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12. Juni 2017

Thomas Meyer «trennt» unglückliche Paare

In «Trennt Euch!» rät ihnen der 42-jährige Bestsellerautor, reinen Tisch zu machen und auseinanderzugehen. Im Interview spricht er über Machtkämpfe, mangelnden Respekt und eigene gescheiterte Beziehungen. Dazu können Sie «das Buch von Thomas Meyer gewinnen».

Thomas Meyer schafft klare Verhältnisse
Thomas Meyer schafft klare Verhältnisse: Nie und nimmer würde er in einer unbefriedigenden Beziehung ausharren.

Was halten Sie davon, wenn Paare wegen der Kinder zusammenbleiben?

Nicht viel. Ich finde das feige und egoistisch. Man schiebt das Kindeswohl vor, um sich vor einer notwendigen Entscheidung zu drücken. Man tut seinen Kindern gewiss keinen Gefallen, wenn sie der einzige Grund sind, noch zusammenzubleiben.

Sie haben sich von Ihrer Partnerin getrennt, als Ihr Sohn vier Monate alt war. Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

So, wie es zu erwarten war: Es hiess, ich solle mich zusammenreissen und nicht jetzt schon aufgeben, dem armen Kind zuliebe. Das war für mich aber kein Argument. Unser Bub braucht zwei Elternteile, denen es gut geht. Und es ging uns beiden nicht gut. Daher trennte ich mich. Andere wiederum sagten mir, wenn es für mich nicht stimme, werde es auch in einem halben Jahr nicht stimmen. Genauso sah ich es auch.

Wieso?

Ich realisierte während unserer gemeinsamen Zeit, dass wir zu unterschiedliche Vorstellungen von einer Beziehung haben. Wir passten schlicht nicht zusammen.

Was ist denn Ihre Vorstellung?

Eine Beziehung ist dazu da, einander im Alltag und im persönlichen Wachstum zu unterstützen. Sie sollte ein Rahmen sein, in dem man sich mit Freude und Respekt begegnet.

Das hört sich etwas banal an.

Ja, aber trotzdem wird es oft ganz anders gehandhabt. Die meisten Beziehungen gestalten sich so, dass die beiden Partner zwar wissen, dass sie nicht zusammenpassen. Doch anstatt weiterzugehen, versuchen sie jahrelang, einander zu ändern und zu einem Menschen zu machen, dessen Verhalten einem genehm ist. Das ist ein Machtkampf. Und allein der ist schon ein Grund, eine Beziehung zu beenden. Zumal ihn noch nie jemand gewonnen hat.

Die Generation unserer Eltern sagt: Geht etwas kaputt, flickt man es. Sei es nun die Kaffeemaschine oder die Beziehung.

Immer wieder heisst es, man würde sich heute viel zu schnell trennen. Meiner Meinung nach versuchen viele Paare aber im Gegenteil viel zu lange, ihre Beziehung zu flicken oder besser: zum Laufen zu bringen. Es ist ja nichts kaputt, es passt einfach nicht. Letztlich ist Passen eine Frage des erträglichen Verhältnisses: Wenn Sie mit jemandem auf eine dreimonatige Weltreise gehen und es kommt an drei Abenden zu einer Auseinandersetzung, ist das nicht schlimm, sondern normal. Aber wenn Sie es nur an drei Abenden friedlich haben, wären Sie besser mit jemand anderem verreist.

Was sind denn für Sie zentrale Aspekte, damit es passt?

Wertesystem, Humor und persönliche Reife, um die wichtigsten zu nennen. Wenn der eine Partner beispielsweise Migranten als Menschen in Not betrachtet, denen geholfen werden muss, der andere sie aber als kriminelle Nutzniesser sieht, wird es schwierig. Oder wenn der eine mürrisch und negativ ist und der andere stets heiter. So entsteht kein Verständnis und damit auch keine Nähe.

In der Fernsehserie «Sex and the City» sagt eine Protagonistin, entweder habe man Sex ohne Beziehung oder eine Beziehung ohne Sex. Stimmen Sie dem zu?

Das ist sehr plakativ ausgedrückt. Aber wenn Sie im klassischen Sinn Leben, Bett und Badezimmer teilen, hilft das der Erotik bestimmt nicht. Dann muss man nicht mehr verführen und hat auch keine Sehnsucht. Das ist wohl tatsächlich bald nicht mehr so erotisch, aber noch kein Trennungsgrund.

Sie plädieren für einen Katalog von Fragen, den es nach spätestens fünf gemeinsamen Nächten zu klären gelte. Haben Sie das auch schon ausprobiert und Fragen gestellt wie: «Welchen Kompromiss kann ich nicht eingehen?»

Ja, einmal. Es war sehr hilfreich, so miteinander zu reden. Es hat sich aber später gezeigt, dass wir noch intensiver und ehrlicher darüber hätten diskutieren sollen. Ich habe beispielsweise für mich entschieden, dass ich punkto Respekt absolut keinen Kompromiss eingehen will.

Man darf nicht so naiv sein und denken, die Beziehung funktioniere, bloss weil man jemanden toll findet.

Ist ein analytischer Zugang zu einer Beziehung im Stadium der ersten Verliebtheit überhaupt realistisch?

Ja. Es ist zwar nicht sexy und nicht lustig, sondern anstrengend. Aber es ist unumgänglich, darüber zu reden, wie man die Beziehung führen will, wenn sie funktionieren soll. Vielleicht muss man ein solches Interview nicht schon nach fünf Nächten führen, es reicht auch nach zehn. Aber man darf nicht so naiv sein und denken, die Beziehung funktioniere, bloss weil man jemanden toll findet. Sie ist letztlich ein Konstrukt und nicht automatisch ein Quell guter Energie. Da begehen meiner Meinung nach viele einen kapitalen Denkfehler.

In Ihrem Buch «Trennt Euch!» nehmen Sie den Leser bei der Hand, um ihn durch seine Trennung zu begleiten. Warum?

Mein Wunsch ist, dass die Menschen zu sich selbst stehen und sich selbst wertschätzen. Wir wollen alle glücklich sein. Viele lassen jedoch Dinge zu, die sie unglücklich machen, ob es nun eine schlechte Beziehung ist oder ein falscher Job oder eine ungesunde Ernährungsweise. Mein Wunsch ist, dass es den Menschen gut geht. Und das Gegenteil macht mich traurig. Ich glaube, ich habe das Buch aus Betroffenheit geschrieben.

War das eine Art Therapie für Sie?

Nein. Ich reagierte schon immer sehr schnell, wenn etwas für mich nicht stimmte. Meine Leidenstoleranz ist gering. Ich lebe nicht, um Mühsames auszusitzen. Alle meine Trennungen, und die in meinem Umfeld, haben mir aufgezeigt, dass man sich in den grundlegenden Punkten verstehen muss, weil man sonst leidet. Therapeutisches Schreiben klappt bei mir aber sowieso nicht. Ich musste diesen Text mehrmals für längere Zeit weglegen, weil ich eine Trennung verarbeiten musste und keine Lust hatte, auch noch über dieses Thema zu schreiben.

Ich lebe nicht, um Mühsames auszusitzen.

Wie sind Sie bei der Arbeit für das Buch vorgegangen? Haben Sie sich beraten lassen, oder basieren die Ratschläge allein auf Ihren Erfahrungen?

«Trennt Euch!» ist kein Ratgeber, sondern eine subjektive autobiografische Arbeit, eine Kombination aus meiner Haltung, meinen Erfahrungen und Beobachtungen.

Alle, die Sie nun daten wollen, werden vorher Ihr Buch lesen.

Das wäre in der Tat eine gute Vorbereitung... Aber ich bin seit Kurzem wieder in einer Beziehung - und ich werde mit meiner neuen Freundin sehr bald ein Spezialtreffen für meinen Fragenkatalog vereinbaren.

Sie haben erstmals einen Essay geschrieben. Warum haben Sie diese Form gewählt und keinen Roman zur Trennungsthematik verfasst?

Weil die Haltung des Autors hier sehr wichtig ist, sich in einem Roman aber weit im Hintergrund halten muss. Ich wollte einen Kommentar zu einem Thema schreiben, das uns alle betrifft. Figuren und Dialoge hätten zu wenig deutlich funktioniert.

Wären Sie gern Paartherapeut?

Wenn schon Trennungstherapeut. Die Sitzungen bei mir wären allerdings immer sehr kurz (lacht).

... wäre eher Trennungs- als Paartherapeut. Die Sitzungen bei mir wären (...) immer sehr kurz.

Was halten Sie von Paartherapie?

Es ist etwas Grossartiges für Paare, die ­zusammenpassen. Eine gute Therapie eröffnet einen neutralen Raum, in dem man geschützt reden kann – mit einem ­Schiedsrichter. Hat das Paar jedoch grundlegende Differenzen, bringt eine Therapie überhaupt nichts.

Wie denken Sie über die Institution Ehe?

Sie ist eine wunderbare Erklärung gegenüber einem Menschen. Ich war selbst schon einmal verlobt, und ich kann mir gut vorstellen, doch noch zu heiraten. Es ist schön, wenn es funktioniert und sich zwei Menschen parallel entwickeln.

Könnte die «Ehe light» eine ideale Lösung für Paare sein? Eine Ehe auf Zeit, die man erneuern kann, aber nicht muss.

Das finde ich toll. Man sollte sowieso immer wieder innerlich zum Nullpunkt zurückgehen und sich und einander die Frage stellen, ob man sich noch gemeinsam weiterbringt oder gegenseitig bremst. Neben dem Respekt ist eine offene Kommunikation eines der Hauptmerkmale in einer funktionierenden Beziehung.

Sonst wird es schwierig.

Nein, unmöglich! Wenn jemand nicht sagen kann, was in ihm vorgeht, und wenn er es dann doch endlich tut und es gleich in einen aggressiven Vorwurf verpackt, ist ein Zusammenleben mit ihm unmöglich.

Apropos Zusammenleben: Könnte man, statt sich zu trennen, auch eine andere Beziehungsform suchen?

Ja. Viele Menschen haben ein grosses Bedürfnis nach Eigenraum, fordern das aber nicht ein. Es gäbe viele Paare, die zusammenpassen würden, aber eine Beziehungsform gewählt haben, die für sie nicht stimmt, weil sie zu eng ist. Dann haben sie den Mut nicht, sich wieder ein Stück zu distanzieren, sondern versuchen erfolglos, dieser Enge zu entsprechen. Meine Idealform wäre: verheiratet in zwei Wohnungen.

Für meinen Sohn (...) gibt es eine Papa- und eine Mamawohnung.

Ihr Sohn wächst auch in zwei Wohnungen auf.

Ja, es gibt für ihn eine Papa- und eine Mamawohnung. Er hat letztes Jahr herausgefunden, dass das gar nicht üblich ist. Ich habe ihm erklärt, dass seine Mutter und ich mal zusammengewohnt hätten, dass das nicht funktioniert hätte, ich seine Mama aber immer noch gern hätte. Sie hat schon lange einen neuen Freund, das ist der normale Lauf der Dinge, und dazu gehört auch eine Trennung. Sie muss nicht der absolute ­Niedergang sein. Auch das habe ich ihm ­erklärt. Ich glaube, er wird sehr entspannt mit dem Thema umgehen können. 


BUCHTIPP
Thomas Meyer, Trennt Euch!, Salis, 2017, demnächst erhältlich bei www.exlibris.ch für Fr. 16.70.

Autor: Reto E. Wild, Monica Müller

Fotograf: Dan Cermak