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04. Mai 2015

Tim Berners-Lee: Offenes Internet für alle

Ohne Tim Berners-Lee gäbe es das Internet, so wie wir es kennen, heute nicht. Er ist der Vater des World Wide Web. Am 29. April erhielt der Forscher den renommierten ­ Gottlieb-Duttweiler-Preis als Anerkennung für sein Lebenswerk.

Tim Berners-Lee hat mit seiner Erfindung die Menschen auf unserem Planeten miteinander verbunden.
Tim Berners-Lee hat mit seiner Erfindung die Menschen auf unserem Planeten miteinander verbunden.

Tim Berners-Lee, Sie haben das World Wide Web begründet, das wir heute als Internet kennen. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung Ihres Schülers?

Die letzten 20 Jahre waren eine fantastische Reise. Es war aufregend, und es war geradezu rührend, welche Energie und Kreativität die Menschen in das Internet steckten.

Das Web begann als Kommunikationsmittel für Wissenschaftler am Cern in Genf. Überrascht es Sie, dass es so schnell in Beschlag genommen wurde?

Rückblickend kann man tatsächlich feststellen, dass die Entwicklung des Internets sehr schnell gegangen ist. Doch am Anfang ging alles viel harziger. Vorgesetzte mussten überzeugt und Serverkapazität erkämpft werden. Es war wirklich harte Arbeit.

Heute scheint ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellbar zu sein. Wie würden Sie dessen Stellenwert beschreiben?

Das Internet ermöglicht es jedem Einzelnen, mehr aus seinen Fähigkeiten zu machen. Es gibt allen Menschen die gleichen Chancen. Jeder hat im Internet die gleichen Möglichkeiten, unabhängig davon, in welche Familie er geboren worden und wie reich er ist. Vor allem aber macht das Internet die Welt viel effizienter.

Gerade deswegen verunsichert es die Menschen auch. Das Internet ist, wie man heute sagt, «disruptiv». Es krempelt Wirtschaft und Gesellschaft um.

Normalerweise kommt etwas Besseres nach, wenn eine Gesellschaft umgekrempelt wird. Aber ich verstehe, dass gerade Printournalisten keine Freude an der Art und Weise haben, wie ihre Branche auf den Kopf gestellt wird.

Das geschieht bald in allen Branchen. Reisebüros sind am Verschwinden, und Banken werden «disruptiert».

Aber die Banken existieren immer noch, und sie werden weiterhin existieren. Auch der Journalismus wird nicht verschwinden.

Aber es gibt schon ziemlich viel Schund im Internet.

Gerade deswegen werden wir weiterhin guten Journalismus brauchen. Aber es stimmt: Wir alle müssen lernen, mit der neuen Technologie besser umzugehen, welche Blogs wir lesen, was wir im Netz veröffentlichen wollen.

Was ist beispielsweise mit der Pornografie?

Zuerst müssen wir festhalten: Pornografie mit Kindern ist illegal, meines Wissens überall auf der Welt. Auch andere kriminelle Seiten, wie Betrug und Drogenhandel, werden von der Polizei geahndet. Was normale Pornografie betrifft, gibt es grosse kulturelle Unterschiede. Es gibt Länder, in denen eine enthüllte Brustwarze bereits ein Skandal ist, andere tolerieren die Darstellung von Sex in allen Formen. Letztlich muss jede Gemeinschaft und jedes Individuum selbst entscheiden, wie weit sie gehen wollen.

Das Internet ist mehr als Kommunikation. Es verändert die Abläufe in der Wirtschaft und sorgt für veränderte Wettbewerbsbedingungen.

Ja, es ebnet den Markt ein. Immer mehr Geschäftsabläufe werden dank des Internets mit Computern abgewickelt. Suchmaschinen sagen Ihnen, wo Sie was am billigsten kaufen können. Wenn Sie früher beispielsweise neue Reifen für Ihr Auto kaufen wollten, dann gingen Sie in die Garage um die Ecke und hofften, einen guten Deal abzuschliessen. Schliesslich sind Sie im gleichen Golfclub wie der Garagist. Heute setzen Sie sich vor den Computer und schauen, wo Sie den besten Deal erhalten.

Das Internet ebent den Markt ein.

Das mag sehr effizient sein. Aber werden auf diese Weise nicht die sozialen Strukturen einer Gemeinschaft zerstört? Der Garagist will vielleicht nicht mehr mit mir Golf spielen, wenn ich die Reifen per Internet bestelle.

Ich finde, Privates und Geschäftliches sollte man trennen. Sie können weiterhin mit dem Garagisten Golf spielen, dank der Suchmaschine werden Sie sogar mehr Zeit dafür haben. Und wenn sein Angebot stimmt, wird er auch ohne Ihre Bestellung überleben. Das Einkaufen von Reifen betrachte ich zudem nicht wirklich als Qualitätszeit. Wenn Sie diese Zeit etwa für eine interessante Diskussion verwenden oder im Garten arbeiten, haben Sie mehr davon. Effizienz verhilft den Menschen zu mehr Qualitätszeit.

Die Menschen werden jedoch auch rund um die Uhr gemessen und beurteilt. Jeder Journalist weiss heute beispielsweise, wie viele Menschen seinen Artikel lesen, ob er Ihnen gefällt. Das gilt auch für Ärztinnen, Banker und Rechtsanwälte, aber auch für Köche, Verkäuferinnen und Kellner. Sind wir nicht alle davon überfordert?

Wir müssen tatsächlich vorsichtig sein, was wir messen wollen. Sich rund um die Uhr vonMaschinen kontrollieren zu lassen kann aucheine Falle sein. Der Computer sagt Ihnen, dass Ihr Artikel 500 Wörter enthält und von 500 000 Menschen gelesen wurde. Doch das sagt Ihnen nicht, was Ihr Artikel wert ist. Ein Kompliment, das Sie vielleicht zufällig erhalten, bedeutet für Sie viel mehr als die nackten Zahlen.

Wie könnte ein solches Modell aussehen?

Beispielsweise könnten Menschen, die Ihren Artikel gut finden, Sie dafür bezahlen. Damit würde die Abhängigkeit von der Werbung und von den nackten Zahlen abnehmen. Ich könnte mir ein Bezahlmodell vorstellen, bei dem Sie jeden Monat einen bestimmten Betrag einzahlen und der Computer dieses Geld automatisch an die Autoren der Artikel verteilt, die auch gelesen wurden. In der Musik ist dies heute teilweise schon möglich.

Es gibt mehrere Wissenschaftler, die ein zweites Internet fordern, weil das bestehende Internet hoffnungslos überfüllt sei. Was halten Sie davon?

Das Internet wird permanent umgebaut, daher verstehe ich diese Forderung nicht. Was meinen Sie mit überfüllt? Das Internet ist kein E-Mail. Sie können nicht von Spam-Mails zugemüllt werden. Wenn Sie vor dem Bildschirm sitzen und einen Browser öffnen, dann passiert gar nichts. Der Browser springt Sie nicht an und befiehlt Ihnen: Hey, du musst jetzt das und das tun. Er reagiert erst, wenn Sie Dinge anklicken. Nur weil es viel Junk im Internet gibt, heisst das noch lange nicht, dass Sie sich das alles auch ansehen müssen.

Sie betonen, dass das Internet allen Menschen die gleichen Chancen einräumt. Doch derzeit entsteht im Silicon Valley eine neue, sehr reiche IT-Elite. Milliardäre werden über Nacht geschaffen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Die neue Gesellschaft ist generell in einem Ausmass ungleich geworden, wie es nie zuvor der Fall war. Es ist schlimmer als in der Feudalzeit. Ich bin alles andere als glücklich über diese Entwicklung. Es ist für mich jedoch primär eine Frage des politischen Systems, vor allem in den USA, wo alle Politiker inzwischen sehr abhängig geworden sind vom Geld, das sie von den Konzernen erhalten.

Die neue Gesellschaft ist in einem Ausmass ungleich geworden wie nie zuvor. ... für mich primär eine Frge des politischen Systems.

Beschleunigt das Internet diese Entwicklung hin zu einer neuen Oligarchie?

Nein. Oder haben Sie eine Idee, wie man ein globales Kommunikationssystem anders gestalten könnte als mit dem Internet?

Millionen von Menschen erhalten dank des Internets eine Online-Hochschul-Ausbildung. Macht Sie das stolz?

Die Zahlen nehmen exponentiell zu. Bald wird rund die Hälfte der Menschen auf der Welt dank des Internets Zugang zu einer höheren Bildung haben. Das wird die Welt verändern, und zwar in allen Gebieten, vom Gesundheits- über das Bildungswesen bis hin zur Landwirtschaft.

In jüngster Zeit hat die Bedeutung von sozialen Medien wie Facebook und Twitter massiv zugenommen. Besteht die Gefahr, dass sie das Internet monopolisieren?

Ich spreche nicht über bestimmte Unternehmen. Aber die Gefahr der Monopolisierung besteht tatsächlich. Monopole sind tödlich für die Innovation. Ich bin in Grossbritannien aufgewachsen. In meiner Jugend konnte man nur von der Post ein Telefongerät kaufen. Das Resultat waren langweilige, schwerfällige schwarze Apparate. Erst als das Monopol aufgebrochen wurde, kam Bewegung in die Telekomszene. Monopole machen Menschen langfristig faul.


Im Internet entstehen jedoch derzeit Monopole. Deshalb geht beispielsweise die EU-Kommission gegen Google vor. Zu Recht?

Nochmals: Ich halte Monopole generell für gefährlich. Derzeit haben wir aber noch die Wahl zwischen verschiedenen sozialen Medien und Suchmaschinen. In unserem Labor am MIT (Massachusetts Institute of Technology in Boston, Anm. der Red.) suchen wir nach Lösungen, wie man verschiedene Seiten miteinander verknüpfen und so den Menschen eine bessere Kontrolle ermöglichen kann.

Es gibt zwei völlig verschiedene Zukunftsvisionen. Die eine sagt: Das Internet wird es möglich machen, dass wir alle Probleme – seien sie politischer, wirtschaftlicher oder ökologischer Natur – werden lösen können. Die andere sagt: Das Internet wird zu einer neuen IT-Diktatur führen. Wie sehen Sie das?

Es geht nicht um Prognosen. Wir haben die Wahl. Das Internet ist nicht wie das Wetter. Für eine offene und demokratische Gesellschaft können und müssen wir kämpfen. Wir müssen sicherstellen, dass das Internet weiterhin für alle offen bleibt. Wir müssen wirtschaftliche Monopole verhindern und dafür sorgen, dass Regierungen zur Rechenschaft gezogen werden können. Wir sollten nicht passiv einfach darauf warten, was geschehen wird. Wir müssen uns aktiv in die Konversation einbringen. Sonst könnten wir tatsächlich die falschen Ergebnisse erhalten.

Autor: Philipp Löpfe

Fotograf: René Ruis