Archiv
04. Juli 2016

Tierheime haben wieder Hochsaison

Auch dieses Jahr landen vor den grossen Ferien viele Tiere im Heim – als Feriengäste oder weil sie ausgesetzt wurden. Hunde trifft dieses Schicksal heute dank Chips seltener. Dafür sind immer mehr Nager und Reptilien betroffen. Das Interview mit einer engagierten Bündner Tierheim-Leiterin.

die Hälfte der Tierheimbewohner sind Katzen
Ausgerissen oder ausgesetzt? Über die Hälfte der Tierheimbewohner sind Katzen. (Bild: Keystone)

Jedes Jahr vor den Sommerferien das gleiche Theater: «Da kommt es jeweils zu einer erstaunlichen Häufung von plötzlichen Tierhaarallergien», sagt Helen Sandmeier vom Schweizer Tierschutz (STS).
Die glücklicheren Haustiere werden mit dieser Begründung zum Tierheim gebracht, mit der Bitte, sie zu übernehmen. Die weniger glücklichen werden einfach ausgesetzt. «Viele Leute denken, dass ihre Meerschweinchen oder Kaninchen problemlos überleben, wenn sie diese am Waldrand laufen lassen», sagt Sandmeier, «aber dem ist nicht so.»

Nach Einschätzungen des Tierschutzes ist die Zahl der Aussetzungen auf hohem Niveau stabil – wie auch generell die Zahl der ­aufgenommenen Tiere im Heim. «Hunde werden deutlich weniger ausgesetzt, seit sie einen Chip ­tragen müssen – weil der Halter sofort ermittelt werden kann.» ­Dafür trifft es mehr Nager und Reptilien, da Letztere häufiger gehalten werden.
Immerhin 68 Prozent aller Tierheimbewohner konnten 2014 wieder vermittelt werden. Das sei eine im internationalen Vergleich ziemlich hohe Quote, sagt Sandmeier. «Ausserdem werden in Schweizer Heimen keine Tiere getötet, nur weil man sie nicht vermitteln kann.» Eingeschläfert werde immer nur aus medizinischen Gründen.

Hochsaison haben Tierheime derzeit aber auch, weil viele Halter ihre Lieblinge während der Ferienzeit dort unterbringen. Da gilt es herauszufinden, ob das Tier gesellig ist oder ob es lieber seine Ruhe haben will.

DIE EXPERTIN

Belinda Conradin-Bourgeois (61) ist ausgebildete Konzertsängerin und Inhaberin des Tierheims Plan da Muglin
Belinda Conradin-Bourgeois (61) ist ausgebildete Konzertsängerin und Inhaberin des Tierheims Plan da Muglin in Ramosch GR

«Vor den Ferien häufen sich die Anfragen von Haltern, die ihr Tier loswerden wollen»

Belinda Conradin-Bourgeois (61) ist Sängerin und Inhaberin des Tierheims Plan da Muglin in Ramosch GR sowie Initiantin der Stiftung Pro Tierwaisenheim: plandamuglin.ch

Belinda Conradin, merken Sie, dass die grossen Sommerferien nahen?

Klar, wir haben während der Ferien viele Gäste im Tierheim. Und es häufen sich die Anfragen von Haltern, die ihr Tier loswerden wollen.

Wie begründen die Leute das?

Viele sagen, sie hätten eine Allergie oder es gebe Streit in der Familie, der Hund habe gebissen oder es gehe einfach nicht mehr.

Nehmen Sie solche Tiere auf?

Ja, gegen Bezahlung. Aber wenn ich merke, dass der Halter nicht bezahlen will, übernehme ich erst das Tier, lasse eine Verzichtserklärung unterschreiben und überreiche dann einen Einzahlungsschein. Vor Jahren hatte ich einen schlimmen Fall: Nachdem ich einer Person gesagt hatte, dass die Aufnahme ihres Hundes 100 Franken kosten würde, ging sie weg und liess das Tier auf einer Wiese erschiessen. Das war mir eine Lehre.

Wie häufig sind Sie mit ausgesetzten Tieren konfrontiert?

Nicht mehr so oft, im Moment haben wir gar keine. Das hat sich stark gebessert, seit Hunde einen Chip tragen müssen. Das Thema ist bei uns generell weniger gross als in den Städten. Aber tatsächlich war mein erstes Tier eine ausgesetzte trächtige Hündin. Mit ihr begann meine Tierschutzarbeit vor 20 Jahren.

Was würden Sie Haltern gern sagen, die ihr Haustier aussetzen?

(überlegt lange) Warum haben Sie sich ein Tier angeschafft, wenn Sie es dann einfach auf die Strasse stellen?

Wie viele Gäste haben Sie derzeit?

Total sind es im Moment 25, vor ­allem Hunde. Viele stammen aus Zürich – dank unserem Hundetaxi, das in der Hochsaison zweimal pro Woche Tiere zu uns bringt. Bei uns in Ramosch GR ist es weniger heiss, die Tiere haben viel Auslauf und eine tolle Spielwiese. Neben Hunden haben wir aber auch Katzen, Vögel und Nager.

Und die Halter? Rufen die an und fragen nach ihrem Liebling?

Das gibts selbstverständlich. Aber das ist okay, auch am Sonntag bis abends um 21 Uhr. Das gehört zum Service.

Sind die Tiere manchmal pflegeleichter als deren Halter?

Im Tierferienheim ganz, ganz selten. Anders sieht es in den Hundekursen aus. Dort ist das Problem oft auf der anderen Seite der Leine. Die Besitzer sind teils extrem unmotiviert, oder sie haben das Gefühl, alles besser zu wissen. Meist kommen sie nur, weil sie müssen. Ich kann verstehen, dass man das Kurs­obligatorium wieder abschaffen will – denn so bringt es ­eigentlich nichts.

Was bezweckt Ihre Stiftung «Pro Tierwaisenheim»?

Den Schutz und die Weitervermittlung von Tieren, die kein Zuhause haben. Derzeit haben wir 30 Hunde in dieser Situation. Einige bleiben auch bis zum Tod bei uns.

Viele Tiere haben einen Knacks, wenn sie zu uns kommen.

Wie einfach ist es, diese Tiere an neue Halter zu vermitteln?

In den letzten zehn Jahren haben wir 150 Hunde und 90 Katzen weitervermittelt. Aber viele Tiere haben einen Knacks, wenn sie zu uns kommen. Als ausgebildete Verhaltenstrainer versuchen wir zu klären, weshalb, und arbeiten dann mit ihnen. Erst anschliessend geben wir sie weiter.

Es werden auch immer wieder Strassenhunde aus dem Ausland importiert, die dann im Tierheim landen, weil die Halter mit ihnen nicht klarkommen. Gibts die auch bei Ihnen?

Derzeit zwei. Einer biss alles, was ihm in die Quere kam; nach einem Jahr hatten wir ihn so weit, dass er das nicht mehr tat. Ich würde eher davon abraten, Strassenhunde aus dem Ausland zu importieren. Aber ich reise auch bewusst nicht in solche Länder, weil ich weiss, wie schwer es mir fallen ­würde, nichts zu tun. Wer helfen will, der sollte Tierschutzprojekte vor Ort ­unterstützen. Das bringt mehr.

Autor: Ralf Kaminski