Archiv
20. Januar 2014

Die Tipps für Arbeitgeber von Behinderten

Worauf sollten Unternehmen vor der Anstellung von handicapierten Arbeitnehmern achten? Die wichtigsten Punkte verrät Ursula Büsser, Leiterin der Geschäftsstelle Compasso, dem Informationsportal zur Beruflichen Eingliederung für Arbeitgeber:

Die Anstellung eines Arbeitnehmers mit Beeinträchtigung
Die Anstellung eines Arbeitnehmers mit Beeinträchtigung lohnt sich für viele Firmen, beruht aber auf Vorabklärung, Vorbereitung und Begleitung. (Bild Keystone)

Der Betreuungsaufwand
Er gestaltet sich natürlich je nach Beeinträchtigung des künftigen Angestellten unterschiedlich, auch die Persönlichkeit spielt eine Rolle. So benötigt etwa ein unsichere Person mehr Aufmerksamkeit. Das wichtigste ist die Erkenntnis: Die Einstellung eines Menschen mit einer Beeinträchtigung sorgt für Mehraufwand.
Am Anfang sollte deshalb der bewusste Entscheid stehen, diesen auf sich zu nehmen. Um sich ein genaueres Bild davon zu machen, stehen vorab Gespräche mit dem IV-Berater oder dem Job Coach einer von der IV-Stelle beauftragten Firma an. Zumindest bei Arbeitskräften mit einer IV-(Teil-)Rente wie bei den im Migros-Magazin vorgestellten Menschen.
Ein Göttisystem mit einem Ansprechpartner, der stets für den handicapierten Angestellten zuständig ist, kann dann sinnvoll sein, wenn der direkte Vorgesetzte selbst oft nicht vor Ort oder verfügbar ist.
Die Erwartungshaltung und Leistungsziele
Eine unbefristete Festanstellung – mit entsprechender Reduktion der IV-Rente – stellt für den handicapierten Menschen, die IV und den Arbeitgeber in der Regel den Idealfall dar. Oft stehen am Anfang jedoch Vorstufen oder Alternativen dazu im Vordergrund:

Von einer Fachperson begleitete Trainingsplätze im ersten Arbeitsmarkt dienen neben dem Testcharakter primär zur Abklärung der Leistungsfähigkeit seitens IV. Bei diesem befristeten Modell stellt der Arbeitgeber einen Arbeitsplatz zur Verfügung und entwickelt vielleicht ein Interesse an langfristiger Zusammenarbeit. Er geht aber noch keinerlei weitergehende Verpflichtungen ein.

Ist ein klares Interesse des Unternehmens an einer Anstellung vorhanden, die gegenseitige Eignung von Angestelltem und Firma aber noch schwer abzuschätzen, greift man oft zu einem auf maximal 180 Tage befristeten Arbeitsversuch, ein neues Instrument, eingeführt mit der 6. IV-Revision. Hier wird ebenfalls noch kein Lohn entrichtet – das Taggeld springt in die Lücke.

Zuletzt besteht die Möglichkeit, eine Arbeitskraft mit gewisser Beeinträchtigung über das Personalverleih-Modell ins Haus zu holen. Dabei laufen der Kontakt und das Entgelt meist über eine Behindertenwerkstätte oder ein vergleichbares Unternehmen, das den Mitarbeiter anstellt und entlöhnt. Doch auch aus dieser losen Beziehung können sich Festanstellungen eines Handicapierten ergeben.
Die Kommunikation mit handicapierten Angestellten
Je nach Beeinträchtigung und vor allem zu Beginn ist eine andere oder zusätzliche Kommunikation nötig. Für beide Seiten ist aber letztlich eine möglichst «normale» Kommunikation das Ziel.
Zentral ist eine Ansprechperson für den Angestellten.
Die Teambildung mit anderen Angestellten
Aus Erfahrung ist vorgängig eine einfache Information der vorhandenen Belegschaft sinnvoll: Wer beginnt die Arbeit neu, unter welcher Beeinträchtigung leidet der Betreffende? Wichtig ist dabei auch die implizite Botschaft, dass die Anstellung in der Form vom Arbeitgeber gewollt ist. Entscheidend ist jedoch, ob die Belegschaft hinter dem Entscheid steht.
Die finanzielle Unterstützung
Bei verschiedenen Beschäftigungsmodellen besteht die Möglichkeit, dass die IV zeitweise Teile der Entlöhnung oder eines durch die Beeinträchtigung erhöhten Risikos übernimmt. Wie oben erwähnt, entstehen beim Arbeitsversuch bis auf eine gewisse Begleitung und Betreuung durch den Arbeitgeber noch gar keine Aufwände. Bei Integrationsmassnahmen wie dem Trainingsplatz steuert die IV maximal 100 Franken pro Arbeitstag bei. Wenig bekannt ist zudem die Tatsache, dass die IV bei einer Festanstellung eine sogenannte Schutzfrist von drei Jahren gewährt: In dieser Zeit kommt sie etwa bei einer unvorhergesehenen Verschlechterung des Gesundheitszustands, bei nachträglich unabdingbaren Anpassungen am Arbeitsplatz oder zusätzlich nötigen Hilfsmitteln im Arbeitsalltag für den Ausgleich auf oder übernimmt die anfallenden Kosten.
Der Arbeitsplatz
Auch bei einer nötigen individuellen Gestaltung des Arbeitsplatzes hilft die IV mit. Auch dazu stellt Compasso.ch verschiedene Merkblätter, Checklisten und Gesprächsleitfaden zur Verfügung.
In anderen Fällen helfen unter Kontakte aufgeführte Interessenverbände weiter.
COMPASSO: Berufliche Eingliederung – Informationsportal für Arbeitgeber Einige Fallbeispiele erfolgreicher Festanstellungen wie dasjenige eines jungen Manns bei der Amag als Folge eines Arbeitsversuchs.

WEITERE LINKS
Spezialisierte Arbeitsvermittler für Menschen mit Behinderung:
www.profil-proinfirmis.ch www.fondation-ipt.ch

Internetplattform für Menschen mit Behinderung oder schwerer Krankheit und für Arbeitgeber: www.myhandicap.ch

Autor: Reto Meisser