigen Grundeinstellung zum Gegenüber fördern zehn Regeln die Streitkultur.

Das Ende der ersten Aggressionswelle abwarten
Es lohnt sich, vor dem konstruktiven Streitgespräch das Ende der ersten Aggressionswelle abzuwarten. (Bild: iStockphotos)

Für Familien mit Nachwuchs gilt es bei Streit besonders, ihm durch Verhalten und später vielleicht Erklärung klarzumachen, dass er nicht am Ursprung des Zwists steht oder gar dessen Grund ist ( Wenn Eltern streiten ). Insbesondere wenn es im Streit um Erziehungs- oder Betreuungsfragen geht, die ihn betreffen.

Im Übrigen verläuft eine Auseinandersetzung zwischen Partnern (wie auch zwischen engen Freundinnen oder täglich nahe zusammenarbeitenden Kollegen) idealerweise leb- und ernsthaft. Es geht ja auch häufig um wichtige Fragen des Zusammenlebens, sonst würde man in den meisten Fällen gar nicht streiten. Dennoch versucht man mit Befolgen folgender Punkte, den Respekt vor dem «Gegner» zu bewahren und zudem aus Eigeninteresse nicht vorschnell grossen Schaden anzurichten, den man später selbst bereut.
1. Streit wichtig nehmen: Wenn nicht für beide eine Lappalie zum Abreagieren von Aggressionen diente, die zumeist mit anderen Gründen als dem Partner zu tun hat, gilt es einen Streit erst einmal ernst zu nehmen. Also nicht plötzlich klein beigeben, alles verwischen oder sich einfach entfernen.
2. Geschützten Raum aufsuchen: Am besten versucht man, sich in der Familie, unter Freunden oder auch bei der Arbeit nur zu zweit an einen möglichst von Dritten ungestörten Ort zum Streiten zurückzuziehen.
3. Grösste Wut verrauchen lassen: Für die Stimmung, das Ausräumen grösserer Differenzen und das Finden einer gemeinsamen Ebene am Schluss lohnt es sich, zuerst einige Sekunden verstreichen zu lassen, bis das Aggressionspotenzial kontrollierbar(er) scheint.
4. Über die Aktualität reden: Unterschiedliche Standpunkte und Wahrnehmungen des eben Vorgefallenen geben schon genug zu tun. Deshalb meidet man besser frühere Ereignisse erst einmal. Ist man bei der Aktualität zu einem gemeinsamen Punkt gekommen, kann bei Einverständnis über die Beziehungshistorie gesprochen werden …
5. Dritte zuerst vergessen: Versuchen Sie, andere Mit- oder gar Nichtbetroffene möglichst ausser Betracht zu lassen, wenn sie nicht im Kern zum Streit gehören. Also kein: «Sie/Er findet auch, dass du …»
6. Ausgangslage klären: Im Idealfall formuliert man aus eigener Sicht (zum Beispiel «Ich denke, wir sind uns nicht einig darüber …») eingangs, worüber beide überhaupt in Streit geraten sind: Worüber ist man sich in der Sache gar nicht einig?
7. Eigene Perspektive verständlich machen: Die meisten Kommunikationsexperten und Psychologen raten immer wieder, Ich- statt Man-Botschaften auszusenden. Damit stellt man den eigenen Standpunkt in den Vordergrund und ermöglicht dem anderen, den seinen dagegenzustellen. Und man pfropft dem anderen nicht Teile seiner eigenen Sichtweise auf.
8. Gut zuhören und Verständnisfragen stellen: Neben dem Herausstreichen der eigenen Wahrnehmung und Botschaft gilt es im Wechsel gleich wieder, dem Gegenüber gut zuzuhören, es möglichst wenig zu unterbrechen, bis es seinen Standpunkt oder einen nächsten Schritt auf dem Weg dahin abgeschlossen hat.
9. Beleidigungen und grobe Provokationen meiden: Hilfreich ist es natürlich ebenfalls, den anderen nicht zu beleidigen oder allzu grob zu provozieren. Dies schafft nur grosse Irritationen, die vor der Fortsetzung des sachlichen Streits wieder ausgeräumt werden müssen, oder sorgen gar für den verfrühten Streitabbruch.
10. Am Ende gemeinsames Fazit suchen (und formulieren): Gegen Schluss wäre das Ziel, eine Art gemeinsame Basis, nächste Ziele für den Alltag (oder das nächste Streitthema?) festzuhalten. Es braucht noch nicht die grosse Einigkeit zu gelten, aber mindestens Einigkeit darüber, was man ausgeräumt hat und wo es noch anzusetzen gilt.

Autor: Reto Meisser